Noch 48 Stunden bis ZUM KRIEG

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Das Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien galt vielen als Vorwand, um einen Krieg zu beginnen. Zumindest war es nahezu unannehmbar.

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Das Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien galt vielen als Vorwand, um einen Krieg zu beginnen. Zumindest war es nahezu unannehmbar.

Bleiben wir in der Chronologie der unannehmbaren Ereignisse des Jahres 1914:

Für Österreich war die Ermordung seines Thronerben Franz Ferdinand eine unannehmbare Provokation. Dazu kam, dass Österreich von Beweisen für die Fernsteuerung der Attentate aus Belgrad sprach.

Der Wiener Geschichtsschreiber Günther Steinbach ("Der Schuss, der Millionen tötete", in "Schicksalstage Europas", Wien 2002) spricht von einem kurzfristigen "Bin Laden"- Effekt der Weltöffentlichkeit:

"Österreich wurde zugebilligt, dass es etwas gegen diese Art von Terrorismus tun müsse und dass Serbien -das durch seine Agitation gegen die österreichisch-ungarische Monarchie zumindest moralisch für das Attentat mitverantwortlich war - bestraft werden sollte."

Dazu kam, dass die Österreicher um den letzten Rest ihres ohnehin schon recht ramponierten Ansehens als Großmacht fürchteten, wenn sie auf die Provokation des Attentates zu schwächlich reagierten, und dass ihre stärkeren deutschen Verbündeten sie nicht mehr ernst nehmen würden. Also wurde der Standpunkt des Bündnispartners erkundet. Graf Hoyos, Bürochef des Außenministers Graf Berchthold, wurde nach Berlin zu Kaiser Wilhelm II. geschickt.

Die Vorsicht der Deutschen

Die Deutschen schwankten. Kaiser Wilhelm II., mit dem ermordeten Thronfolger befreundet, und knappe zwei Wochen vor dem Attentat noch zu Besuch bei ihm auf seinem Schloss Konopischt in Böhmen, sagte dem österreichischen Abgesandten vor dem Mittagessen, dass man vorsichtig sein müsste; die Folgen eines Vorgehens gegen Serbien wären schwer einzuschätzen. Nach dem Essen hatte er es sich überlegt. Jetzt versprach er volle Unterstützung, wenn Österreich energisch gegen Serbien vorgehen würde -und drängte ausdrücklich darauf. Das war am 5. Juli, eine Woche nach dem Attentat.

Die Deutschen wollten Österreich nicht schon wieder -wie schon im Balkankrieg - von einem Eingreifen abhalten, und es womöglich als Verbündeten verlieren. Von da an bestimmte diese Linie die deutsche Politik. Und es gab dort auch Politiker, die ohnehin glaubten, Deutschland sollte besser jetzt als später einen Krieg für die ihm zustehende Weltmachtrolle führen.

Damit, und man beachte das frühe Datum, war für die Österreicher die Entscheidung gefallen. Am 7. Juli beschloss der österreichische Ministerrat die Vorbereitung des Krieges gegen Serbien!

Um die Form zu wahren, sollte dem ein diplomatisches Vorspiel vorhergehen: ein Ultimatum mit möglichst unannehmbaren Forderungen.

Das vorzubereiten, dauerte noch einmal mehr als eine Woche. Und noch weitere Zeit ließen die Österreicher vergehen - um eines Kalküls willen Günther Steinbach: "Weil der französische Staatspräsident Mitte Juli einen Staatsbesuch bei seinem Bündnispartner, dem Zaren, absolvierte, sollten die Forderungen in Belgrad erst übergeben werden, wenn der französische Präsident wieder abgereist war. Das sollte Absprachen in St. Petersburg erschweren, meinten die schlauen Wiener."

