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Mythos Mozart

An Mozarts 250. Geburtstag führt kein Weg vorbei. Der Komponist wurde zur österreichischen Identifikationsfigur schlechthin und zur Verkörperung des Anspruchs, eine Kulturnation zu sein. Wie sind die Mozart-Mythen entstanden? Wie hielt es der begnadete und nachhaltig wirkende Kirchenmusiker mit der Religion? Wie komponiert er die Wort-Musik in seinen Briefen? Was soll man lesen im Mozart-Bücherdschungel? Das furche-Dossier gibt Antwort. Und fragt: Lässt sich die Vermarktung noch weiter pervertieren? Redaktion: Cornelius Hell Seine Entstehung und Zertrümmerung. Und warum Mozart nicht "einer von uns" ist.

Mitten in der viel beschworenen "Klassik-Krise" (Einbrüche im Tonträger-Geschäft mit klassischer Musik, Rückgänge und Einsparmaßnahmen im Konzert-und Opernbetrieb dort und da) übt die Musik und die Person Wolfgang Amadeus Mozarts eine erstaunlich breite Faszination aus. Ich wüßte keinen Musiker vergangener Zeiten, dessen Bild so lebendig ist und auch so verschiedenartige Züge hat. Für Liebhaber und professionelle Kenner "klassischer Musik" ist Mozart eine Ikone abendländischer Kultur, für Anhänger einer "modernen" Musikszene ist er ein Popstar des 18. Jahrhunderts, wieder andere sehen in ihm einen Impulsspender für eine multikulturelle Zukunft.

Verschiedene Mozart-Jahre

Die Begeisterung war nicht immer so intensiv, und auch die Züge im Bild von Mozart haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Einen guten Einblick in dieses Rezeptionsgeschehen gewährt die Abfolge der Mozart-Gedenkjahre. Noch zuvor in seiner Wunderkindzeit und dann nach seinem Tod in den Nekrologen und ersten Ansätzen zu einer Biografik galt Mozart vor allem als ein europäisches Phänomen. Sein 50. Todestag 1841 wurde erstmals und im Aufschwung des damals noch jungen Kunstheroenkultes im deutschen Sprachraum groß gefeiert. Hochgemut und durchaus nicht konfliktfrei hat man Mozart unter deutsch-nationaler oder österreichisch-patriotischer Perspektive gerühmt. Seit damals wurde dieser Ruhm, nicht nur in Salzburg, auch zu einem Wirtschaftsfaktor.

Das nahm dann seinen Weg in die Moderne und wurde in den Mozartjahren 1891 und 1906 erstaunlich hochgereizt. Unter dem provokanten Titel "Mozart-Heuchelei" (Leipzig 1906) brandmarkte Paul Zschorlich die Verlogenheit einer "Kalenderbegeisterung", mit der Unterlassungssünden "hinweggefeiert" werden. Er fragt, was denn die gestelzte Feierlichkeit mit der Hast des Lebens, dem angespannten Geschäftssinn und der künstlerischen Zersplitterung der Gegenwart zu tun habe. In Anbetracht dessen lesen sich die aktuellen Feuilletons von Kulturkritikern, die mit Hohn über das Mozartjahr 2006 ihr Geschäft mit Mozart machen, als eine Ansammlung recht abgestandener Klischees.

Das NS-Gedenkjahr 1941

Trotz des Rummels dieser Gedenkjahre weitete sich das Repertoire an tatsächlich in der musikalischen Praxis präsenten Werken Mozarts nur langsam. Selbst in Österreich war Mozart noch lange keine nationale Identifikationsfigur. Als für das Jahr 1931 der Gedanke entstand, Mozarts 175. Geburtstag und zugleich 140. Todestag in gemeinsamen Feiern von Salzburg und Wien zu begehen (Initiator war der Musikschriftsteller Heinrich Damisch), wurden - für uns heute erstaunliche - Zweifel geäußert, ob Mozarts Musik genügend weites Interesse beim Publikum finden könne (so der Generalsekretär der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien).

Eine breitenwirksame und nachhaltig wirkende Mozart-Pflege initiierte das nationalsozialistische Regime zum Mozartjahr 1941. Peinlich, aber wahr. Von Festreden abgesehen, war diese Initiative wenig ideologisch ausgerichtet, sie diente primär einer Ablenkung der Bevölkerung von den Gräuel des Krieges und des Regimes zu einer abgehobenen und idealisierten schönen Welt der Kunst. Dafür war der Tonfilm das geeignete Medium, der Wien-Film "Wen die Götter lieben" machte einen Mozart der Idylle (mit Hans Holt) erst so recht populär.

