Als der Papst den Krieg verdammte

Vor 40 Jahren veröffentlichte Papst Johannes XXIII.seine Friedensenzyklika "Pacem in terris".Die damaligen Aussagen gegen die Lehre vom gerechten Krieg bilden auch für den heutigen Papst den Grundstock für seinen Widerstand gegen den Krieg.

Von ihrer beklemmenden Eindringlichkeit haben die Worte - erst recht heute, in Zeiten des Krieges - nichts eingebüßt: "Darum widerstrebt es in unserem Zeitalter, das sich rühmt, Atomzeitalter zu sein, der Vernunft, den Krieg noch als das geeignete Mittel zur Wiederherstellung verletzter Rechte zu betrachten."

Geschrieben wurden sie von einem, der auf die 82 zuging: Am 11. April 1963, einem Gründonnerstag, veröffentlichte Papst Johannes XXIII. - bereits von der zwei Monate später zum Tod führenden Krankheit gezeichnet - seine nicht nur an Katholiken, sondern "an alle Menschen guten Willens" gerichtete Enzyklika "Pacem in terris". Die längste Zeit seines Lebens auf diplomatischen Außenposten wirkend, war der Roncalli-Papst weder naiv noch weltfremd, auch wenn er von manchen "Realpolitikern" (selbst innerhalb der Kirche) gern so hingestellt wurde. Er setzte auf "die Diplomatie des Herzens".

Durchschlagende Worte

Die Lebenserfahrung hatte den damals unterschätzten Papst gelehrt, dass Zeichen, Gesten und aufbauende Worte genauso "durchschlagend" sein können wie Waffen. Sein achtes Rundschreiben, "ein genau durchdachtes, kunstvoll durchgegliedertes, architektonisches Werk" (so der Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning SJ), war nicht im luftleeren Raum entstanden.

Zwei Jahre vor Erscheinen der Friedensenzyklika war Berlin durch den Mauerbau zur geteilten Stadt geworden. Als Millionen von Katholiken im Oktober 1962 via Fernsehen die Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils mitverfolgten, stand die Welt durch die Stationierung russischer Langstreckenraketen auf Kuba am Rande eines Atomkrieges zwischen den beiden Supermächten USA und Sowjetunion. Die von John F. Kennedy verhängte totale Seeblockade war der verzweifelte, letztlich erfolgreiche Versuch eines visionären Politikers und seiner Berater, die "Gewehr bei Fuß" stehenden Militärs von einem atomaren Erstschlag abzuhalten.

Gerechter Krieg aufgegeben

Am 7. März 1963 empfing Johannes XXIII. das Ehepaar Rada und Alexej Adschubej. Alexej Adschubej war Chefredakteur der Regierungszeitung Isvestija und Schwiegersohn von Nikita Chruschtschow, für den er außenpolitische Sonderaufträge erfüllte. Diese Begegnung löste heftige Reaktionen aus. Auch im Vatikan wurde die "pastorale Kontaktfreudigkeit" des Papstes mit Argwohn betrachtet. Am 22. April, keine zwei Wochen nach der Veröffentlichung, erschien in einer Moskauer Zeitschrift eine ausführliche Zusammenfassung von "Pacem in terris"! Chruschtschow selber äußerte sich in einem Interview mit dem Herausgeber der Mailänder Zeitung Il Giorno sehr positiv über das Papstschreiben.

Johannes XXIII. gab sich darin überzeugt, dass die weltpolitische Lage dazu zwinge, die jahrhundertealte Lehre vom "gerechten Krieg" aufzugeben. "Dies", so der Papst-Biograf Giuseppe Alberigo, "war eine Wende von enormer Tragweite, deren Nachvollzug immer noch im Gange ist." Wie wahr - erst recht anno 2003, da Politiker ungeniert "Gott" und christliche Prinzipien bemühen, um geopolitische Interessen zu rechtfertigen.

Seit 1963 hat sich das weltpolitische Koordinatensystem enorm verändert: Der Kalte Krieg ist Vergangenheit. Es gibt nur mehr eine Supermacht. Wie verwundbar sie ist, haben die Terrorakte vom 11. September 2001 aufgedeckt. Indien und Pakistan bringen ihre atomaren Arsenale gegeneinander in Stellung. Das vor dem ökonomischen Kollaps stehende Nordkorea arbeitet an der Drohkulisse eines Atomkriegs. Und Saddam Hussein hat monatelang nicht nur die USA und ein UN-Inspektorenteam provoziert, sondern eine gigantische Militärmaschinerie der so genannten "Koalition der Anständigen" in Gang gesetzt, die den Irak nunmehr zum Schlachtfeld gemacht hat.

"Pacem in terris" wieder zu lesen, hat mit nostalgischer Rückschau nichts zu tun. Papst Johannes Paul II. hat in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2003 an die Enzyklika erinnert und sie "historisch" genannt. Dies sollte nicht nur eine Reverenz gegenüber dem inzwischen selig gesprochenen Vorgänger sein, sondern dessen Überlegungen als "eine bleibende Aufgabe" in Erinnerung rufen.

Die Enzyklika ist in fünf Teile gegliedert: "Die Ordnung unter den Menschen", "Die Beziehungen zwischen den Menschen und der Staatsgewalt innerhalb der politischen Gemeinschaften", "Die Beziehungen zwischen den politischen Gemeinschaften", "Die Beziehungen zwischen den einzelnen politischen Gemeinschaften und der Völkergemeinschaft" und "Pastorale Weisungen". Johannes XXIII. war daran gelegen, dass der Friede nicht "ein leeres Wort" bleibt, sondern Bestand gewinnt in einem "Ordnungsgefüge, das in der Wahrheit gegründet, nach den Richtlinien der Gerechtigkeit erbaut, von lebendiger Liebe erfüllt ist und sich schließlich in der Freiheit verwirklicht". Er spricht von Menschenrechten, würdigt die Vereinten Nationen, warnt vor einem Rüstungswettlauf und bedauert das Auseinanderklaffen von Glauben und Handeln im Leben der Christen.

Oswald von Nell-Breuning attestierte der Enzyklika, "den großen Durchbruch vorweggenommen" zu haben, den das Konzil "in aller Form vollzogen hat: nicht mehr Bevormundung durch den für alles zuständigen Klerus, sondern eigene Verantwortung der Laien, eines jeden im Bereich seines beruflichen Wirkens, seines Sachverstandes, seiner fachmännischen Qualifikation."

Keine nationalen Adjektive

Die Worte Johannes' XXIII. wurden nicht nur gehört, sondern auch ernst genommen. Heute erfreut sich Johannes Paul II. des uneingeschränkten Respektes bei vielen Staats- und Regierungschefs. Die brennende Frage lautet: Wer hört ihm zu? Im Standard vom 7. März erschien eine Karikatur: Sie zeigt Kardinal Pio Laghi, den Sondergesandten des Papstes, vor dem Schreibtisch des US-Präsidenten sitzend und ein Schild hochhaltend: "Pax". George W. Bush, hält ebenfalls ein Schild hoch: "Pax Americana". Muss es Frieden nicht für alle Menschen geben? Es gibt keinen Frieden mit nationalen Adjektiven.

Auf dem II. Vatikanum regten die Konzilsväter in der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" mit Bezug auf "Pacem in terris" eine "Übereinkunft zwischen allen Nationen" an, damit "jeglicher Krieg absolut geächtet werden kann". Davon scheint die Welt, 40 Jahre nach "Pacem in terris", weit entfernt.

Der Autor ist stv. Redaktionsleiter der "Stimmen der Zeit" in München.

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