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Der Unbeliebte

28. Juni 1914 - Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo: Die Trauer über den Tod von Franz Ferdinand und seine Frau Sophie hält sich in Grenzen, dafür herrscht große Freude über diesen Anlass zum ersehnten Krieg.

Die Furche: War das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo der Funke im Pulverfass, der den Ersten Weltkrieg ausgelöst hat?

Brigitte Hamann: Wenn das Attentat auf Franz Ferdinand und seine Frau tatsächlich der Grund für den Krieg gewesen wäre, dann hätte der Erste Weltkrieg ja vier Wochen früher anfangen müssen. Man muss also den Eindruck haben, dass dieses Attentat der willkommene Anlass für Österreich-Ungarn und vor allem das Deutsche Reich war, mit einem Krieg, von dem sie gedacht haben, dass er sowieso nicht zu verhindern ist, möglichst schnell anzufangen.

Die Furche: Wer waren die Kriegstreiber?

Hamann: Vor allem die hohen Beamten des Außenamtes: Außenminister Graf Berchtold konnte den Kaiser nur dazu bringen, dieses unannehmbare Ultimatum an Serbien zu unterschreiben, indem er ihm erklärte, dass die Serben einen Überfall an der österreichisch-serbischen Grenze begangen hätten - das war eine glatte Lüge, das ist nie passiert. Daraufhin hat der Kaiser erbost dem Ultimatum zugestimmt, das so verfasst war, dass es einen Krieg auslösen musste. Aber Franz Joseph hat ganz fest daran geglaubt, dass dieser Krieg nur ein dritter Balkankrieg gegen Serbien ist.

Die Furche: Ein kleiner, begrenzter, kurzer Krieg - deswegen blieb der Kaiser auch auf Sommerfrische?

Hamann: Der Kaiser war wie immer im Sommer in Bad Ischl, und auch der deutsche Kaiser Wilhelm war wie jedes Jahr auf seiner Nordkap-Reise. Und die Öffentlichkeit hatte das Attentat fast vergessen. In Wien und Berlin konnte man also in Ruhe hinter den Kulissen verhandeln. Zuerst mussten die Österreicher sicher sein, dass sie Rückhalt vom Bundesbruder Deutschland bekommen, sollte Russland auf serbischer Seite eingreifen. In Österreich dachte man ausschließlich an Serbien und Russland.

Die Furche: Und in Berlin?

Hamann: Deutschland hatte ganz andere Interessen: In Deutschland existierte der Schlieffen-Plan für einen Angriffskrieg gegen Frankreich. Diesen Plan gab es schon seit 1905, und man wartete nur auf einen guten Zeitpunkt für seine Umsetzung. Der Hilferuf aus Wien war dafür ideal, denn er gab Deutschland den Vorwand an der Seite Österreichs einen Verteidigungskrieg zu führen. Nur so ist der Patriotismus und die Unterstützung für diesen Krieg zu erklären. Man kann nicht sagen, die Leute wollten einen Weltkrieg - daran haben die ja gar nicht gedacht.

Die Furche: Woher kam diese große Kriegsbegeisterung?

Hamann: Der letzte Krieg war 1870/71 gewesen, und der war regional begrenzt und in 196 Tagen vorbei. Dieser Krieg war für die Deutschen ein einmaliger Erfolg: Das deutsche Kaiserreich basierte auf diesem Sieg. Und die Reparationen, die Frankreich zahlen musste, haben Deutschlands Wirtschaftsmacht und Reichtum begründet. Das Selbstbewusstsein und die Präpotenz der Deutschen war riesig. Die Leute dachten: Wir machen wieder einen kurzen Krieg. Wir haben das beste Militär, die besten Soldaten und eine unfehlbare Strategie. Alles war genau ausgerechnet: Die Deutschen waren überzeugt, dass sie in 42 Tagen in Paris sind - und dann ist der Krieg vorüber und sie sind die Herren in Europa - aber alles ist anders gekommen.

Die Furche: Warum?

Hamann: Beim Ersten Weltkrieg sieht man so anschaulich, dass alle Kriegspläne nur mehr Papier sind, sobald man in die Realität geht. Der Schlieffen-Plan hat ja auch angenommen, dass die Russen 40 Tage zur Mobilisierung ihrer Truppen brauchen - stimmte ja auch nicht. Schon im August sind die Russen in Ostpreußen einmarschiert und haben gesiegt.

Die Furche: Zurück zu den Schüssen von Sarajewo - war die Reise von Franz Ferdinand nach Sarajewo eine bewusste Provokation?

