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Weihnachtsgedicht

Ich mag etwa sechs Jahre alt gewesen sein, als man beschloß, mir einen Part an der Familienfeier unter dem Christbaum zu übertragen. Meine in Brünn lebende Cousine, zwei jähre älter als ich, ein Kind, das von allen Verwandten seiner Grazie, seines Fleißes, seines guten Benehmens wegen gelobt und mir bei allen möglichen Gelegenheiten als Vorbild genannt wurde, hatte im Jahr vorher am Weihnachtsabend ein sehr langes, eindrucksstarkes Gedicht vorgetragen und diese Vorstellung für meine Eltern und mich am zweiten Feiertag wiederholt. Sie hatte das lange

Poem nach einem anmutigen Knicks mit schöner Stimme und mit der wunderbarsten Betonung für uns aufgesagt und war dabei kein ein-zigesmal steckengeblieben, noch auf der Heimfahrt hatten meine Eltern ihr bescheidenes, aber sicheres Auftreten gelobt. Im nächsten Winter, meinten sie, würde ich alt genug sein, das Familienfest mit einem ähnlich langen Gedicht zu verschönern.

Obwohl dieser Plan das Jahr über beinahe in Vergessenheit geriet, erinnerte man sich im Dezember doch wieder daran, und man fand, daß das bekannte Gedicht vom Knecht Ruprecht von Theodor Storm nicht zu schwierig für mich sei. Das Gedicht verdarb mir die Vorfreude, es schob sich zwischen all das zu Erwartende, Erhoffte, ehe das Weihnachtswunder sich ereignen konnte, mußte ich einen Knicks vollbringen und ohne stek-kenzubleiben dieses Gedicht deklamieren, das ich, noch ehe ich es erlernt hatte, sehr zu hassen begann.

Schon mit dem Knicks begann es. Immer wieder hatte meine Mutter an meiner Haltung etwas auszusetzen, immer wieder wurden Vergleiche angestellt zwischen meinem Knicks und dem Knicks meiner Cousine, bis ich mich schließlich überhaupt weigerte, zu knicksen, wenn man mich dazu aufforderte, sondern mit finsterem Gesicht einfach steif stehenblieb wie ein Stock. Schließlich sah man ein, daß nichts anderes übrigblieb, als auf den Knicks zu verzichten.

Auch was das Erlernen des Gedichtes betraf, ergaben sich Schwierigkeiten. Obwohl ich leicht und rasch auswendig lernte, mir auch längere, von Erwachsenen gesprochene Textstellen gut merkte, die ich dann in ungeeigneten Augenblicken wortgetreu wiedergab, ging es mit diesem schönen Text nicht so glatt, wie man es erwartet hatte.

Von drauß' vom Walde komm ich her, ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! Das ging mir glatt von den Lippen, auch die nächsten zehn Verszeilen bewältigte ich ohne Stocken, dann aber blieb ich jedesmal stecken. Alt' und Junge sollen nun von der Jagd des Lebens ein-r mal ruh'n, das wollte mir nicht im Gedächtnis hängenbleiben, wohl, weil ich mir unter der Jagd des Lebens nichts Rechtes vorstellen konnte.

Von da an gab es überhaupt Klippen. Ich hatte von Anfang an einen inneren Widerstand gegen dieses Gedicht entwickelt, ich wollte es gar nicht lernen, dazu empörten mich jene Zeilen, in denen von einer Rute die Rede war, das Christfest und Rutenschläge, das vertrug sich nicht mit meiner Vorstellung von den sanften, arbeitsamen Engeln, abgesehen davon, daß es in unserer Gegend einen Knecht Ruprecht überhaupt nicht gab, daß er etwas ganz anderes war, als mein liebes, goldlockiges Christkind. Der ganze Stormsche Knecht Ruprecht vertrug sich nicht mit unserem Weihnachtsfest, das hatten die Erwachsenen nicht bedacht.

Für den Weihnachtsabend hatte mir unsere Schneiderin einen neuen, dunkelblauen Faltenrock und eine weiße Seidenbluse genäht, deren Rüschen mir an den Handgelenken und am Hals sehr im Wege waren, aber darauf konnte keine Rücksicht genommen werden. Auch für meine Zöpfe hatte man neue weiße Seidenmaschen gekauft. Schließlich standen alle, die mit uns das Fest feiern sollten, versammelt vor der noch verschlossenen Eckzimmertür.

Selbst Fräulein Grete, die wir slecno nannten, und die noch vor einem Jahr mein Kindermädchen gewesen war, war gekommen. Auch unsere Köchin Lischa war da, sie strich mir über das Haar. Wirst schon sehen, pipinko, sagte sie, es geht alles gut.

Sie sollte nicht recht behalten. Zwar ging nach dem Läuten des Glöckchens die Eckzimmertür auf, wie sie immer noch aufgegangen war, zwar war der Christbaum wie immer herrlich und glitzerte im Licht der Kerzen, darunter lagen, goldverschnürt, die Päckchen wie in den Jahren vorher, aber für mich hatte Weihnachten noch nicht begonnen, ich mußte es mir erst verdienen.

Ein Augenblick war mir noch vergönnt, denn man stand erst einmal, wie es sich gehörte, ganz still, die Augen auf den strahlenden Baum gerichtet, dann jedoch fühlte ich, wie meine Mutter mich sanft, aber bestimmt, nach vorne schob. Meine Füße waren schwer wie Blei, meine Knie waren steif, mein Herz klopfte mirbis in den Hals. Schließlich stand ich dort, wo ich stehen sollte und wollte beginnen, aber kein Wort fiel mir ein, nicht einmal die Anfangszeile, die mir bisher keine Schwierigkeiten bereitet hatte.

Ich stand da und starrte meiner Mutter ins Gesicht, die verzweifelt versuchte, lautlose Worte zu formen, ich hörte, wie mein Vater sich ungeduldig räusperte, tat einen Schritt nach rückwärts, näher zum Baum.lch strengte mich fürchterlich an, aber in meinem Kopf war eine entsetzliche Leere. Ich fühlte die Spannung im Raum, meine Hände schwitzten, von rückwärts spürte ich die Wärme der Kerzen. Von drauß', flüsterte meine Mutter vernehmlich, Von drauß vom Walde! Ich hörte die Worte, konnte sie jedoch nicht wiederholen.

Naja, sagte mein Vater leise, nicht mehr und nicht weniger. Naja!

Ich senkte den Kopf, das Teppichmuster kam von unten her auf mich zu. Ein fremder, scharfer Geruch mischte sich in den Duft von Tannenreisig und Kerzenwachs. Hinter mir muß eine Flamme sichtbar geworden sein, denn meine Mutter schrie plötzlich auf: Sie brennt! Sie stürzte auf mich zu, riß mich vom Baum weg, warf mich auf den Fußboden, wälzte mich auf dem Teppich hin und her. Alle schrien jetzt durcheinander, es stank nach verbranntem Wollstoff, meine Hinterseite hatte Feuer gefangen, mein neuer, leicht abstehender Faltenrock hatte mich gerettet, obwohl mein Hinterteil keine Brandblasen abbekommen hatte, waren jetzt alle sehr lieb und gütig zu mir.

Niemand sprach an diesem Abend noch von jenem Gedicht, niemand fragte mehr danach. Die nächste Vorweihnachtszeit war wieder voller Freuden für mich. Hinter den Marienglasscheiben des Dauerbrandofens mit der Aufschrift „American Heating“ glühte das Feuer und meine Mutter erzählte mir meine Lieblingsgeschichten, obwohl ich sie jetzt schon gut selbst lesen konnte.

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