6926837-1982_14_17.jpg
Digital In Arbeit

Der Statthalter von Judäa"

LAelius Lamia stammte aus • einer vornehmen römischen Familie. Er ging schon in jungen Jahren nach Athen, um dort Philosophie zu studieren. Dann kehrte er nach Rom zurück und führte in seinem Hause auf dem Esquilin mit anderen jungen Wüstlingen ein ausschweifendes Leben.

Eines Tages wurde er angeklagt, mit Lepida, der Frau des Konsularen Quirinus, sträfliche Beziehungen zu unterhalten, und da er schuldig befunden wurde, schickte Tiberius Cäsar ihn in die Verbannung. Er war damals gerade vierundzwanzig Jahre alt. Während der achtzehn Jahre, die seine Verbannung dauerte, bereiste er Syrien, Palästina, Kappa-dozien, Armenien und hielt sich lange in Antiochia, Cäsaräa und Jerusalem auf. Als Tiberius gestorben und Cajus römischer Kaiser geworden war, setzte er es durch, wieder nach Rom zurückkehren zu dürfen.

Das Unglück hatte ihn weise gemacht. Er lebte völlig zurückgezogen in seinem Hause auf dem Esquilin. Unter dem emsigen Studium der Schriften Epikurs, fühlte er allmählich mit schmerzlichem Erstaunen, daß er alt wurde. In seinem zweiundsechzigsten Jahr begann er an Rheumatismus zu leiden und suchte die Bäder von Bajä auf.

Eines Tages bekam er Lust, die Hügel zu durchstreifen. Auf einer Höhe angelangt, setzte er sich am Rande eines schmalen Weges unter einem Baum nieder und ließ seinen Blick über die herrliche Landschaft schweifen. Dann zog er eine Pergamentrolle aus den Falten seiner Toga, streckte sich auf dem Boden aus und begann zu lesen. Plötzlich schreckte ihn der Zuruf eines Sklaven, der ihn aufforderte, einer vorüberkommenden Sänfte Platz zu machen, wieder auf. Als die Sänfte näher kam, sah er auf ihren Kissen einen Greis ruhen.

Er hatte den Kopf mit der mächten Adlernase und dem vorspringenden Kinn auf die Hand gestützt und blickte stolz und finster um sich.

Lamia wußte auf den ersten Blick, daß er dies Gesicht schon kannte. Aber des Namens konnte er sich nicht gleich entsinnen. Dann plötzlich stürzte er voll freudiger Überraschung auf die' Sänfte zu und rief:

„Pontius Pilatus, den Göttern sei Dank, daß sie mir die Gnade gewähren, dich wiederzusehen."

Der Greis gab seinen Sklaven ein Zeichen, zu halten, und blickte Lamia durchdringend an.

„Pontius, mein teurer Gastfreund", fuhr dieser fort, „haben die zwanzig Jahre mein Haar so gebleicht und meine Wangen so gefurcht, daß du deinen Aelius Lamia nicht wiedererkennst?"

Bei diesem Namen stieg Pilatus aus der Sänfte. Dann küßte er Lamia zweimal auf die Wange.

Es ist mir eine große Freude, dich wiederzusehen, sagte er. „Ach, dein Anblick erinnert mich an jene längst vergangenen Zeiten, da ich Statthalter von Judäa war. Es sind jetzt dreißig Jahre, daß ich dich zum erstenmal in Cäsaräa sah. Ich freute mich, dir die Leiden deiner Verbannung etwas erleichtern zu können, und du, Lamia, folgtest mir aus Freundschaft in jenes trostlose Jerusalem, wo die Juden mir das Leben verbitterten."

Lamia schloß ihn von neuem in seine Arme:

„Pontius, was du an mir getan hast, kann nicht mit Gold aufgewogen werden. Aber jetzt sage mir: haben die Götter deine Wünsche erfüllt? Ist dir das Glück zuteil geworden, das du verdienst?"

