oder: Die Loreley aus Liverpool. Overheadprojektionen.

Und wir erklärten einander die Welt, wie sie nicht ist.

Hätte ich aber darüber ein Theater aufführen wollen, dann so:

Es hätte DON'T IMAGINE geheißen und hätte aus Stimmen und Dingen im Jahr der Bibel bestanden, aus Voces und wäre eine Partitur gewesen.

Partitur zu einer Installation von Michael Carstens, bestehend aus zwei Videos: dem von Michael Carstens, wo Autos einander an der Ampel begegnen mit Menschen, die, von einander wegfahrend, einander Satzfetzen zurufen;

und 2. mit dem Griechenlandvideo von Heidegger. (Als Overheadprojektionen)

Die drei Aussagesätze

Die Welt ist ein Meer. Die Menschen sind die stolzen und die aufgeblasenen Wellen. Das Ufer ist der Tod.

hätte ich vorangestellt. Sie wären von Abraham a Sancta Clara aus Kreenheinstetten gewesen.

Und wir erklärten einander die Welt, wie sie nicht ist.

Das wäre von mir gewesen.

I. AM HIMMEL

John Lennon hätte "Imagine, there's no heaven, above us only sky" gesungen. Ich wäre nicht immun gewesen und wäre beinahe verführt worden von dieser Sirenenstimme oder Loreley aus Liverpool (ich hörte es auf dem Weg von Mexiko nach Miami, im Flug, dass er erschossen worden sei, unten, IMAGINE, denk dir! -)

Einige Jahre zuvor hatte er an der Gangway, auf dem Weg nach Amerika, gesagt: Ich bin berühmter als Jesus Christ. (dschieses kraist, für manche Ohren kein Name, eher eine Kakophonie).

Ich hätte daraufhin den johanneischen Jesus noch einmal ICH BIN DAS LICHT DER WELT sagen lassen.

Das hätte Abraham-a-Sancta-Clara mit "OMNES MORIMUR - ES MUSS GESTORBEN SEIN, und wer's nicht glauben will, frag Wien in Österreich darum" bestätigt (o.k.).

Abraham a Sancta Clara Kreenheinstetten Donau (Oberschwaben) 1644 - Wien 1709, lebte auch lange in Graz. Das ist noch kein Gottesbeweis.

Der nächstbeste Zyniker hätte eingeworfen: Wo spielt das Ganze? Im Himmel oder in einem Swingerclub?

Ich hätte ORT & ZEIT herausarbeiten müssen:

Alles spielt in the middle of nowhere zur happy hour.

Das heißt an einem Ort zu einer Zeit in der:

STERBEN DURCH GEHEN ERSETZT WURDE IN DEN TODESANZEIGEN

DER GELEHRTE DURCH DEN EXPERTEN (ersetzt wurde)

DAS WORT GEWISSEN DURCH DAS WORT KRITISCH

IN EINER ZEIT AUF EINER WELT,

IN DER DIE HOFFNUNG VOM SPASS ABGELÖST WORDEN IST

DAS VERLANGEN VOM WELLNESSBEREICH

DER MENSCH VOM VERBRAUCHER

DIE SEHNSUCHT VOM FIT FOR FUN

DIE EXISTENZ VON SCHÖNER WOHNEN

Ein Ich hätte darauf sagen müssen: Ich war sehr einsam.

Meine kleinen Mitbestien, die damals schon instinktiv erkannten, dass mit ihnen etwas stimmte und mit mir etwas nicht stimmte, leben nun in ihren Neubaugebieten und führen eine Einfamilienhausexistenz und wohnen auf Filetstücken mit integriertem Carport.

Ein Chor hätte gesungen:

Du hättest singen sollen!

Seele!

Eine Hausfrau: Wenn Helmut Lotti nicht singen kann, verstehe ich nichts von Musik!

Ein Chor sang:

Ihre Ringstraßenvehemenz

Ihr Gemeinschaftsantenneneifer

Ihr Verkabelungsdrang

Ihre Einliegerwohnungsgenehmigungsanträge

Ihre Whirlpoolphantasien

Ihr Grüner-Tonnen-Stolz

Ihr ökologisches Windräderbewusstsein

Ihr Geräteschuppen-im-Landhausstil-Ehrgeiz

Ihre Tennis- und Fitnessclubmitgliedschaften

Ihre Sperrmüllkalender-Daten im Jahr, als der Ikeakatalog endgültig die Heilige Schrift überrundet hatte und es hundertmal so viel ADAC-Mitgliedschaften gab wie wirkliche Gläubige.

Elisabeth Noelle Neumann hätte daraufhin gesagt: Die Akzeptanz der Religion beim Verbraucher hat sehr nachgelassen. Das höchste Ansehen genießen heute die Experten. Die Stiftung Warentest ist heute die höchste Verbraucher-Instanz.