Auch das in der Nachkriegszeit am Theater an der Wien berühmt gewordene Mozart-Ensemble bildete sich in diesen Jahren. Die einiges später wiedererreichte Internationalität des Musikbetriebs wurde symbolträchtig mit dem Mozartjahr 1956 zelebriert. Es war bereits ein weltumspannendes Ereignis. Gute Reisemöglichkeiten, ein Flair der Weltläufigkeit, für die Künstler wie Herbert von Karajan standen, aber auch das neue Medium des Fernsehens nützten diesen Mozart-Event.

Identifikationsgestalt

In Österreich war es zudem die Zeit der wiedererlangten staatlichen Souveränität, für die Mozart nun endgültig eine Identifikationsgestalt wurde. Bundespräsident Theodor Körner bezeichnete ihn gezielt als den "größten österreichischen Künstler". Das Bild in dem quasi offiziellen Mozartfilm "Reich mir die Hand mein Leben" (mit Oskar Werner und Hannelore Matz) war immer noch ein sehr harmonisiertes und heimatverbundenes.

Im selben Jahr 1956 schrieb Wolfgang Hildesheimer seinen ersten Mozart-Essay, in dem er genau diese Harmonie zwischen Leben und Werk von Grund auf kritisierte. Ein "neuer", dionysischer und zwischen seiner Kunst und seinem Leben gespaltener Mozart hatte Erfolg, der sich durch Peter Shaffers Drama und Milos Fomans Film "Amadeus", aber auch durch Falcos Song "Rock me Amadeus" zur so genannten Amadeus-Welle der 1980er Jahre hochsteigern ließ.

Die Dissonanz Leben-Werk

So völlig neu war dieses Bild allerdings nicht, es entspricht viel besser als der apollinische Mozart des 19. Jahrhunderts den Vorstellungen der Zeitgenossen Mozarts, für die er vor allem ein genialer Stürmer und Dränger war, dem noch das rechte Maß fehle. Die modische Assoziation Mozarts mit der Welt des Rokoko hat also einen vielleicht einseitig verzerrten, aber durchaus plausiblen historischen Hintergrund. Eine andere Assoziation bildet die damalige wie heutige zur maßlosen Opulenz neigende Freude am Fest, damals am höfischen Fest, heute an der breitenwirksamen Eventkultur. "Amadeus"-Überdrehtheit und Heroenkult gingen 1991 eine merkwürdige Symbiose ein. Die sichtbaren Anfänge sprechen dafür, dass sich 2006 etwas Ähnliches entwickelt.

Doch aktuell sollte auch Tieferliegendes sein: Ingeborg Bachmann sprach in ihrem "Blatt für Mozart" von einer Musik, die "nur die vollkommene Variation über das von der Welt begrenzte, uns überlassene Thema", ein Thema des Begehrens, von dem "die gefallenen Engel und die Menschen voll sind", sei. Gehen wir in unserer Umtriebigkeit dieser Musik als Ausdruck und zugleich Ziel unseres "Begehrens" verlustig? Erdrückt unsere Sehnsucht nach dem "Himmlischen" in ihr nicht ihr zartes Wesen?

"Himmlische" Sehnsucht

Hans Ulrich Gumbrecht hat jüngst in der Neujahrsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung pointiert, was es in Mozarts Musik zu schützen gilt: "Die dort gegenwärtig werdende Anmut des Seins ist die säkulare, irdische, sinnliche Version jener Letztendlichkeit, zu deren Vorstellung die Religionen das Jenseits mit all seinen Himmeln und Platon das Reich der Ideen erfunden haben". Das Wort von der Anmut klingt schön und ist ein persönliches Bekenntnis zu Mozarts Musik, es ist aber auch der Versuch, sie in die eigene agnostische Gedankenwelt einzuvernehmen.

Wir alle sind versucht, in einer unglaublichen Vielfalt Mozart jeweils zu "einem von uns" zu machen. Davor schützt auch nicht die Rede von der Fremdheit des Genies. Selbst Musiker sind weder musizierend noch redend davor gefeit. Wie auch.

Hoffnung in Mozarts Musik

Was mich fasziniert, ist etwas darüber Hinausgehendes, Unterschwelliges: dass so unterschiedliche Menschen wie der sowjetische Diplomat Georgi Tschitscherin und der Theologe Karl Barth, die Dirigenten Bruno Walter und Nikolaus Harnoncourt oder eine Annette Kolb und ein Thomas Bernhard jeder für sich und doch unwillentlich vereint in Mozarts Musik eine Hoffnung erspürten.

Der Autor ist Professor für Musikwissenschaft an der Universität Wien und Mitherausgeber des Mozart-Handbuchs, von dem vor kurzem der sechste Band erschienen ist:

Das Mozart-Lexikon

Hg. von Gernot Gruber

und Joachim Brügge

Laaber Verlag, Laaber 2005

830 Seiten mit 32 Notenbeispielen und 99 zum Teil farbigen Abbildungen,

geb., e 100,80

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