„Ich habe mich auf meine Güter in Sizilien zurückgezogen, wo ich jetzt Getreide baue und es verkaufe. Mein Geist ist immer noch ungebrochen, den Göttern sei Dank. Aber das Alter bringt mancherlei Schmerzen und Gebrechen mit sich. Eine schmerzhafte Gicht quält mich schon lange. Deshalb bin ich hieher gekommen, um auf den phlegräischen Feldern Linderung für meine Leiden zu suchen. Die Ärzte wenigstens behaupten, daß von dieser glühenden Erde scharfe Schwefeldämpfe aufsteigen, die beruhigend auf die Schmerzen wirken."

„Mögen sie dich von deinen Leiden befreien, Pontius! Aber trotz deiner Gicht und ihren qualvollen Beschwerden siehst du kaum älter aus als ich, obgleich ich in Wirklichkeit um zehn Jahre jünger bin. Es freut mich, dich so rüstig zu sehen. Aber warum, du Teurer, hast du vor der Zeit der öffentlichen Tätigkeit entsagt? Warum hast du dich, nachdem du Judäa verließest, in diese freiwillige Verbannung auf deine Güter zurückgezogen? Erzähle mir deine Schicksale von jener Zeit an, als ich aufhörte, der Zeuge deiner Taten zu sein. Du bereitetest dich damals darauf vor, einen Aufstand der Samariter zu unterdrücken."

Pontius Pilatus schüttelte traurig das Haupt. „Mein angeborenes Pflichtgefühl", sagte er, „trieb mich dazu, mein Amt nicht nur mit Fleiß, sondern auch mit Liebe zu verwalten. Aber der Haß verfolgte mich, Ränke und Verleumdungen haben mein Leben in der Fülle seiner Kraft gebrochen. Du fragst nach dem Aufstand der Samariter. Ich will dir alles in kurzen Worten erzählen.

Ein Mann aus dem Pöbel, der die Gabe der Rede besaß, die übrigens in Samaria nicht selten ist, bewog die Samariter, sich bewaffnet auf dem Berge Gazim zu versammeln, der in diesem Lande für eine geheiligte Stätte gilt. Er versprach, ihnen die geheiligten Gefäße zu zeigen, die in alten Zeiten ein Heros oder Halbgott namens Moses hier vergraben haben sollte. Auf diese Verheißung hin empörten sich die Samariter. Aber ich war noch gerade zur rechten Zeit benachrichtigt worden, um ihnen zuvorzukommen, und ließ den Berg von meinen Soldaten besetzen.

Diese Vorsichtsmaßregel war sehr notwendig, denn die Rebellen belagerten schon den Flecken Tyrathaba am Fuße des Berges Gazim. Ich trieb sie auseinander, und damit war der Aufruhr im Enstehen unterdrückt. Um mit möglichst wenigen Opfern ein Exempel zu statuieren, ließ ich die Rädelsführer hinrichten. Aber du weißt ja, Lamia, was für einen Druck Vitellius, der Prokonsul von Syrien, auf mich ausübte.

Die Samariter beklagten sich bei ihm. Ich hätte sie gereizt, und nur um sich gegen meine Gewalttätigkeiten wehren, hätten sie sich bei Tyrathaba versammelt. Vitellius lieh ihren Klagen sein Ohr, übertrug die Verwaltung von Judäa seinem Freunde Marcellus und befahl mir, mich vor dem Kaiser zu rechtfertigen. Mit zorn-und haßerfülltem Herzen schiffte ich mich ein. Als ich an der italienischen Küste landete, erfuhr ich, daß Tiberius plötzlich auf Kap Misenum gestorben ist.

Ich wandte mich nun an Cajus, seinen Nachfolger. Aber sein bester Freund und beständiger Gefährte, schon von Kindheit an, war der Jude Agrippa, der immer in seiner Umgebung lebte. Cajus liebte ihn über alles und Agrippa begünstigte Vitellius, weil Vitellius der Feind des Antipas war, den Agrippa mit seinem Haß verfolgte. Der Kaiser gehorchte seinem geliebten Ratgeber und weigerte sich sogar, mir Audienz zu gewähren. Ich mußte mich in die unverdiente Ungnade ergeben."