Hamann: Der Besuch in Sarajewo war ausgerechnet am 28. Juni angesetzt, dem nationalen Trauertag der Serben in Erinnerung an die 1389 verlorene Schlacht auf dem Amselfeld. Jetzt kann man sagen, dieses Ereignis liegt lange zurück - aber seit der MilosÇevic´-Rede auf dem Amselfeld und dem folgenden Unheil wissen wir um die Bedeutung dieses Mythos in Serbien. Dass ein Attentat in Sarajewo möglich ist, war Franz Ferdinand sicher bewusst. Bereits bei seiner Hinfahrt zum Rathaus von Sarajewo scheiterte ein Handgranaten-Anschlag eines 19-jährigen Bosniers, verletzte aber einen Adjutanten schwer.

Die Furche: Aus welchen Motiven heraus tötete der Täter?

Hamann: Gavrilo Princip war serbischer Bosnier und hat angegeben aus Liebe zu seiner Nation gehandelt zu haben. Dass er von der serbischen Regierung zum Mord angestiftet worden war, konnte nie bewiesen werden.

Die Furche: War Franz Ferdinand ein beliebter Thronfolger?

Hamann: Nein, weder beim Kaiser noch beim Volk. Kaiser Franz Joseph verzieh ihm die nicht-ebenbürtige Ehefrau nie und gestattete aus Standesgründen nicht einmal eine gemeinsame Beisetzung des Paares in der Kapuzinergruft. Um kein Aufsehen zu erregen, wurden die Särge nach der Einsegnung in Wien nachts zum Bahnhof und von dort zum Privatschloss Artstetten gebracht.

Die Furche: Woher kommt seine Unbeliebtheit beim Volk?

Hamann: Franz Ferdinand war sehr herrisch, ein fanatischer Antisemit, Gegner der Ungarn und gegen alles Liberale. Moderne Kunst und Künstler verabscheute er, und er hat immer alles getan, um deren Erfolg zu verhindern. In seiner Jugend war er einer dieser sehr wilden Erzherzöge, die sich um das Volk nicht geschert haben. Einmal ist er aus Übermut mit seinem Pferd über einen auf der Straße dahin ziehende Leichenzug gesprungen. Man muss aber auch sagen, dass ihm die Ehe mit Sophie Chotek gut getan hat. Sein Familienleben war im Vergleich zu dem anderer Habsburger sehr harmonisch.

Die Furche: Was waren Franz Ferdinands politische Vorhaben?

Hamann: Er war slawenfreundlich, das kann auch von seiner Frau hergekommen sein. Das slawische Element wollte er als dritte Macht neben dem Deutschen und Ungarischen stärken. Aber das hätten die Ungarn nie mitgemacht. Deswegen war er ja auch bei den Ungarn der verhassteste Erzherzog überhaupt - die haben sich wirklich über dieses Attentat gefreut. Und auch sonst hält sich die Erschütterung über den Tod des Thronfolgers in Grenzen. Arthur Schnitzler notierte noch am Todestag: "Die Ermordung F.F.s nach der ersten Erschütterung wirkte nicht mehr stark nach. Seine ungeheure Unbeliebtheit."

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

Mitten im Ersten Weltkrieg erinnert sich die Wienerin Annerl Tampier an den Juli 1914 "als das Gepäck schon zum Absenden bereit lag für die Urlaubsfahrt ins Ötztal. 3 Jahre trennen uns nur von jenen Tagen, doch welche Weltenferne liegt dazwischen. Sind wir wirklich noch dieselben Menschen, die damals so sorglos lebten?"

Eines von vielen Zitaten aus Brigitte Hamanns Buch "Der Erste Weltkrieg"; einer jener zahlreichen Seufzer, mit denen die Wiener Historikerin die Wahrheit der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" verdeutlicht. Daneben stellt Hamann die Lügen des Ersten Weltkriegs, die Propagandatexte und -bilder, mit denen die Menschen vor und während des Krieges getäuscht wurden. Das Buch ist kein wissenschaftliches oder militärhistorisches Werk. Mit zeitgenössischen Bildern und privaten Texten macht Hamann aber die vier Kriegsjahre aus dem Alltag der Menschen heraus vorstellbar - was gerade nicht heißt, dass damit das Fragen über diesen Krieg aufhört. So wie die Schriftstellerin Käthe Kollwitz ihr Leben lang grübelt: "Wo sind die Schuldigen? Gibt es die? Sind alles Betrogene? Ist es ein Massenwahnsinn gewesen? Und wann und wie wird das Aufwachen sein?" WM

DER ERSTE WELTKRIEG.

Wahrheit und Lüge in Bildern und Texten.

Von Brigitte Hamann, Piper München 2004,

192 Seiten, 425 Abbildungen, geb., e 29,90

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