Während sich der französische Präsident am 23. Juli gerade von seinen russischen Gastgebern verabschiedete, überreichte Baron Gisl, der österreichische Gesandte in Belgrad, das Ultimatum. Der englische Außenminister Grey nannte es das formidabelste Dokument, das je von einem Staat an einen anderen gerichtet wurde. Österreich-Ungarn verlangte: eine offizielle Distanzierung der serbischen Regierung von allen antiösterreichischen Aktionen, das Verbot einschlägiger Vereine und Publikationen, die Entlassung und Bestrafung von österreichfeindlichen Beamten und Offizieren. Und die am weitesten gehende Forderung: die Duldung der Beteiligung von österreichischen Behördenvertretern an der Durchführung dieser Maßnahmen und an den Untersuchungen gegen die Mitverantwortlichen für den Mord von Sarajewo in Serbien selbst. Eine Antwort wurde binnen 48 Stunden verlangt.

Das Ultimatum

"Die Nachricht vom Ultimatum schlug in ganz Europa wie eine Bombe ein. Nach fast vier Wochen, in denen Österreich nicht hatte erkennen lassen, dass es derart heftig auf das Attentat reagieren würde, gab es wenig Verständnis für diese Vorgangsweise", urteilt Autor Steinbach. Andere österreichische Historiker, wie etwa der Direktor des Wiener Heeresgeschichtlichen Museums M. Christian Ortner, sind der Ansicht, dass auch dieser Punkt von Serbien angenommen werden hätte können - um des lieben Friedens willen, hätte man ihn denn dort auch gewollt.

Besorgnisse kamen auf, und auf internationalen Druck verlängerte Österreich die Frist.

Jedenfalls übergab der serbische Ministerpräsident Pasic knapp vor Ablauf des Ultimatums am Nachmittag des 25. Juli Baron Gisl die Antwort. Es war ein sehr geschickt abgefasstes Papier. Im Prinzip sagte Serbien alles zu, was Österreich verlangt hatte, außer dem Einsatz offizieller österreichischer Vertreter in Serbien. Aber man schlug wenigstens vor, darüber zu verhandeln. Wieder Günther Steinbach:

"Baron Gisl hatte nicht viel Zeit, diesen wichtigen Text, der immerhin über Krieg oder Frieden entschied, zu studieren: Der Zug, mit dem er auftragsgemäß Belgrad verlassen sollte, wenn das Ultimatum nicht ohne Einschränkung angenommen würde, fuhr eine halbe Stunde nach der Übergabe der serbischen Antwort von Belgrad ab. Gisl stellte fest, dass die Antwort keine bedingungslose Annahme der österreichischen Forderungen war, brach die diplomatischen Beziehungen ab, bestieg den Zug und war nach wenigen Minuten am anderen Ufer der Save auf dem Gebiet der Monarchie. Damit war die Situation sehr ernst geworden. Geradezu gewaltsam mussten die Gelegenheiten übergangen werden, doch noch zu einer friedlichen Lösung zu kommen."

Am Dienstag, den 28. Juli, telegrafierte der österreichische Außenminister Graf Berchthold nach Belgrad die österreichische Kriegserklärung. Was Berchtold nicht wusste: Deutschlands oberster Politiker und Militär, Kaiser Wilhelm, hatte, eben aus dem Urlaub zurückgekehrt, wenige Stunden vor der österreichischen Kriegserklärung die serbische Antwort ausreichend gefunden und keinen Grund mehr für einen Krieg gesehen

Ultimatum oder nicht - Krieg ist!

Aber -Absicht oder Schlamperei: Der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg gab das erst nach Wien weiter, als Österreich Serbien bereits den Krieg erklärt hatte.

Doch im Grunde war dem Großteil der österreichischen Öffentlichkeit die ganze Sache mit dem Ultimatum schon egal.

"Niemals wurde ein Krieg für eine gerechtere Sache begonnen als der, für den sich nun Österreich erhebt", beginnt der Leitartikel der vom nachmaligen "Furche"-Gründer Friedrich Funder als Chefredakteur geleiteteten "Reichspost" am 28. Juni 1914. Neben dessen Schlagzeile: "Anklage vor Europa!" wird die Marschroute in einem Gedicht Richard von Kraliks vorgegeben:

"Oestreichs Heil und Oestreichs Ehre, Seine Kraft und seine Wehre Standen nie in bess'rer Hand: Mit uns fordern heil'ge Mächte Nur das Gute, das Gerechte : Sühne für Franz Ferdinand!"

Es konnte also losgehen.

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