„Pontius", antwortete Lamia, „ich bin überzeugt, daß du nach bestem Gewissen und ausschließlich im Interesse Roms gegen die Samariter vorgegangen bist. Aber hast du dich nicht vielleicht doch allzusehr von deinem ungestümen Tatendrang hinreißen lassen? Du weißt doch, daß damals in Judäa ich, der Jüngere, dich oftmals zur Milde und Nachsicht ermahnt habe."

„Milde gegen die Juden!" rief Pontius Pilatus. „Du hast lange unter ihnen gelebt, und kennst sie dennoch nicht, diese Feinde der Menschheit. Aber lassen wir jetzt das", sagte Pontius. „Ich muß mich beeilen, die Schwefeldämpfe sind nur wirksam, solange die Erde noch von den Sonnenstrahlen durchwärmt ist. Leb wohl. Aber da ich nun endlich einen Freund wiedergefunden habe, möchte ich diesen glücklichen Zufall auch ausnützen. Aelius Lamia, gewähre mir die Freude, morgen abend mein Gast zu sein."

Am nächsten Tage um die Abendzeit begab Lamia sich zu dem Hause des Pontius Pilatus. Es waren nur zwei Lagerstätten für das Gastmahl bereitet. Auf dem Tisch standen silberne Schüsseln mit gebratenen Vögeln, Austern vom Lukriner See und Lampreten aus Sizilien. Beim Essen unterhielten Pontius und Lamia sich über ihre Krankheiten, deren Symptome sie ausführlich aufzählten, und über die verschiedenen Heilmittel, die man ihnen empfohlen hatte. Dann sprachen sie von den großen Bauten, die hier in der Gegend aufgeführt worden waren.

„Auch ich", sagte Pontius seufzend, „auch ich wollte einmal das Wohl des Landes durch nützliche Bauten fördern. Als mir zu meinem Unheil die Regierung von Judäa übertragen wurde, entwarf ich den Plan zu einem Aquädukt, das Jerusalem mit reinem Wasser versorgen sollte. Aber weit entfernt davon, sich über dieses gewaltige Werk zu freuen, stießen die Bewohner von Jerusalem ein entsetzliches Geheul aus.

Sie rotteten sich zusammen, sie erhoben ein großes Geschrei über Gotteslästerung und Schändung, dann stürzten sie sich auf die Arbeiter und rissen die eben gelegten Grundsteine wieder auseinander. Hast du, Lamia, jemals ein Volk von roheren Barbaren gesehen? Die Juden verabscheuen alles, was von den Römern herrührt. Wir gelten in ihren Augen für unreine Wesen. Du weißt ja, sie wagten nicht meine Behausung zu betreten, aus Angst, sich dadurch zu besudeln, und ich mußte alle gerichtlichen Handlungen unter freiem Himmel ausüben."

Die Juden", entgegnete Lamia, „hängen fest an ihren alten Gebräuchen. Sie haben sich nicht wie wir zu einer hohen Anschauung der göttlichen Dinge aufgeschwungen, aber man muß anerkennen, daß etwas Ehrwürdiges in diesen von Urzeiten herstammenden Mysterien liegt, die sie feiern."

Pontius Pilatus zuckte die Achseln. „Nein", sagte er, „sie haben keine gründliche Kenntnis von dem Wesen der Götter. Sie beten zu Jupiter, aber ohne ihm Namen oder Gestalt zu geben. Sie wissen nichts von Apollo, von Neptun, Mars, Pluto oder von irgendeiner Göttin. Warum lachst du, Lamia?"

„Ich lache", sagte Lamia, „über eine komische Idee, die mir eben unwillkürlich durch den Kopf schoß. Ich dachte, wenn nun dieser Jupiter der Juden eines Tages nach Rom kommen und dich mit seinem Haß verfolgen würde! Warum auch nicht?"

