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Unser Haus am See

Wir gingen durch das Haus. Wir sagten, daß wir darin wohnen wollten. Später könnten wir es vielleicht auch kaufen. Das hat alles keine Eile, sagte der alte Mann, dem das Haus gehörte. Sie können sich das alles gut überlegen. Es ist recht einsam hier, wie Sie sehen, liegt es ziemlich abseits.

War es richtig, daß wir uns hier niedergelassen hatten? Waren die

Ruhe und Abgeschiedenheit für sie auf die Dauer ertragbar?

Regen wird kommen. Sie stand am Fenster und schaute hinaus; wie oft stand sie am Fenster! Ich hörte bald darauf, wie-sie leise hinter sich die Tür schloß. Bekleidet mit ihrem dunklen Mantel und in Stiefeln ging sie auf den Wald zu. Vorher hatte sie mir nicht gesagt, daß sie weggehen würde, aber es geschah oft, daß sie wegging, ohne vorher zu mir eine Bemerkung darüber zu machen.

Durchnäßt kam sie zurück. Nie wollte sie, daß ich sie frage, wo sie gewesen sei, also fragte ich nicht. Sie begann aus dem kleinen Korb, der vor ihr stand, Wolle herauszunehmen. Doch unwillkürlich hielt sie inne. Ihr Gesichtsausdruck war plötzlich so, als wäre ihr soeben eine besonders wichtige Angelegenheit eingefallen, die nicht erlaubte, daß sie aufgeschoben würde. Sie stand auf und verließ das Zimmer. Ich hörte, wie sie über die Holztreppe in das obere Stockwerk hinaufging. Dort schlief das Kind.

Die Arbeiten in und um das Haus mußten getan werden. Wir hatten das zu erfüllen, was wir uns selbst aufgetragen hatten. Fast jeden Tag fuhr ich in die kleine Stadt; um dort in der Schule zu unterrichten. Sie kümmerte sich unterdessen um alles im Haus. Es war ein längst schon gewohnt gewordener Ablauf der Tage, so als vergingen sie in Untätigkeit, denn alles verlief, als wäre keine besondere Aufmerksamkeit dazu notwendig, um das geschehen zu lassen, was in der Abschirmung der Zimmer geschah, im Garten oder auch draußen auf dem Stück Land, das uns bis weit hinein in die Wälder und Felder vertraut war.

Das Leben schien sich im Ereignislosen abzuspielen, Zufälle ausgeschlossen zu sein. So verging ein Tag nach dem andern, reihte sich Abend an Abend, nicht schweigend, aber wir beide in unseren Gesprächen doch wie verschlossen in uns selbst.

Eines Tages klopfte er an. Er kam, naß vom Regen, der ihn überrascht hatte, und bat, sich kurz ausruhen zu dürfen. Ich selbst war es, der ihn einlud zu bleiben, weil um diese Zeit keine Verbindung mehr zu der Stadt bestand. Ich sagte zu ihm: Sie können morgen, wenn ich zur Schule fahre, mit mir mitkommen, und bis dahin sind Sie hier willkommen. Er wohnte in einer Ortschaft, die ziemlich weit entfernt lag. Wie er sagte, wolle er ein paar Urlaubstage dazu benützen, Wanderungen zu machen, die Gegend kenne er recht gut, um so mehr sei er darüber überrascht, daß es ihm passiert sei, sich so sehr in der Zeit geirrt zu haben, daß er nun nicht mehr bis nach Hause zurück könne, sondern unsere Gastfreundschaft in Anspruch nehmen müsse.

Am nächsten Tag begleitete er mich. Einige Wochen später besuchte er uns wieder, um sich zu bedanken, wie er sagte, und um uns beiden Bücher zu schenken.

Zum Jahreswechsel kam eine Karte: Ich erlaube mir, Sie im nächsten Jahr wieder zu besuchen — so lautete der Text.

War es zu dieser Zeit, als ich zu grübeln begann und herausfinden wollte, was wirklich geschah? Kam er auch, wenn ich es nicht wußte? Schien es mir nur, als sei etwas in den Räumen aufgenommen worden, was vorher nicht dagewesen war?

Nie fragte ich sie nach dem, was mich beschäftigte. Gelegentlich schien es mir, als sähe ich benutzte Gläser in der Küche stehen, mehr als sonst üblich, oder als wäre ein Geruch um mich, den ich plötzlich erwitterte, wie ein Tier. Nachts drang jeder Laut überdeutlich zu mir und reizte mich, aber es war nicht die Angst, es war das Mißtrauen, das in mir wuchs.

Das Volumen dieser Tage und Nächte ist in mir geblieben als ein schwerer, aber weicher, verformbarer Block, der auf mir lag und der mich zwar nicht mehr mit zwanghaft eingeprägten Bildern verfolgte, aber mich bedrückte. Es bedurfte nur eines geringen Anlasses, um mich in den Zustand der Unruhe zurückfallen zu lassen. Alles, was seither so gleichmäßig vor sich gegangen war, hatte sich verflüchtigt.

Ich geriet in einen wie betäubenden Zustand, in dem ich verharren konnte, ohne mir allzu genau erklären zu müssen, woran ich zu leiden hätte; als hielte ich das, was ich mir vorstellte oder überhaupt nur einbildete, für unmöglich.

Das Haus war alt und baufällig als wir es bezogen. Wir änderten nicht viel an ihm während der Jahre, die wir darin wohnten. Nach ihrem Tod war es mir gleichgültig, wie es aussah. So verließ ich es in einem Zustand des Verfalls. Das Haus schien nach und nach in sich zusammenzusinken, und ich muß mir eingestehen, daß dieser unaufhaltsame Niedergang von mir herbeigewünscht worden war.

Aus dem in Arbeit befindlichen Roman „Flugschatten“.

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