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Feuerwerk für Mozart

Prag gilt Mozart-Biographen als geheime Mozart-Stadt. Haben doch die Prager das Genie Wolfgang Amadeus Mozarts und die Schönheit seiner Musik früher als die Salzburger und die Wiener erkannt. Und wenn man 1991 an Salzach und Donau mit ihm prunke, dürfe man es nach Meinung der Tschechen auch an der Moldau. Denn hier war er glücklich, hier behandelte ihn während seiner fünf Aufenthalte der Adel als seinesgleichen, und die Bürger ließen ihm schon bei der Prager Premiere von „ Die Hochzeit des Figaro" einen bislang nicht erlebten Jubel zuteil werden, der sich sogar steigerte, als er drei Tage später die zweite Aufführung selbst dirigierte.

Die Folge: Der Prager Impressa-rio Bondini beauftragte Mozart, für 1.000 statt der üblichen 450 Gulden pro Oper den „Don Giovanni" zu schreiben. So schrieb Mozart den „Giovanni" - zum Teil in Wien, zum Teil erst in Prag, wo dann am 29. Oktober 1787 in dem 1783 von dem Grafen Nostitz-Rhieneck erbauten Haus die Uraufführung des Werkes stattfand.

Voll der hochfliegenden Erwartungen zu Beginn des Jahres eins nach der friedlichen Revolution von 1989 beschlossen denn auch Stadt und Land das Mozart-Jahr 1991 würdig zu feiern. Der Nationalausschuß der Hauptstadt erarbeitete mit den Projekten Praga Mozarteana und Praja-Mozarteum ein Konzept, das randvoll ist mit Festkonzerten, Festversammlungen, Festausstellungen und Festfeuerwerken. Die staatlichen Opernbühnen National- und Smetana-Theater rechneten überdies mit Neueinstudierungen und Wiederaufnahmen der Mozartschen Werke.

Laut Planung will man sich an den 200. Todestag des Komponisten am 5. Dezember 1991 schon am 17. Jänner des kommenden Jahres in der Großen Aula der ältesten europäischen Universität, dem bereits teilweise restaurierten Ka-rolinum, erinnern. Mit einer Festansprache und einigen kammermusikalischen Werken, sowie einem abendlichen Festkonzert der Tschechischen Philharmonie.

Im Rahmen des „Prager Frühlings" steht eine repräsentative Auswahl von Mozart-Symphonien, Opern und Kammermusik, ausgeführt von erstrangigen in- und ausländischen Musikensembles und Solisten auf dem Programm. Prag beteiligt sich außerdem an dem von CIDIM (Comitato Nazionale Italia-no) und CIM-UNESCO ins Leben gerufenen Mozart-Gesangswettbewerb, der unter dem Motto steht „Europa lädt die jungen Mozartsänger der Welt ein". Der erste Durchgang des Wettbewerbs findet im Teatro La Fenice in Venedig statt. Eine Gruppe der von derJury ausgewählten Kandidaten wird das Semifinale in München, eine zweite in Prag (16. und 17. Juni) absolvieren. Die Besten geben am 19. Juni im Nationaltheater eine Vorstellung, ehe sie am 23. und 24. Juni in der Wiener Staatsoper zum Finale antreten.

Von Juni bis September sind dann im rekonstruiertet! Barockschloß Troja gastronomische und Ballett-Veranstaltungen sowie ein Maskenball angesagt, für die man vorwiegend Touristen erwartet. Ebenfalls mit ausländischen Gästen rechnet man für die Aktivitäten im Garten des Waldstein-Palais, das sich der Herzog von Wallenstein, wie ihn Schiller nannte, zwischen 1621 und 1630 errichten ließ. Das Programm zeigt Parallelen zu dem von Troja, in der Reitschule des Palais ist eine Mozart-Ausstellung vorgesehen.

Mit Regatta und Feuerwerk, mit lebenden Bildern und Musik soll auf einer Moldauinsel ein Fest für alle Schichten der Bevölkerung gefeiert werden. Gleiches gilt für die von farbigen Fontänen ergänzten Auftritte von Musik- und Tanzensembles auf einem Pontonpodium auf der Moldau nahe der berühmten Karls-Brücke.

Vom 11. Oktober bis 18. Dezember konzertieren im Rudolphinum die Tschechische Philharmonie, die Wiener Philharmoniker, das Prager Kammerorchester und das „Bach-Collegium Stuttgart".

Das Nationaltheater, 1883 eröffnet und zwischen 1977 und 1983 um einen häßlichen siebenstöckigen Neubau und ein gleich hohes Betriebs- und Restaurantgebäude erweitert, will einen Zyklus von Mozart-Opernbringen. „Die Hochzeit des Figaro", „Cosi fan tutte", „La Clemenza di Tito" und „Zau-berflöte" sind geplant. Als Höhepunkt soll im Dezember der „Don Giovanni" aufgeführt und via Eurovision übertragen werden. Als Spielstätte kündigen die lokalen Zeitungen das rekonstruierte Theater des Grafen Nostitz an - auch wenn sie sich mit dem Namen etwas schwer tun. Denn als das Haus 1799 in den Besitz der Böhmischen Stände überging, wurde es Ständetheater genannt, ab 1945 jedoch Tyl-Theater. In der Hochstimmung von 1989 gab man dem wegen Baufälligkeit seit 1983 geschlossenen Gebäude die Bezeichnung Ständetheater zurück. Ob das Ständetheater, das bereits 200 Jahre nach der Uraufführung des „Giovanni" im Jahr 1987 wieder eröffnet werden sollte, tatsächlich den Spielbetrieb aufnehmen wird können, wagt angesichts der leeren Staatskassen und der allgemeinen Ernüchterung niemand zu garantieren.

Doch vielleicht ereignet sich wie schon im Oktober 1787 ein Wunder. Damals nämlich wollte Mozart die Arbeit am „Don Giovanni" auch nicht so recht vorangehen, weil es im Haus „Zu den drei goldenen Löwen" am Kohlenmarkt (Uhelny trh) zu viele Lustbarkeiten für Mozart gab. Da hat der Legende nach das mit Mozart befreundete Prager Künstlerehepaar Dusek ihn in seiner Sommervilla Bertramka eingesperrt und dazu angehalten, unmittelbar vor der Vorstellung in nur zwei Stunden die Ouvertüre zu schreiben.

Finanziell nicht gefährdet scheinen die vom Kulturministerium der CSFR, der Mozart-Gemeinde und der Gesellschaft für alte Musik organisierten Pietätsakte am Sterbetag Mozarts zu sein. Sie werden in der als Mozart-Museum eingerichteten Villa Bertramka sowie vor der Gedenktafel am ehemaligen Mozart-Logis in der Uhelny trh stattfinden. Nicht zuletzt produziert das Fernsehen mehrere Mozart-Dokumentationen.

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