Ein gläubiger Mensch hätte sagen wollen, wurde aber nicht gefragt: Als Mensch lebe ich in einer Welt, die für mich nach wie vor aus Sichtbarem und Unsichtbarem besteht. Die Faktizität ist das eine und die Sehnsucht nach etwas, das nicht sichtbar ist, und das es doch gibt wie GLAUBE HOFFNUNG UND LIEBE, ist das andere.

Ein Zyniker (d.h. Mann, d.h. Experte) hätte das letzte Wort haben wollen: Glaube Hoffnung und Lüge.

Ein Schriftsteller hätte alles in einem Satz zusammenfassen müssen: Mein Buch ist an meiner Sehnsucht entlang geschrieben wie an einer Hundeleine.

Ist diese Metapher schief?

III.

hätte IN JENEM SPELUNKENKELLER VON SANKT PETERSBURG gespielt, in dem Marmeladow seine Auferstehungsrede hielt.

IMAGINE

Monolog einer Dreckseele.

Dass es keinen Menschen auf der Welt mehr gab, der meinen Nachruf hätte schreiben können, wäre der Beweis gewesen. Das sollte alles sein? Hier, wo nichts war und blieb? Hätte ich nun auch noch IMAGINE mitsummen sollen und wäre doch nicht über den ersten schauderhaften Vers hinausgekommen mit der schönen Melodie und wäre um ein Haar verführt worden. IMAGINE THERE'S NO HEAVEN war an diesem Tag zu schauderhaft (vielleicht war wieder einmal meine Hinrichtung anberaumt worden, und ich wusste es nicht) gewesen, in dieser Dreckwelt sollte ich nun auch noch auf den Himmel verzichten und auch noch davon träumen.

Soll ich mich mit dieser Dreckwelt zufriedengeben müssen mit meiner Dreckseele und mich allein mit dem abgeben was ist und glauben dass das, was zu sehen ist das einzige ist und dass es also vom Himmel nur noch die Wolken und manchmal etwas Blau gibt und so fort dachte ich es war in einer Welt.

Ich saß zwischen Vogelkäfig und Aquarium.

Behauptung: dass das Unsichtbare mehr als das Sichtbare war.

Was gab es auf dieser Welt noch zu tun für mich, dachte ich und träumte mich nun zu Marie Luise hinauf: gut, eine Kreuzfahrt! Unser Ziel war die Wolga.

(Wie ich verstand, dass mich keiner verstand!)

Dort haben wir einen Besen gekauft, wie es sie bei uns längst nicht mehr gibt und einmal gab es einen Sommer der war so lang, dass ich nicht mehr weiterwusste und eines schönen Sonntagnachmittags mich aus Verzweiflung ins Treppenhaus stürzte mit einem Putzkübel um etwas zu tun. Die Alternative wäre gewesen mich hinunterzustürzen und dann wär's auf einmal still gewesen.

Auf der Wolga las ich Dostojewski.

Und Er wird sagen: Kommt! Kommt her ihr Schweine, auch du! -

Schweine seid ihr, wird Er sagen.

Dennoch - kommt auch ihr! -

Und die Weisen und die Gescheiten werden sagen -NEIN.

Dies war auch mein erstes Wort, noch vor MAMA und AUTO;

(Die Sprache war meine erste Fremdsprache / mit dem Wort MAMA machte ich mich auf den Weg / Muttersprache und Fremdsprache fielen zusammen in meinem Mund) doch später habe ich andere Wörter dazugelernt und den Führerschein gemacht und in meinen Wortschatz aufgenommen wie Himmel und Hoffnung und Liebe und alles was nicht sichtbar ist und es doch gibt, selbst die Weisen müssen zugeben, dass die unsichtbarsten Mauern die gewissesten sind (ich suche verzweifelt nach einem Wort mit drei "S").

Aber die Gescheiten sagten weiterhin: Nein. Sie saßen aufrecht an ihrem Kellertisch und tranken und lachten als Marmeladow nun schon den Herrn auf sich zukommen sah wie er die Arme ausbreitete und zu ihm sagte:

Komm, du Schwein! Komm auch du.

Und er wird sagen: auch ich verurteile dich nicht.

So hatte sich das Ich in seine Rettung hineingesteigert, einmal auf der Welt. Und dann so.

Der Autor, Jahrgang 1954, erhielt 1999 den Büchner-Preis. Der hier stark gekürzte Text ist ein Auftragswerk des Grazer Kulturzentrums bei den Minoriten, das zu Christi Himmelfahrt ein Lesefest zum Thema Himmel veranstaltet, nachzulesen im Katalogbuch "Himmelschwer" und im Buch:

Himmel

hg. von Birgit Pölzl

edition korrespondenzen, Wien 2003

132 Seiten, brosch., e 15,-

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