Bei dem Gedanken, daß von Judäa ein Gott kommen könnte, glitt ein flüchtiges Lächeln über die strengen Züge des Statthalters. Dann antwortete er ernst:

„Wie sollten die Juden es fertigbringen, ihre heiligen Gesetze anderen Völkern aufzuzwingen, wo sie sich selbst untereinander um der Auslegung dieser Gesetze willen zerfleischen. Sie spalten sich in mindestens zwanzig Sekten, du hast es ja selbst gesehen, Lamia, wie sie sich auf den öffentlichen Plätzen, jeder mit seiner Schriftrolle in der Hand, gegenseitig beschimpfen und sich an den Barten reißen. Sie begreifen nicht, daß man in aller Ruhe über göttliche Dinge disputieren kann!

Aber die Juden haben keine Philosophie und dulden keine andere Meinung. Im Gegenteil, wenn jemand über die Gottheit eine Ansicht äußert, die nicht mit ihren Gesetzen übereinstimmt, so verdient er in ihren Augen die jämmerlichste Todesstrafe, und weil, seit sie unter römischer Herrschaft stehen, kein Urteil ohne Zustimmung des Prokonsuls oder des Statthalters vollzogen werden darf, drängen sie den römischen Magistrat, jeden Augenblick ihre Todesurteile zu unterschreiben.

Hundertmal habe ich sie so gesehen, wie sie sich haufenweise, reich und arm durcheinander, wie Rasende um meinen elfenbeinernen Sessel drängten, mich an der Toga oder nur an den Riemen meiner Sandalen zerrten, um den Tod irgendeines Unglücklichen von mir zu verlangen. Was sage ich, hundertmal! Jeden Tag kam es vor, zu allen Stunden. Aber ich mußte ihr Gesetz erfüllen wie das unsere, denn Rom hatte mich nicht zum Zerstörer, sondern zum Hüter ihrer Gebräuche eingesetzt."

Lamia machte einen Versuch, dem Gespräch eine mildere Wendung zu geben.

„Pontius", sagte er, „du hast den Charakter der Juden von seiner schlimmsten Seite kennengelernt. Aber ich habe als unbefangener Beobachter in Jerusalem gelebt, mich unter das Volk gemischt, und, glaube mir, ich habe manche Tugenden bei diesen Menschen gefunden. Ich habe milde, gütige Juden kennengelernt mit schlichten Sitten und gutem Herzen.

Ich sprech so zu dir, weil ich finde, daß man in allen Dingen maßhalten soll; aber ich gestehe, daß ich niemals besondere Sympathie für die Juden empfunden habe. Die Jüdinnen hingegen gefielen mir sehr.

Ich habe in Jerusalem eine Jüdin gekannt, die in einer elenden Spelunke, beim Schein einer kleinen qualmenden Lampe auf einem elenden Teppich tanzte. Dabei reckte sie die Arme empor, um ihre Zimbeln zu schlagen. Ich bewunderte ihre barbarischen Tänze, ihren etwas rauhen und doch so wohlklingenden Gesang. Ich folgte ihr überall hin. Ich mischte mich unter die rohe Menge von Soldaten, Strolchen und Maklern, die sie zu umringen pflegte. Dann verschwand sie eines Tages und ich habe sie nie wiedergesehen.

Ein paar Monate später erfuhr ich zufällig, daß sie sich einer kleinen Zahl von Männern und Frauen angeschlossen hätte, die einem jungen Galiläer folgten, der umherzog und Wunder tat. Er hieß Jesus und war aus Nazareth. Später wurde er wegen irgendeines Verbrechens gekreuzigt. Ich weiß nicht mehr, was es war. Erinnerst du dich noch an diesen Mann, Pontius?"

Pontius Pilatus runzelte die Brauen. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, als ob er sich auf etwas zu besinnen suchte. Dann, nach einer kurzen Pause, murmelte er:

„Jesus? Jesus—aus Nazareth?— Nein, ich erinnere mich nicht mehr."

Deutsch von Otto M. Mittler.

Leicht gekürzt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau