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Von Hirten und Oberhirten

Auf ein Wort

"Axios!“ rief die Festgemeinde am Sonntag in der übervollen griechisch-orthodoxen Kathedrale am Wiener Fleischmarkt. "Axios!“ ("Er ist würdig!“) - die Menge rief es nicht nur einmal, sondern immer wieder. Es war der Willkommensgruß für Arsenios Kardamakis, den neuen, erst 38-jährigen Metropoliten. Den Nachfolger des verstorbenen Michael Staikos, der nicht nur eine große Priestergestalt war, sondern auch ein Motor christlicher Ökumene. "Axios!“ Der Ruf vereinte in dieser Feierstunde auch alle Ehrengäste - Orthodoxe und Katholiken, Evangelische und Altkatholiken, Armenier, Kopten und … Ihre Segenswünsche und Umarmungen belegten einmal mehr das besondere ökumenische Klima in Österreich. Vom "Weg der Einheit“ war da die Rede, vom "unumkehrbaren Dialog“ - und von "Agapi“ (Liebe) als Gründungs-Charta christlicher Gemeinsamkeit.

"… dass alle eins seien“

Seltsam: Gerade in dieser Stunde habe ich wieder jenen Schmerz der Trennung unserer christlicher Kirchen gespürt, über den kein noch so schönes Wort und keine Geste hinwegtrösten kann. Vielleicht lag das am neuen, ökumene-freundlichen Metropoliten, der in seiner Botschaft die Mahnung Jesu zitierte, "dass alle eins seien“. Vielleicht auch am Gemälde neben seinem Thron, das die Weihnachtsszene festhält: die Gottesmutter mit dem Kind, umstellt von einer dicht gedrängten Schar der Hirten und Engel unter dem Lichtstrahl des Himmels.

Zweitausend Jahre nach dem Wunder von Bethlehem stehen die (Ober-)Hirten heute gottlob wieder enger beisammen als in vergangenen Jahrhunderten - und sind einander doch recht fremd geblieben. Getrennt durch hierarchische Ansprüche ihrer Kirchen und durch theologische Finessen, die sich dem Verständnis gläubiger Menschen von heute weitgehend entziehen. Wie unzählig oft ist zuletzt der "Skandal der Spaltung“ beklagt und die Wiederherstellung der verlorenen Einheit beschworen worden! Wie viele "historische“ Treffen, Dialoge und Konferenzen haben Hoffnungen genährt! Und wie viel Stagnation, ja Vereisung liegt dennoch zwischen Christen, die sich doch alle auf dieselbe Offenbarung und den gleichen Text ihres Glaubensbekenntnisses berufen!

Ökumenischer Ungehorsam

"Ist denn Christus zerteilt?“ Immer wieder hat Erzbischof Staikos dieses Paulus-Wort zitiert - angesichts von Streit, Rechthaberei, Machthunger und Respektlosigkeit kirchlicher Obrigkeiten gegenüber ihrem Glauben. Weit ist noch immer der Weg vom gemeinsamen (Mittags-)Mahl, das viele Oberhirten auch nach der Amtseinführung des neuen Metropoliten vereinte, bis zur Mahlgemeinschaft vor dem Altar. Ökumene - das ist (gegen manche Hoffnung Roms) kein Rückholprozess für verlorene Schäfchen, sondern ein überfälliger Weg, um bei aller Vielfalt der Traditionen wieder zu einer wirklich versöhnten Verschiedenheit der Kirche zu gelangen.

Die Hierarchen unserer Tage quält der "Ungehorsam“ vieler Priester. Was aber, wenn ein "ökumenischer Ungehorsam“ unter Gläubigen nicht mehr warten will, bis das Pfingstwunder der Einheit auch über die Kirchenführungen kommt?

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