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Literatur

Auf Manassehs Spuren

1945 1960 1980 2000 2020
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Robert Menasse flocht aus einem starken und einem schwachen Roman einen Zopf.

Wer "Die Vertreibung aus der Hölle" von Robert Menasse liest, wird Wechselbädern ausgesetzt, aber nicht zwischen Heiß und Kalt, sondern zwischen Heiß und Lau. Zwei Handlungen werden parallel vorangetrieben, die eine so konsequent, dass die von der katholischen Kirche zur höheren Ehre Gottes angerichteten Qualen und Blutbäder dem Leser keine Flucht in irgendeine reservatio mentalis gestatten. Die andere schleppt sich auf etwas unentschlossen wirkende Weise dahin und verläuft sich im Ungefähr.

Das hat wohl gute Gründe. Viktor Abravanel, die Hauptfigur der heute spielenden Handlung, beschäftigt sich nicht nur als Historiker mit dem Amsterdamer Rabbi Manasseh, sondern könnte, ebenso wie Robert Menasse, auch dessen Nachfahre sein. Der im Jahre 1637 von Rembrandt porträtierte historische Menasse blickt uns vom Bucheinband an und in Manassehs Wohnung begegnen wir auch wieder dem Glas mit dem im Bauch der Mutter gefundenen versteinerten Embryo, von dem bereits vor Jahren in Menasses Ansprache zur Eröffnung der Buchmesse mit dem Österreich-Schwerpunkt die Rede war. In "Vertreibung aus der Hölle" wird also jüdische Geschichte im Wechselschritt mit Familien- und Internatsfrust und persönlicher Familiengeschichte abgehandelt. Ein immer weiter Übles zeugendes europäisches Geschehen, über dem die Akten geschlossen wurden - und eine offene Geschichte mit viel Autobiographischem.

Menasses Abrechnung mit den 68ern ist absolut lesenswert. Pflichtlektüre für einschlägige Nostalgiker. "Sie spielen Moskau der dreißiger Jahre!" denkt Viktor im Roman. Dass in Moskau die Inquisition Auferstehung feierte, braucht ihn Menasse nicht denken zu lassen, das denkt der Leser sowieso. Zu den köstlichsten Stellen dieser Handlung zählt die Schilderung einer Demonstration.

Manassehs Geschichte ist ein großartig erzählter, großer historischer Roman. Sie hat sich fast genau so und ähnlich Tausende von Malen abgespielt: Der Knabe Manoel ahnt nichts von der jüdischen Herkunft seiner Familie. Er gehört sogar einer Bande Halbwüchsiger an, die Maranen nachspionieren, wie Manoel selbst einer ist: Halten sie insgeheim den Sabbat, hängen sie jüdischen Bräuchen an? Aber erst die Ankunft des Inquisitors macht das Leben für sie zur Hölle. Juden werden zu Tausenden verbrannt, auch die Ausreise ist ihnen verboten, die Häfen sind für sie gesperrt. Manoel und seiner Familie gelingt die Flucht nach Amsterdam, wo aus Manoel Manasseh und eine äußerlich nicht sehr erfolgreiche, aber bedeutende Persönlichkeit wird.

