SehnSucht nach Sommerfrische

1945 1960 1980 2000 2020

Die Historikerin Marie-Theres Arnbom erzählt die Geschichten von Häusern: Ihr jüngstes Buch führt zu den Villen am Attersee.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Historikerin Marie-Theres Arnbom erzählt die Geschichten von Häusern: Ihr jüngstes Buch führt zu den Villen am Attersee.

Heute wird Urlaub gemacht. Ein Wort, mit dem Abschalten und Ausspannen assoziiert wird. Nur in seltenen Fällen Gedankenaustausch oder Kreativität. Die Sommerfrische von anno dazumal war überhaupt etwas grundlegend Anderes, heute kaum noch Nachvollziehbares.

Die Historikerin und Journalistin Marie-Theres Arnbom hat sich in ihren Büchern über den Wolfgangsee, Bad Ischl und neuerdings den Attersee mit jenen luxuriösen Villen auseinandergesetzt, die sich wohlhabende Industrielle, Bankiers, Künstler und Exzentriker erbauen ließen oder mieteten, um mit ihren Familien und Freunden den Sommer zu verbringen. "Sommerfrische ist ein Lebensgefühl und hat nichts mit Urlaub zu tun. Zur Sommerfrische fehlt heute das Umfeld. Die Familie als solche hatte einen anderen Stellenwert als heute. Familien, die im Sommer in Wien miteinander verkehrt hatten, wollten das auch in den Sommermonaten fortsetzen. Die Orte am Attersee lagen weit auseinander und so war man gezwungen, in einen Ort zu fahren, wo bereits andere Gleichgesinnte und Freunde waren, denn sonst war man ja vollkommen allein. Man musizierte gemeinsam, jausnete, tarockierte, kraxelte auf die Berge oder fuhr mit dem Rad. Auch gab es bereits einen großen Segelclub und um das Segeln herrschte am Attersee ein großer Hype."

Quellen aller Art

Um die Architektur der Villen ging es Marie-Theres Arnbom weniger als um die handelnden Personen. Sie liebt interessante Menschen und ihre Geschichten und kann sie spannend erzählen. Im Gegensatz zu den alten Heimatbüchern, die sich auf die subjektiven Aussagen der Nachfahren und auf prominente Persönlichkeiten wie Gustav Klimt oder Gustav Mahler beschränkten, versucht sie mit einer bewundernswerten Konsequenz und Hartnäckigkeit Quellen aller Arten aufzuspüren.

Worin unterscheiden sich diese oft auch schrägen und extravaganten Typen von heutigen Villenbesitzern? Konnten sie sich in den Sommermonaten ein wenig austoben? "Gesellschaftliche Schranken hatten sie nicht gesprengt, weil sie ja aus der oberen Schicht kamen. Nur die Jungen, die hatten mehr Freiheit, weil es in der Sommerfrische kein geregeltes, kontrolliertes Alltagsleben gab. Sie konnten sich öfter davonmachen. Die Kluft zwischen Städtern und Einheimischen war groß und existiert ja nach wie vor. Die Städter treten gegenüber der Landbevölkerung mit einer gewissen Überheblichkeit und Überlegenheit auf und die Landbevölkerung verachtet die verkommenen Moralvorstellungen der Städter. Das Dorf bietet eben eine andere, überschaubare Struktur als die anonyme Großstadt. Man fühlt sich im begrenzten Raum wohl und aufgehoben, ist dort allerdings mehr der Kontrolle ausgesetzt, die es in einer Stadt in dieser Form nicht gibt."

Marie-Theres Arnbom versucht, die völlig andere Gesellschaftsstruktur nachzuempfinden und nicht -wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen -historische Betrachtungen eines anderen Jahrhunderts aus heutiger Sicht zu bewerten. "Die Frauen waren zu Hause, was aber keineswegs heißt, sie hätten nichts gearbeitet. Einen großen Haushalt mit Angestellten zu führen verlangte Verantwortungsgefühl und Managementfähigkeit. Es war wichtig, Einladungen zu Hause zu geben, Kontakte zu knüpfen und Leute aus Politik und Kultur miteinander zu vernetzen, um den Mann geschäftlich zu unterstützen. Das gibt es heute in dieser Form kaum noch, da die Frauen ihre eigene Karriere machen wollen."

