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Europa wird heller

1945 1960 1980 2000 2020

Der britische Historiker Orlando Figes zeigt in „Die Europäer“ die Entstehung Europas durch den Dampf der Eisenbahn. Ein schillerndes Epochenpanorama, das auch beschreibt, wie die Kommerzialisierung der Kunst begann.

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Der britische Historiker Orlando Figes zeigt in „Die Europäer“ die Entstehung Europas durch den Dampf der Eisenbahn. Ein schillerndes Epochenpanorama, das auch beschreibt, wie die Kommerzialisierung der Kunst begann.

Sie war gewiss keine Schönheit. Aber sie muss, so viel wird vermeldet, eine ungemein ausdrucksstarke Persönlichkeit gewesen sein. Immerhin behauptete sich die Sängerin Pauline Viardot-García zur Mitte des 19. Jahrhunderts bereits ubiquitär als Weltstar. Die aus einer spanischen Musikerfamilie stammende Diva hatte nach dem frühen Tod ihrer legendären Schwester Maria Malibran die Opernhäuser Europas im Sturm erobert. „Sie singt wie sie atmet“, schwärmte ein begeisterter Alfred de Musset. Für Giacomo Meyerbeer war sie schlichtweg „die größte Künstlerin des Universums“. Und Gustave Flaubert meinte über ihre Interpretation der Titelrolle von Glucks „Orphée“ 1859, dies sei „eines der größten Dinge, die ich kenne“.

Diese Primadonna assoluta der Grand opéra erhebt der britische Historiker Orlando Figes zur Kronzeugin seines weit ausholenden Plädoyers für jene kosmopolitische Kultur, die sich ab 1840 dank dem Ausbau des Eisenbahnnetzes buchstäblich mit Eilzugtempo in ganz Europa verbreitet hat. So vermochte die gefeierte Sopranistin ihre beispiellose Karriere in bisher nie dagewesener Dynamik von Paris aus durch rasch aufeinanderfolgende Auftritte in den großen Opernhäusern Europas voranzutreiben. Mehr noch: Durch die neuen Transportmöglichkeiten konnten ganze Produktionen wie auch Opern- und Theaterkompanien quer durch den Kontinent verschoben werden. Einem Publikum, das sich nun nicht mehr aus aristokratischen Eliten, sondern aus dem wohlhabenden Bürgertum zusammensetzte, wurde damit ein internationales Repertoire der Opern- und Theaterkunst nahegebracht.

Die 1821 geborene Viardot ist indes nicht die einzige Paradezeugin, um die sich in Figes’ Buch alles schart. Auch ihr Ehemann, der vielseitige Kunsthistoriker und -händler Louis Viardot, sowie der mit beiden eng befreundete russische Schriftsteller Iwan Turgenjew stehen im Mittelpunkt der detailreichen Darstellung.

Ménage-à-trois

Darin wird nichts Geringeres als eine Kulturgeschichte des gesamten Europas im 19. Jahrhundert vor dem Leser ausgebreitet: immer anhand der drei Hauptpersonen als Geleitfiguren. Sie waren für Figes „die Europäer“, Pioniere der Kulturverbreitung mit Hilfe des internationalen Bahn- und eines neuen marktwirtschaftlichen Vertriebsnetzes. Fasziniert verfolgt man als Leser, wie Figes aus den drei exemplarischen Biografien seiner Protagonisten in konzentrischen Kreisen die unterschiedlichen Entwicklungsschübe in den einzelnen Tätigkeitsfeldern herauslöst: in Musik, bildender Kunst, Literatur.

Die historische Grundkonstellation des schillernden Epochenpanoramas bildet eine jahrzehntelange Ménage-à-trois im Hause Viardot: Der 25-jährige Turgenjew hatte sich 1843 anlässlich eines Gastspiels von Pauline Viardot in St. Petersburg in die berühmte Sängerin verliebt und war ihr quer durch Europa in alle Spielorte gefolgt. Zwar war Pauline verheiratet und blieb es weiterhin, wurde auch Mutter von vier Kindern – doch der großgewachsene Russe lebte fortan als Mitglied der Familie in engster Nähe zu der Angebeteten, die ihn einmal erhörte, dann wieder eher auf die erotische Wartebank verwies. Dann ging er mit ihrem Ehemann, den er zum Freund gewonnen hatte, auf die Jagd.

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