Dem gegenüber kann die Viktor-Handlung nur abfallen. Robert Menasse versucht aus der Not eine Tugend zu machen und teilweise gelingt es ihm. Angenommen, einer hätte tatsächlich mitten im Staatsvertragsjubel am 15. Mai 1955 vor dem Wiener Belvedere als Frühgeburt das sogenannte Licht der Welt erblickt: Die Entdeckung, dass ein ferner Vorfahr in Lissabon ausgerechnet im Getöse einer der großen Mordnächte geboren wurde, könnte ihm schon zu denken geben. Angenommen weiter, dieser Mann würde sich noch immer ungern an die Hänseleien erinnern, nachdem er im geistlichen Internat in einem Krippenspiel die Rolle der Maria aufgepelzt bekam: die Entdeckung, dass auch jener ferne Vorfahr in einem geistlichen Internat, in dem man ihm die Erinnerung an seine jüdische Herkunft austreiben wollte, zu Weihnachten die Maria geben musste, wäre schon eine auffallende Parallele. Und dann auch noch das Niedergebügelt-Werden durch einen wortgewaltigen Blender. Gut möglich, dass er, eine entsprechend intime Kenntnis der Biographie seines mehr oder weniger direkten Vorfahren vorausgesetzt, auf der Suche nach weiteren Parallelen ein ums andere Mal fündig würde und in Versuchung geriete, einen geheimnisvollen Rapport zwischen sich und jenem Schicksals-Verwandten zu registrieren und das bekannte Bonmot, wonach sich die Tragödien der Weltgeschichte angeblich als Farce wiederholen, bestätigt zu finden. Als literarische Erfindung bestätigt solche und noch manch andere noch so verblüffende Wiederkehr natürlich gar nichts, sie bleibt reine Konstruktion.

Der Roman beginnt mit kunstvoll sich von Peinlichkeit zu Peinlichkeit steigernden Szenen. Vom Begräbnis der kleinen schwarzen Katze im Portugal des 16. Jahrhunderts, in der wir bereits die düstere Verwicklung des jungen Manoel in diesen Vorgang ahnen, springt er in eine wahre Kaskade von Peinlichkeiten: Einer muss schon ganz schön geschluckt und in der Kehle Steckengebliebenes gespeichert haben, um beim 25-jährigen Maturajubiläum eine solche Konfrontation herbeizuführen wie der Viktor der Parallelhandlung. Wie er den Professoren ihre NSDAP-Mitgliedsnummern ins Gesicht spuckt (was es damit auf sich hat, erfahren wir erst am Ende), wie Viktor und Hildegund dann zu zweit vor 30 Gedecken sitzen - ein kleines Kabinettstück hochgezüchteter, liebevoll mit Details ausgestatteter höchster Peinlichkeit.

Menasse ist ja überhaupt ein Virtuose hochartifizieller Zwangsvorstellungen und Alpträume. Zum Beispiel, im starken Teil des Zopfs, die Geschichte mit der gekreuzigten Katze: ein Stück aus der kollektiven zwangsneurotischen Vorstellungswelt. Im schwächeren Teil die Szene, in der dem Kind befohlen wird, das Lenkrad festzuhalten, während Papa die Landkarte studiert: Papa hat von festhalten gesprochen, aber nicht von lenken, also hält der Sohn fest statt zu lenken. Prototyp eines Alptraums. In dieses Fach gehört auch die Oma, die, ach wie symbolisch, Mamas Wohnung mit Schachteln vollräumt, bis sich niemand mehr bewegen kann, oder die Stelle, wo die selbe Oma findet, das Kind könne ruhig einmal eine ausgezogene Frau sehen und im Lainzer Tiergarten nackt im Regen tanzt, oder die Szene in der Straßenbahn, in der Mama mit dem Schaffner streitet, ob Viktor noch ein Kind sei und mit einem Kinderfahrschein fahren dürfe. Sie streitet und streitet, während Viktor vor Scham immer kleiner wird und auf die erlaubten eins neunundvierzig schrumpft, bis Mama einfach empört ohne Fahrschein aussteigt, weil sie sowieso nur noch eine Station zu gehen haben. Jetzt verstehen wir auch, woher die scheinbare Großzügigkeit des erwachsenen Viktor beim Bezahlen von Rechnungen kommt. Warum er auch die Rechnung für die 30 Gedecke unterschreibt. Ein neurotischer Tick, Verhaltensstörung, Ergebnis einer Kette von Situationen wie jener in der Straßenbahn.

Obwohl die Viktor-Szenen gegenüber der historischen Handlung abfallen, wäre ohne sie der Roman sehr viel weniger spannend. Dass Menasse aus der ÖVP "Christdemokraten" macht, bloß weil der Roman in einem deutschen Verlag erscheint, stimmt dagegen heiter.

DIE VERTREIBUNG AUS DER HÖLLE

Roman von Robert Menasse

Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2001

496 Seiten, geb., öS 364,-/e 26,45

Robert Menasse flocht aus einem starken und einem schwachen Roman einen Zopf.

Wer "Die Vertreibung aus der Hölle" von Robert Menasse liest, wird Wechselbädern ausgesetzt, aber nicht zwischen Heiß und Kalt, sondern zwischen Heiß und Lau. Zwei Handlungen werden parallel vorangetrieben, die eine so konsequent, dass die von der katholischen Kirche zur höheren Ehre Gottes angerichteten Qualen und Blutbäder dem Leser keine Flucht in irgendeine reservatio mentalis gestatten. Die andere schleppt sich auf etwas unentschlossen wirkende Weise dahin und verläuft sich im Ungefähr.

Das hat wohl gute Gründe. Viktor Abravanel, die Hauptfigur der heute spielenden Handlung, beschäftigt sich nicht nur als Historiker mit dem Amsterdamer Rabbi Manasseh, sondern könnte, ebenso wie Robert Menasse, auch dessen Nachfahre sein. Der im Jahre 1637 von Rembrandt porträtierte historische Menasse blickt uns vom Bucheinband an und in Manassehs Wohnung begegnen wir auch wieder dem Glas mit dem im Bauch der Mutter gefundenen versteinerten Embryo, von dem bereits vor Jahren in Menasses Ansprache zur Eröffnung der Buchmesse mit dem Österreich-Schwerpunkt die Rede war. In "Vertreibung aus der Hölle" wird also jüdische Geschichte im Wechselschritt mit Familien- und Internatsfrust und persönlicher Familiengeschichte abgehandelt. Ein immer weiter Übles zeugendes europäisches Geschehen, über dem die Akten geschlossen wurden - und eine offene Geschichte mit viel Autobiographischem.

Menasses Abrechnung mit den 68ern ist absolut lesenswert. Pflichtlektüre für einschlägige Nostalgiker. "Sie spielen Moskau der dreißiger Jahre!" denkt Viktor im Roman. Dass in Moskau die Inquisition Auferstehung feierte, braucht ihn Menasse nicht denken zu lassen, das denkt der Leser sowieso. Zu den köstlichsten Stellen dieser Handlung zählt die Schilderung einer Demonstration.

Manassehs Geschichte ist ein großartig erzählter, großer historischer Roman. Sie hat sich fast genau so und ähnlich Tausende von Malen abgespielt: Der Knabe Manoel ahnt nichts von der jüdischen Herkunft seiner Familie. Er gehört sogar einer Bande Halbwüchsiger an, die Maranen nachspionieren, wie Manoel selbst einer ist: Halten sie insgeheim den Sabbat, hängen sie jüdischen Bräuchen an? Aber erst die Ankunft des Inquisitors macht das Leben für sie zur Hölle. Juden werden zu Tausenden verbrannt, auch die Ausreise ist ihnen verboten, die Häfen sind für sie gesperrt. Manoel und seiner Familie gelingt die Flucht nach Amsterdam, wo aus Manoel Manasseh und eine äußerlich nicht sehr erfolgreiche, aber bedeutende Persönlichkeit wird.

Dem gegenüber kann die Viktor-Handlung nur abfallen. Robert Menasse versucht aus der Not eine Tugend zu machen und teilweise gelingt es ihm. Angenommen, einer hätte tatsächlich mitten im Staatsvertragsjubel am 15. Mai 1955 vor dem Wiener Belvedere als Frühgeburt das sogenannte Licht der Welt erblickt: Die Entdeckung, dass ein ferner Vorfahr in Lissabon ausgerechnet im Getöse einer der großen Mordnächte geboren wurde, könnte ihm schon zu denken geben. Angenommen weiter, dieser Mann würde sich noch immer ungern an die Hänseleien erinnern, nachdem er im geistlichen Internat in einem Krippenspiel die Rolle der Maria aufgepelzt bekam: die Entdeckung, dass auch jener ferne Vorfahr in einem geistlichen Internat, in dem man ihm die Erinnerung an seine jüdische Herkunft austreiben wollte, zu Weihnachten die Maria geben musste, wäre schon eine auffallende Parallele. Und dann auch noch das Niedergebügelt-Werden durch einen wortgewaltigen Blender. Gut möglich, dass er, eine entsprechend intime Kenntnis der Biographie seines mehr oder weniger direkten Vorfahren vorausgesetzt, auf der Suche nach weiteren Parallelen ein ums andere Mal fündig würde und in Versuchung geriete, einen geheimnisvollen Rapport zwischen sich und jenem Schicksals-Verwandten zu registrieren und das bekannte Bonmot, wonach sich die Tragödien der Weltgeschichte angeblich als Farce wiederholen, bestätigt zu finden. Als literarische Erfindung bestätigt solche und noch manch andere noch so verblüffende Wiederkehr natürlich gar nichts, sie bleibt reine Konstruktion.

Der Roman beginnt mit kunstvoll sich von Peinlichkeit zu Peinlichkeit steigernden Szenen. Vom Begräbnis der kleinen schwarzen Katze im Portugal des 16. Jahrhunderts, in der wir bereits die düstere Verwicklung des jungen Manoel in diesen Vorgang ahnen, springt er in eine wahre Kaskade von Peinlichkeiten: Einer muss schon ganz schön geschluckt und in der Kehle Steckengebliebenes gespeichert haben, um beim 25-jährigen Maturajubiläum eine solche Konfrontation herbeizuführen wie der Viktor der Parallelhandlung. Wie er den Professoren ihre NSDAP-Mitgliedsnummern ins Gesicht spuckt (was es damit auf sich hat, erfahren wir erst am Ende), wie Viktor und Hildegund dann zu zweit vor 30 Gedecken sitzen - ein kleines Kabinettstück hochgezüchteter, liebevoll mit Details ausgestatteter höchster Peinlichkeit.

Menasse ist ja überhaupt ein Virtuose hochartifizieller Zwangsvorstellungen und Alpträume. Zum Beispiel, im starken Teil des Zopfs, die Geschichte mit der gekreuzigten Katze: ein Stück aus der kollektiven zwangsneurotischen Vorstellungswelt. Im schwächeren Teil die Szene, in der dem Kind befohlen wird, das Lenkrad festzuhalten, während Papa die Landkarte studiert: Papa hat von festhalten gesprochen, aber nicht von lenken, also hält der Sohn fest statt zu lenken. Prototyp eines Alptraums. In dieses Fach gehört auch die Oma, die, ach wie symbolisch, Mamas Wohnung mit Schachteln vollräumt, bis sich niemand mehr bewegen kann, oder die Stelle, wo die selbe Oma findet, das Kind könne ruhig einmal eine ausgezogene Frau sehen und im Lainzer Tiergarten nackt im Regen tanzt, oder die Szene in der Straßenbahn, in der Mama mit dem Schaffner streitet, ob Viktor noch ein Kind sei und mit einem Kinderfahrschein fahren dürfe. Sie streitet und streitet, während Viktor vor Scham immer kleiner wird und auf die erlaubten eins neunundvierzig schrumpft, bis Mama einfach empört ohne Fahrschein aussteigt, weil sie sowieso nur noch eine Station zu gehen haben. Jetzt verstehen wir auch, woher die scheinbare Großzügigkeit des erwachsenen Viktor beim Bezahlen von Rechnungen kommt. Warum er auch die Rechnung für die 30 Gedecke unterschreibt. Ein neurotischer Tick, Verhaltensstörung, Ergebnis einer Kette von Situationen wie jener in der Straßenbahn.

Obwohl die Viktor-Szenen gegenüber der historischen Handlung abfallen, wäre ohne sie der Roman sehr viel weniger spannend. Dass Menasse aus der ÖVP "Christdemokraten" macht, bloß weil der Roman in einem deutschen Verlag erscheint, stimmt dagegen heiter.

DIE VERTREIBUNG AUS DER HÖLLE

Roman von Robert Menasse

Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2001

496 Seiten, geb., öS 364,-/e 26,45