Wenn ich bisweilen eingeladen werde, um von meinen Begegnungen und Erfahrungen mit der Politik zu erzählen, dann fallen mir oft die vielen Hubschrauberflüge über Österreich an der Seite zweier Bundespräsidenten ein -und mein Glücksgefühl, in diesem Land zuhause sein zu dürfen. Keineswegs nur der wunderbaren Landschaft wegen: "Welch ein wohlgeordnetes, reiches, gesegnetes Land", habe ich mir dabei wiederholt gedacht! Und: So schlecht und unfähig kann dieser Staat - als Summe von Politik, Verwaltung und Bürgersinn -letztlich doch nicht sein.

Viel Anlass, derlei dankbare Gefühle zu generieren, haben wir zuletzt nicht gehabt. Aber dieser Tage war die Empfindung wieder einmal da. Da traf sich ein kleiner Kreis -der Bundespräsident, der Kardinal, hohe Beamte und Diplomaten, Kinder, Amtsdiener, Kriminalbeamte, Pensionisten -in der recht unbekannten Josefskapelle der Wiener Hofburg.

Heinz Fischer hatte zum zehnten Todestag seines Vorgängers Thomas Klestil dessen Familie, Freunde, Mitarbeiter geladen und einen Gottesdienst für die beste Form des Gedenkens gehalten. Er, dessen Zugänge zur Religion "nicht mit dem Katechismus oder der Bibel übereinstimmen"(O-Ton), gerade er bat jetzt zur Gedenkmesse. Er, der aus ganz anderem politischen Lager kam als einst Klestil, gerade er pflegt die Kontinuität.

Wieso? Aus Bedürfnis? Taktik? Pflichtgefühl? Wie auch immer: Auch das ist Österreich, habe ich mir gedacht. Vielleicht ist es zu selten spürbar -und doch, über alle Wirren hinweg, diesem Land grundgelegt.

Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Aber da war noch mehr, was mich in dieser Stunde bewegt hat:

Zum einen die Erinnerung an jene eindrucksvolle Trauerrede vor genau zehn Jahren, als der Kardinal im Stephansdom auf die Wechselfälle im privaten Leben von Thomas Klestil zu sprechen kam - und auf das Dilemma der Kirche zwischen Schutz von Ehe und Familie und Barmherzigkeit mit unserem menschlichen Scheitern.

Zum anderen das, was Schönborn jetzt in dieser Gedenkmesse sagte: "Die Kunst der Politik ist die Kunst der Gerechtigkeit. Lebendig aber bleibt sie nur, wenn wir uns bewusst sind, dass wir auch der Barmherzigkeit bedürfen." Gerechtigkeit und Barmherzigkeit -erst beide zusammen machen uns zu vollen Menschen.

Verstanden habe ich den Kardinal jedenfalls so, dass wir Österreicher uns zwar mühen, eine halbwegs gerechte Gesellschaft zu sein. Dass wir aber auf dem Weg zur Barmherzigkeit noch mächtig Aufholbedarf haben.

Nur Stunden später hat Bundespräsident Heinz Fischer vor TV-Kameras (Pressestunde) den Grundsatz "Politik braucht Gewissen" und ein "sozial gerechteres Steuersystem" ungewohnt drängend eingemahnt.

Zufall oder nicht -ein Anlass zum Nachdenken war es allemal: Staat und Kirche, was für ein spannendes Gespann! Zwei eigene Welten -und doch eine große gemeinsame Sorge um ihre Bürger, Christen, Menschen!

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