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"... und wenn wir alle draufgehen"

Claus Graf Schenk von Stauffenberg ist die letzte Hoffnung der Umstürzler: Er hat Zugang zu Hitler, Willen und Mut zum Tyrannenmord. Doch es scheint, "der Führer habe den Schutz des Teufels auf seiner Seite".

Bis zum Juli 1944 hatte es über 40 Attentate, Attentatsversuche und -pläne gegen Hitler gegeben. Georg Elser wusste nach Ausbruch des Weltkrieges, dass Hitler Krieg bedeutete und zündete im Münchner Bürgerbräukeller am 8. November 1939 eine Bombe, die den Diktator nur knapp verfehlte. Später gab er zu Protokoll: "Ich wollte ja durch meine Tat noch größeres Blutvergießen verhindern."

Elser ist ein Einzeltäter, an späteren Attentatsversuchen sind immer größere Personengruppen beteiligt. Die Missgeschicke der Attentäter waren zahlreich, Hitlers Glück beinahe unglaublich. Die Nationalsozialisten führten das auf das Wirken der Vorsehung zurück, der Verschwörer Fabian von Schlabrendorff meinte, "der Führer habe den Schutz des Teufels offensichtlich auf seiner Seite".

"Die Lösung heißt töten"

Claus Graf Schenk von Stauffenberg, kurz zuvor zum Chef des Stabes des Ersatzheeres ernannt, war die letzte Hoffnung der Verschwörer. Er nahm öfters an Lagebesprechungen in der "Wolfsschanze" in Ostpreußen teil und hatte damit direkten Zugang zu Hitler. Der 36-Jährige war ein sehr begabter Offizier, deutscher Patriot und eine Persönlichkeit, die später selbst bei der Gestapo widerwillige Bewunderung hervorrief.

1933 Hitler noch positiv gesonnen, war Stauffenbergs Gesinnungswandel typisch für viele Wehrmachtsoffiziere. Wendepunkt dürfte der Winter 1941/42 gewesen sein: Zunächst die Einsicht, dass der Russlandfeldzug in einer Katastrophe endet, dann die radikale Folgerung, dass es nur eine Lösung gebe, um Hitler zu stoppen: "Sie heißt töten."

Nach dem Attentat: Walküre

Nach dem Attentat sollte "Walküre" ausgelöst werden, ursprünglich ein Plan zur Niederschlagung innerer Unruhen im Deutschen Reich, den die Verschwörer in ihrem Sinne umgearbeitet hatten. Nach dem Staatsstreich waren Friedensverhandlungen mit den Alliierten geplant. Am Donnerstag, dem 20. Juli 1944, einem heißen Hochsommertag, verläuft zunächst alles planmäßig: Stauffenberg fliegt mit seinem Adjutanten Werner von Haeften in die "Wolfsschanze" und macht die Zeitzünder der Bombe scharf. Keine leichte Aufgabe, denn Stauffenberg war in Nordafrika schwer verwundet worden, hatte seine rechte Hand und ein Auge verloren. Von seiner linken Hand waren nur noch drei Finger übrig. Bevor er die zweite Sprengladung scharf machen kann, werden die beiden Verschwörer gestört. Da macht Haeften einen schweren Fehler: Er legt die zweite mitgebrachte Sprengladung in seine eigene Tasche, statt in die von Stauffenberg. Experten sind sich einig, dass der zweite Sprengstoff auch ohne Zünder zusammen mit der ersten Bombe explodiert wäre - mit tödlichen Folgen für alle Anwesenden in der "Lagebaracke". Hitler überlebt - auch wegen eines massiven Tischsockels, der einen Teil der Druckwelle abfängt.

"Wenn das Schwein tot wäre"

Nachdem Hitler das Attentat überlebt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Staatsstreich zusammenbricht. Typisch ist die Reaktion Feldmarschalls Hans Günther von Kluge: "Ja, wenn das Schwein tot wäre ..." Die Isolierung des Führer-Hauptquartiers gelingt nicht, der Reichsrundfunk bleibt in der Hand der Hitler-Anhänger, die jeden Widerstand ausschalten.

