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"Meine nächste Reise geht ins Atelier“

Nach vielen Jahren der Suche und Bestimmungslosigkeit ist Ulli Klepalski endlich angekommen: Oft ausgehend von Literatur kreiert die Wiener Künstlerin Malerei, Rauminstallationen und Collagen. Ihr Motto: "Was Wörter sagen, erzählt mir ein Bild.“

"Verschiedene abgebrochene Studien, mehrere abgebrochene Berufe im In- und Ausland, schreibendreisend-suchend.“ So beginnt die Kurzbiografie über die Wiener Künstlerin Ulli Klepalski in einer Broschüre mit ihren Werken. Eine erfolglose Suche nach Identität und Halt wird in Lebensläufen heutzutage gerne verschwiegen. Ein, zwei Jahre Sinnsuche sind gerade noch erlaubt, aber wer bis Mitte 30 noch immer keinen Plan hat, gilt als suspekt. "Ich habe mich nach meinem Aufenthalt in Indien bei so vielen Stellen beworben, aber nichts gefunden. Man hat diese große Lücke bemerkt und den Eindruck bekommen, mit der stimmt was nicht“, erzählt Ulli Klepalski von ihren Erfahrungen.

Die Künstlerin hat einfach lange nicht gewusst, was sie eigentlich ausmacht, welche Fähigkeiten sie hat. So hat sie vieles ausprobiert und wieder verworfen, hat ein Theaterwissenschafts- und Publizistikstudium versucht, die Pädagogische Akademie besucht und als Lehrerin vier Jahre lang gearbeitet, genervt das Handtuch geworfen, Babys, Hunde und Katzen gesittet, zwei Jahre in Südindien Kindern Englisch-Nachhilfe gegeben, eine Weltreise mit einem Frachtschiff gemacht, und so weiter und so fort. Irgendwann hat man sie nur noch gefragt: "Na, wohin geht die nächste Reise?“

Was frei und abenteuerlich klingt, war für Klepalski eine oftmals aufreibende Ratlosigkeit. Auch als Schriftstellerin hat sie sich versucht: "Ich habe gerne geschrieben, aber ich habe es nicht ausgehalten, dass ich meine Texte an viele Verlage schicken musste, aber nie etwas daraus wurde. Eine Schreibblockade kam später auch hinzu.“

Malen als Aufarbeitung

In dieser Phase verordnete sie sich einen "fulminanten Generalputz“ in ihrer Wohnung. Unterm Hochbett fand sie Interessantes von ihrem Vormieter: eine Staffelei, einen Malkasten mit Ölfarben und altes Aquarellpapier. Da setzte sie sich hin und begann zu malen. Ihre Liebe zu Texten und Büchern zeigte ihr den Weg zur Malkunst. "Schon als Kind konnte ich mir gut Geschichten ausdenken. Wenn ich lese, schlüpfe ich richtiggehend in die Geschichte hinein. Malen ist für mich eine Aufarbeitung, ein Ventil: Wenn mich eine Passage besonders aufregt, dann sag ich stopp und male das innere Bild.“ Ihre künstlerische Arbeit umfasst dann nicht nur Malen, sie löst das Bild in ihr auch durch Rauminstallationen und Text auf. Zu den gemalten Bildern, Holzschnitten oder Collagen schreibt sie viele Texte an den Rand oder mittendrin, in Hieroglyphen, Stenografie, normaler Schrift oder spiegelverkehrt. "Was Wörter sagen, erzählt mir ein Bild“, sagt Klepalski. Wichtige Inspirationsquellen sind ihr folglich nicht nur Maler wie Alfred Kubin oder Maria Lassnig, sondern auch die Schriftsteller Ingeborg Bachmann und Franz Kafka.

Nun, da seit einiger Zeit ihre Kunst vermehrt bemerkt und gewürdigt wird, haben ihr wohlwollende Menschen aus dem Kunstbereich geraten, die Passage über ihre "rat- und rastlosen Jahre“ unbedingt aus der Biografie zu streichen. "Da bin ich aber dickköpfig, denn das gehört zu mir und ich geniere mich ja auch nicht dafür. Diese Zeilen sind mir wichtig, das ist so wie dem Papa die Zunge zeigen.“ Ein Protest also auch gegen ihren autoritären Vater, dem es nie genügte, wenn seine Tochter in der Schule nur durchkam. Sie hätte alles mit Auszeichnung bestehen müssen. Klepalskis Vater war AHS-Lehrer und "lief eigentlich immer mit dem Rotstift herum, um uns auszubessern“, erzählt die Künstlerin. Mit uns meint sie sich und ihre Mutter. Statt Auszeichnungen kam ein Schulabbruch: Mit 16 schmiss sie die Handelsakademie und sei dann, wie sie sagt, "sehr schwierig und frech“ geworden.

Ihre jahrelange Ratlosigkeit, meint Klepalski, sei sicher auch durch ihre "schwierige Jugend“ und die Scheidung ihrer Eltern begründbar, als sie zwölf Jahre alt war. Entsprechend nahe geht ihr das Thema Missbrauch, mit dem Sie sich in ihrer aktuellen "Antigonae“-Serie auseinandergesetzt hat. Die Werke sind demnächst in einer Einzelausstellung ("Denn nichts ist ungeheurer als der Mensch“) zu sehen (siehe Tipp). "Missbrauch, das ist ein weiter Begriff für mich“, sagt die Künstlerin. "Es geht dabei immer um Grenzüberschreitung und Macht. Ich bin von meinem Vater wie ein Schmuckstück, aber auch wie sein Besitz behandelt worden.“

Die Entdeckung der Kunst als Bestimmung ihres Lebens hat Ulli Klepalski schließlich zu einem Herzenswunsch geführt: einem eigenen Atelier. Seit 1994 kann sie Räumlichkeiten in der Buchfeldgasse in Wien-Josefstadt ihr Eigen nennen. Ein kleiner Ofen wärmt die eher dunklen Räume, überall lehnen Bilder, teilweise verpackt. Ganz hinten lagert die aktuelle "Antigonae“-Serie. Auch Bilder ihrer Insekten-Reihe für eine Ausstellung im Bezirksmuseum sind zu sehen. Und daneben lehnen in ihrem Atelier die vielen Ölporträts, die eine alte Dame zeigen: Seit ihre Mutter 2002 verstorben ist, malt Klepalski jedes Jahr ein Bild von ihr. Möglichst jeden Tag geht die Malerin in ihr ganz eigenes Reich: "Wenn mich nun jemand fragt, wohin meine nächste Reise gehen soll, sage ich immer: ins Atelier.“

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