Vor allem haben sich die Umgangsformen geändert. Man kommt sich jetzt schnell nahe, duzt einander und ist sich dabei ferner und fremder als je zuvor. Außerdem fehlt der Ehrgeiz, sich auch kulturell zu bilden. Theater-,Opern-und Museumsbesuche gehören nicht mehr zum guten Ton. Bildung hat nicht den Stellenwert, den sie einst hatte, sie ist sogar weitgehend verzichtbar. Das ist ein Versäumnis von Elternhaus und Schule. "Früher war Bildung für den gesellschaftlichen Aufschwung notwendig. Im Lehrplan der Schulen haben heute kulturelle Fächer einen geringeren Stellenwert als naturwissenschaftliche oder Fremdsprachen. Dabei machen gerade sie das Niveau einer Gesellschaft aus."

Aktive Freizeit

Nicht nur in der Sommerfrische waren die Menschen risikofreudiger und innovativer. Sind sie heute vorsichtiger geworden?"Man will sich nicht positionieren. Das sich Schadloshalten und sich irgendwie Durchwursteln nimmt heute überhand. Zweifellos war damals aber auch das Tempo langsamer. Es gab Wohltätigkeitsveranstaltungen, für die sich die Familien den ganzen Sommer über einsetzten. Es wurden dafür Texte geschrieben, Bilder gemalt, Werke komponiert und aufgeführt. Man war aktiver und das nicht nur beim Sport. Heute lässt man sich berieseln. Man schaut fern, man spielt und musiziert nicht, man konsumiert. Freizeit ist heute passiv. Dazu ist das Leben doch viel zu kurz! Früher mussten die Leute um etwas zu erleben aus dem Haus gehen!"

Nicht zuletzt deshalb sind jene Geschichten, die das Leben damals schrieb, mitunter so skurril und spannend wie Kriminalromane oder Opernlibretti. Da wäre zunächst eine der Affären von Victor Léon, dem Librettisten zahlreicher Operetten, der sich eine prachtvolle Villa in Unterach errichten ließ. Hier verbrachte er den Sommer mit seiner Frau Ottilie, ebenso mit seiner Tochter Lizzy und deren Mann Hubert Marischka und den Kindern. Bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung fasziniert ihn die herrliche Mädchengestalt des Frl. Risa Strisower, der Nichte des Komponisten und Berghof-Besitzers in Unterach, Ignaz Brüll. Ausgerechnet in der Unteracher Kirche wird er mit ihr von seiner Frau Ottilie "zärtlich erwischt", wie Arthur Schnitzler das in seinem Tagebuch festhielt.

Brisante Geschichten

Eine der brisantesten Geschichten spielte sich in der Villa des Stilmöbelfabrikanten Max Schmidt in Seewalchen ab. "Das war ein gediegener Herr, der sich in eine Buffetdame des Budapester Orpheums, Emilie Koczsan, unsterblich verliebte und sie mit Seidengewändern und Juwelen überhäufte. Die als Magnaten-Elsa auch heute noch in Ungarn berühmte Lebedame fand ein grauenvolles Ende. Sie wurde von ihrem Dienstmädchen und deren Liebhaber erdrosselt und in einem Korb in die Donau versenkt. Zu ihrem Begräbnis in Budapest pilgerten tausende Menschen, so dass es zu einem Verkehrschaos und einer Prügelei kam."

Auch Operndiva Maria Jeritza konnte die Sommerfrische in ihrer Villa in Unterach nicht sorgenlos genießen. Sie musste sich mit Prozessen herumschlagen, da man sie und ihren Mann, Baron Popper von Podhragy, in gleich zwei leicht dechiffrierbaren Schlüsselromanen nicht gerade schmeichelhaft dargestellt hatte.

Nur Gustav Mahler, der in einem Gasthof in Weissenbach wohnte, hielt sich vom Gesellschaftsleben fern. Dem Komponisten und Hofoperndirektor gehört die ganz besondere Liebe und Verehrung der Autorin. "Er hatte eine ganze Etage für seine Familie und seine Lebensfreundin, die Geigerin Natalie Bauer-Lechner gemietet. Um beim Komponieren nicht gestört zu werden, ließ er ein kleines Häuschen am See errichten, in dem ein aus Wien herbeigeschafftes Klavier untergebracht wurde. Eines der Fenster war auf den See, eines auf das Gebirge gerichtet. Wenn ich die dritte Symphonie höre und die Augen schließe, sehe ich den Attersee." Bleibt noch zu wünschen, dass Marie-Theres Arnbom ihre Neugierde und Arbeitskraft auch weiterhin jenen Regionen einstiger Sommerfrischen widmet und uns immer wieder daran erinnert, was unser geheimnisvolles und widersprüchliches Österreich einmal ausgemacht hat.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau