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Leben mit spezieller WAHRNEHMUNG

Wir Menschen mit Autismus stoßen im Alltag immer wieder an unsere Grenzen, obwohl wir uns meist große Mühe geben, die Anforderungen zu bewältigen. Es fällt uns schwer, auf andere Menschen zuzugehen, ein Gespräch mit ihnen zu beginnen und in Gang zu halten, obwohl wir uns oft durchaus für unser Gegenüber interessieren. Es bestehen auch Schwierigkeiten, Mimik, Gestik oder Blickkontakt anzuwenden und bei anderen richtig zu interpretieren. Daher entgehen uns im Gespräch viele Informationen, die andere Menschen ganz selbstverständlich aufnehmen können.

Isolation und Ausgrenzung

Wir sind motorisch oft ungeschickt und brauchen Hilfe bei scheinbar leichtesten Aufgaben, während wir schwierige Anforderungen manchmal fast mühelos erledigen können. Daher wirken wir auch noch im Erwachsenenalter oft merkwürdig. Oft werden wir gemieden und beschimpft oder als unhöflich bezeichnet, was immer wieder weh tut.

Eine exakte Diagnose ist wichtig, denn erst danach sind viele Verbesserungen im Alltag möglich. Vor allem aber können die Kinder dann besser vor den Hänseleien der Alterskameraden geschützt werden. Menschen, die anders als die anderen sind, laufen Gefahr, geärgert und ausgeschlossen zu werden. Sie reagieren ängstlich und unsicher, haben nur geringes Selbstvertrauen. Für ihre Mitschüler sind sie nicht wirklich interessant, da sie sich nicht sehr um ihr Äußeres kümmern und meist seltsame Interessen haben. Oft sind sie Einzelgänger, und werden nur selten von anderen Kindern unterstützt. Damit werden sie zur idealen Zielscheibe für alle, die ein Opfer suchen. Auch ich stand in der Schule meist abseits, war nicht einbezogen in die Gespräche der anderen -hätte aber auch nicht gewusst, was ich da hätte beitragen sollen.

Autistische Menschen werden viel häufiger als andere ausgegrenzt. Das kann dann so aussehen, dass die anderen Kinder nicht mehr mit dem Betroffenen spielen, seine Fragen nicht mehr beantworten oder ihn von einer gemeinsamen Veranstaltung ausschließen. Große Schwierigkeiten haben wir meist in den wenig strukturierten Situationen. Dazu gehören im Schulalltag die Pausen, aber auch Klassenausflüge.

Je strukturierter, desto besser

Während meine Mitschüler sich immer auf die Freizeit zwischen den einzelnen Unterrichtsstunden freuten und offenbar nur von Pause zu Pause lebten, hätte ich gut darauf verzichten können, denn hier wurde ein Zusammensein gefordert, das völlig chaotisch abzulaufen schien. Das überforderte mich, und so saß ich in den Pausen oft auf der Schultoilette im Hof und wartete dort auf den Gong am Pausenende.

Als ich dann in die Oberstufe kam, hatte ich anfangs das Gefühl, im Paradies zu sein, denn dort gab es so tolle Toiletten, wie ich sie noch nie zuvor an einer Schule gesehen hatte. Aber bald schon wurde mir klar, dass es in dieser Schule für mich noch viel schwerer werden würde als bisher. Es war mehr Eigeninitiative gefordert und man musste sich schon den Stundenplan zum Großteil selbst zusammenstellen. Alles erschien mir wahnsinnig verwirrend und chaotisch. Zu den wichtigsten Maßnahmen bei der Arbeit mit autistischen Menschen gehört daher die Strukturierung. Ein Lehrer mit kreativem, also eher unstrukturiertem Vorgehen kann für uns eine Katastrophe sein.

Spezielle Wahrnehmung

Auch die unterschiedliche Wahrnehmung macht sich beim Lernen bemerkbar. So nehmen wir eher Details wahr, nicht aber Beziehungen und Zusammenhänge, und können deshalb Menschen, Objekte und Situationen nicht kontextgebunden wahrnehmen. Das kann sich in der Schule etwa im Fach Deutsch oder den Fremdsprachen bemerkbar machen. Ein Text besteht für uns oft nicht aus zusammenhängenden Gedanken, sondern aus einer Ansammlung von Einzelinformationen. Viele Betroffene verstehen daher Geschichten nicht. Auch ich bin an diesen Anforderungen gescheitert, konnte mir keinen Film ansehen und keinen Roman verstehen. Heute ist das nicht mehr schlimm, aber in der Schule wurde die Fähigkeit verlangt, Texte zu analysieren, was mich hoffnungslos überforderte. Immer wieder musste ich meine Aufsätze vor der Klasse vorlesen, da sie den Mitschülern als "abschreckende Beispiele" präsentiert werden sollten.

Die spezielle Wahrnehmung autistischer Menschen kann man als "eigenen Stil der Informationsverarbeitung" bezeichnen, der auch Vorteile hat, da sie manchmal auch solche Einzelheiten erkennen, die anderen gar nicht auffallen. Solche Fähigkeiten macht man sich inzwischen auch beruflich zunutze, etwa wenn das Erkennen winziger Fehler nötig ist. Überhaupt sind Menschen mit Autismus in mancher Hinsicht nahezu perfekte Arbeitnehmer. Sie sind in der Regel pünktlich und zuverlässig, legen keinen großen Wert auf gemeinsame Pausen mit Arbeitskollegen, sondern bleiben lieber an ihrer Arbeit. Oft wollen sie ein akkurates und optimales Ergebnis erzielen. Häufig aber werden ihre Fähigkeiten durch Defizite überlagert, so dass es oft nicht gelingt, Ressourcen zu erkennen. Es ist eine Herausforderung, gegebene Fähigkeiten optimal zu nutzen und möglichst Bereiche zu finden, in denen Schwierigkeiten akzeptiert werden können -oder vielleicht gar keine große Rolle spielen.

Inzwischen gibt es Initiativen, etwa im Bereich der Informationstechnologie, wo einige große Firmen mehrere hundert autistische Menschen einstellen möchten. Man hat nämlich festgestellt, dass nicht nur die Arbeitsleistung der autistischen Angestellten sehr gut war, sondern dass sie auch viel zur Verbesserung des Arbeitsklimas beigetragen haben. Alle gingen auf einmal viel ehrlicher und respektvoller miteinander um, und auch die Ergebnisse waren besser, wenn ein autistischer Mensch im Team war. Trotzdem beginnt man erst allmählich, die Vorteile dieser veränderten Wahrnehmung zu erkennen und den Betroffenen qualifizierte Tätigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt anzubieten. Ich selbst arbeite jetzt schon seit fünfzehn Jahren als Ärztin an einer Klinik und freue mich, dass man meine Arbeitsleistung dort durchaus zu schätzen weiß.

Der Wunsch nach Freundschaft und Partnerschaft wird von vielen Betroffenen beschrieben. Sie wünschen sich, zu ihnen passende Menschen kennenzulernen und die Freundschaft dann auch pflegen zu können. So ist uns oft gar nicht klar, wie häufig man sich bei dem anderen melden sollte, um die Beziehung nicht abreißen zu lassen. Aber persönliche Beziehungen lassen sich nun einmal nicht wirklich kontrollieren, und das ist einer der Gründe, weshalb sie autistische Menschen vor große Probleme stellen. "Small talk" fällt uns schwer: Wir können etwa nicht verstehen, dass man sich aus anderen Gründen als aus meteorologischem Interesse über das Wetter unterhalten möchte. Einsamkeit ist etwas, das viele gerade im Erwachsenenalter begleitet. Weit und breit ist niemand da, mit dem man schöne Erlebnisse oder auch Schwierigkeiten besprechen kann. Im sozialen Kontakt sind normalerweise viele Kleinigkeiten gefordert, die die meisten Menschen wissen, ohne sie lernen zu müssen. Autistische Menschen dagegen müssen sie sich mühsam aneignen. Dazu gehören auch so vermeintlich einfache Dinge wie die Körperpflege oder eine der Situation angemessene Kleidung.