Der engste Kreis der Verschwörer wird noch in der Nacht des 20. Juli hingerichtet. Die im "Volksgerichtshof" inszenierten Prozesse gegen die Verschwörer werden zur Farce. Für die deutschen Kinos sind die Prozessaufnahmen aber ungeeignet. Propagandaminister Joseph Goebbels fürchtet, die Aufnahmen könnten beim Publikum Mitleid und Respekt vor der würdevollen Haltung der Angeklagten hervorrufen. Verschwörer Erich Fellgiebel etwa meinte: "Ich bin mir klar, dass ich gehängt werde, bereue meine Tat aber nicht und hoffe, dass sie ein anderer in einem glücklicheren Augenblick durchführen wird." Der Angeklagte Josef Wirmer entgegnete auf die Bemerkung von "Volksgerichtshof"-Präsident Roland Freisler: "Bald werden Sie in der Hölle sein!" gelassen: "Es wird mir ein Vergnügen sein, wenn Sie bald nachkommen, Herr Präsident."

Hitler benutzt den Anschlag aber auch um Ermordungen von politischen Gegnern zu befehlen, die nicht in die Verschwörung verwickelt waren. Dazu kommt die gesetzeswidrige Sippenhaft gegen die Verwandten der Verschwörer. Für Reichsführer SS Heinrich Himmler stand fest: "Die Familie Graf Stauffenberg wird ausgelöscht bis ins letzte Glied."

Gegen die Offiziersehre

Was motivierte die Verschwörer? War es die Einsicht, dass der Krieg verloren war? Ging es ihnen "nur" um Deutschland und seine Zukunft oder auch darum, den Massenmorden an Juden, Kommunisten und anderen ein Ende zu bereiten?

Die Interpretation des Widerstands als Vorstufe des liberalen Rechts- und Verfassungsstaates ist umstritten. Viele Verschwörer folgten traditionellen, obrigkeitsstaatlichen und die Machtpolitik betonenden Visionen von Deutschland. Andererseits ist als Motiv für den Widerstand aber der nüchterne Realitätssinn vor allem der Berufssoldaten hervorzuheben, der sich ganz deutlich von der fanatischen ideologischen Verblendung der Nationalsozialisten abhebt. Dazu kommt bei den Offizieren ein Ehrbegriff, der sich etwa daran zeigt, dass sie nach dem gescheiterten Attentat bereit sind, den eigenen Tod mit Würde zu ertragen. Die Verschwörer sahen überdies den Vernichtungskrieg im Osten, die Erschießung von Juden, Kriegsgefangenen, Kommissaren und Zivilisten als "Verletzung der Ehre der deutschen Armee, in Sonderheit des Deutschen Offizierskorps", wie es Freiherr von Gersdorff freimütig in einem Bericht für das Oberkommando der Heeresgruppe Mitte schon im Dezember 1941 formulierte.

"Zum Edelsten der Völker"

Diese Feststellung führt zum wichtigsten Aspekt bei der Frage nach der Motivation der Verschwörer: Ihr Widerstand war eine Frage der moralischen Überzeugung. Verschwörer Henning von Tresckow sagte über das Attentat: "Wir müssen es tun, auch wenn es nicht glückt, und wenn wir alle draufgehen. Denn es darf später nicht heißen: Es ist niemand gegen dieses Unrecht aufgestanden." Wer nicht handle, so Stauffenberg vor dem 20. Juli, werde "zum Verräter vor seinem eigenen Gewissen". Der Mitverschwörer Philipp von Boeselager sah das genau so: "Es war eine Frage des Gewissens, ob man mitmachte oder nicht. Ob man die Gräuel stillschweigend duldete oder ob man etwas dagegen unternahm." Am Ende kam es für viele nur noch darauf an, dass dieser "Aufstand des Gewissens" (Tresckow) überhaupt stattfand.

Nach dem Krieg meinte Winston Churchill, der Widerstand gegen Hitler habe "zum Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte der Völker je hervorgebracht wurde".

Der Autor ist Dozent für Neuere Geschichte an der Uni Wien.

Buchtipp:

STAUFFENBERG. Der 20. Juli 1944.

Von Gerd R. Ueberschär

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004, geb., 271 Seiten, e 19,90

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