Diagnose als Erleichterung

Noch immer haben viele Betroffene vor allem im Erwachsenenalter keinen Zugang zu therapeutischer Hilfe. Es wäre wichtig, noch viel mehr interessierte Therapeuten für die Arbeit mit autistischen Menschen zu qualifizieren. Vor allem brauchen die Betroffenen oft praktische Unterstützung im Alltag, im Haushalt, bei Behördengängen oder bei der Kindererziehung. Ja, wir erscheinen oft als merkwürdige Wesen, vieles an uns wirkt fremd und rätselhaft. Wichtig ist es, hinter die Fassade zu blicken und nach Gründen zu suchen. Immer wieder muss man eine gute Balance finden zwischen Anpassung und Individualität. Natürlich ist es in vielen Fällen unumgänglich, sich den Normen zu unterwerfen. Aber es gibt auch Situationen, in denen merkwürdige Eigenarten als Facetten der menschlichen Vielfalt akzeptiert werden können.

Die Diagnose wird anfangs von den Betroffenen oft als große Erleichterung erlebt, auch mir ging es so. Es war einfach eine Befreiung zu wissen, dass es einen Begriff für all die erlebten Schwierigkeiten gibt und nicht alles auf fehlenden Willen oder auf Unvermögen zurückzuführen ist, wie mir oft gesagt wurde, wenn man mich mit Befehlen wie "Stell dich nicht so an!" oder der Feststellung "Du bist so komisch!" konfrontierte. Auch für Eltern ist es erleichternd zu wissen, dass es sich nicht um "Erziehungsfehler" handelte, die ihr Kind so werden ließen. Aber natürlich macht man sich auch danach viele Sorgen und Gedanken. Was wird aus mir bzw. meinem Kind werden? Welche Maßnahmen sind zu treffen, was kann hilfreich sein?

Sinnvoll sind vor allem ermutigende Beispiele von anderen Betroffenen. Information und Aufklärung sorgen für Entlastung. So sagte mir eine Kollegin in der Klinik, sie könnte "in die Luft gehen". Ich dachte, sie wollte mit mir über ihre Urlaubspläne sprechen, und fragte sie, wohin sie gern fliegen würde. Dass sie sich über einen Patienten geärgert hat, habe ich nicht gemerkt. Wenn also diese Kollegin nicht über meine Verständnisschwierigkeiten Bescheid gewusst hätte, hätte sie mich vermutlich für recht unsensibel gehalten. Unangemessenes Verhalten basiert oft auf Missverständnissen. Unkollegialität oder Rücksichtslosigkeit sind Attribute, mit denen wir immer wieder konfrontiert werden, obwohl sie eigentlich nichts mit uns zu tun haben.

Wie Fische im falschen Wasser

Ich habe gelernt, nicht mehr immer all das tun zu müssen, was andere für mich vorgesehen haben. Im Frühjahr habe ich eine tolle Reise unternommen, die schon lange mein Traum war. Aber zum Abendessen wurde man an große Tische eingeteilt, und ein Tisch mit zehn Personen war einfach zu viel für mich. Ich sollte mich mit neun fremden Personen über Themen unterhalten, die ich vorher nicht kannte, und daneben mein Abendessen genießen und aufpassen, dass ich dabei nicht kleckere. Das war Stress pur, deshalb habe ich das nur ein einziges Mal gemacht, um dann zu entscheiden, dass ich abends lieber ein Käsebrot esse - allein auf dem Aussichtsdeck, mit einem unbeschreiblichen Gefühl der Freiheit. In solchen Momenten bin ich glücklich und habe das Gefühl, authentisch leben zu können. Und ich weiß heute, dass es egal ist, ob andere meine eigenen Lebensziele wichtig finden.

In guten Momenten denke ich, dass ich allmählich meinen Platz in dieser Welt finde. Wenn mir aber bewusst wird, dass ich dabei immer allein bin und außer meinen Eltern niemanden habe, mit dem ich diese Momente teilen kann, dann überwiegt die Traurigkeit. So wird es wohl bleiben, zwischen diesen Zuständen werde ich mich wohl auch künftig bewegen. Es ist nicht leicht und wird niemals leicht werden. Aber ich glaube, dass es gelingen wird, auch für jeden autistischen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen.

Das Wichtigste sind wohl die Rahmenbedingungen. Das hat ein junger Mann mit Asperger-Syndrom so zum Ausdruck gebracht: "Menschen mit Autismus sind wie Salzwasserfische, die gezwungen werden, im Süßwasser zu leben. Wenn die Person mit Autismus und die Umwelt nicht zusammenpassen, wirken wir nicht selten behindert. Passen sie dagegen zusammen, dann können auch wir sehr erfolgreich werden."

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