Hiermit geschieht Recht

Der österreichische Staatsvertrag und die Kärntner slowenische Literatur seit 1945.

Am 15. Mai jährt sich zum fünfzigsten Mal die Unterzeichnung des Staatsvertrags von Wien. Eines Vertrags, der Österreich neben Rechten - es wurde frei - auch Pflichten auferlegt hat. Eine vielschichtige Verpflichtung ist im Artikel sieben normiert, in dem die "Rechte der slowenischen und kroatischen Minderheiten" in Österreich reguliert sind. An der so genannten politischen Durchführung mangelt es, wie der interessierte Österreicher weiß, bis heute. Das Recht wird im formalen Bereich mit Gewissheit niemandem vorenthalten, aber dort, wo es zum Faktischen wird, nicht immer gewährt. Bisweilen wird dieser Vollzug von der Kultur und kultivierten Zeitgenossen substituiert.

Im Frühjahr 1981 ist der Roman "Der Zögling TjaÇz" von Florjan LipuÇs' in der deutschsprachigen Übersetzung Peter Handkes erschienen und wurde am 31. März in Anwesenheit des Autors, Übersetzers und damaligen Bundeskanzlers Bruno Kreisky, eines erwiesenen Literaturliebhabers, im Wiener Museum des zwanzigsten Jahrhunderts vorgestellt. Bruno Kreisky hat damals einige sehr wichtige Sätze formuliert, von denen zwei wiederholt seien. Er war der Meinung: "Eine Minderheit hat nicht das Recht auf Gleichberechtigung. Eine Minderheit hat das Recht auf Bevorrechtung."

Literatur realisiert Artikel 7

Ich habe, LipuÇs' Roman, die Volksgruppen und das Recht reflektierend, dann in der Mai-Ausgabe des Magazins Extrablatt einen Aufsatz veröffentlicht, den ich mit der Überschrift "Der personifizierte Artikel sieben" versehen habe. Mit der Personifikation war niemand anderer als der Übersetzer Peter Handke gemeint, über den ich geschrieben habe, dass er anfängt zu erfüllen, wozu die Politik, weshalb auch immer, manchmal nicht im Stande ist. "Hiermit geschieht Recht", war am Ende des Beitrags zu lesen. (Extrablatt, Wien, Mai 1981, S. 86 f.)

Tatsächlich hat Peter Handke mit der Übersetzung und der perfekten Vorstellungs-Inszenierung, während der der Handke-Kreisky-LipuÇs-Termin in Wien nur der uneingeschränkte Höhepunkt war, gleichsam einen Aufschwung für die Kärntner slowenische Literatur eingeleitet. Auf einmal wurde weit über Kärnten und Österreich hinaus wahrgenommen, dass es in einem österreichischen Bundesland neben der deutschsprachigen noch eine weitere oder andere Literatur gibt. Die folgende Handke-Übersetzung der Gedichte von Gustav JanuÇs war gleichsam Ausdruck einer Hochkonjunktur Kärntner slowenischer Literatur. Unbestritten ist, dass von der Arbeit und Promotion, die der damalige Star der deutschsprachigen Literaturwelt geleistet hat, so ziemlich alle Kärntner slowenischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller profitiert haben.

Die Kärntner slowenische Literatur machen natürlich nicht nur die exemplarischen Autoren Gustav JanuÇs und Florjan LipuÇs aus, die ab der zweiten Hälfte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wirksam geworden sind, weshalb etwas weiter zurückzublicken ist.

Neuansatz 1945

Die Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg hat die Literatur an den Rand des Verstummens gebracht. Nach dem Jahr 1945 war ein völliger Neuansatz notwendig, wobei sich der Hermagoras Verlag/Mohorjeva zaloÇzba in Klagenfurt große Verdienste erwarb, indem er nach einer zwanzigjährigen Unterbrechung wiederum slowenische Bücher veröffentlichte. Auch heute ist der Verlagsleiter Franc Kattnig besonders verdienstvoll, zumal er quantitativ gesehen die meisten slowenischen Titel in Kärnten herausgibt. Mittlerweile haben sich neben dem Hermagoras aber auch der Drava Verlag und der Wieser Verlag akzentuiert verankert.

Eine Erschwernis der literarischen und kulturellen Entwicklung hat sich aus der Polarisierung der Kärntner slowenischen Öffentlichkeit ergeben. Eine - nicht weit ausholende - Definition könnte besagen, dass es eine traditionalistische und eine eher modernistische Ausrichtung gegeben hat. Zur Konkretisierung dieser Beschreibung kann man auf beispielhafte Autoren hinweisen. Zur Tradition gehörten etwa Mirko Kumer, Kristo Srienc und in Ansätzen Valentin PolanÇsek. Hingegen zählten zur weiteren Gruppe mit einem völlig anderen Literaturkonzept Florjan LipuÇs und Janko Messner. Messner ist vor allem mit gesellschaftspolitisch engagierten und funktional politischen Texten hervorgetreten. LipuÇs aber hat sich zu einem herausragenden Belletristen entwickelt, der mehrfach ausgezeichnet wurde.

Wenig Prosa, viel Lyrik

Zu den jüngeren Prosaautoren zählen JoÇze Blajs, Martin Kuchling und Kristijan MoÇcilnik, wobei auffallend ist, dass ihre Schreibweise aus gesellschaftskritisch engagierter und ästhetisch ambitionierter Sicht beträchtliche Unterschiede aufweist.

Auffallend ist ebenso, und zwar besonders aus literatursoziologischer Sicht, dass es unter den Kärntner slowenischen Autoren verhältnismäßig wenige Prosaschriftsteller gibt. Die Zahl der Lyriker ist jedoch beachtlich.

Die Kärntner slowenische Lyrik ist ohne den Kontext der gesamtslowenischen Literatur im eigentlichen nicht denkbar. Auf die slowenische Literatur haben nach dem Zweiten Weltkrieg verschiedene Einflüsse eingewirkt. Der Realismus, Existenzialismus, Strukturalismus, Konstruktivismus, Ludismus und später die Postmoderne überwiegen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Kärntner slowenischen und gesamtslowenischen Lyrik ist darin zu finden, dass in Kärnten der Kampf für die nationalen Rechte nicht nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beendet wurde. Er hat sich wahrscheinlich erst in den neunziger Jahren beruhigt, als die beiden Vertretungsorganisationen der Kärntner Slowenen ihre strategische Politik in eine offene Aggression gegeneinander (!) umgeformt haben, worin ihnen die Literatur bisher nicht gefolgt ist und wohl auch nicht folgen wird.

Eine herausragende Lyrikerin ist die im Jahr 1902 geborene und 1997 verstorbene Milka Hartman, deren Gedichte sich mit Religion, Liebe und ihrem Volk beschäftigen. Ihrer Generation gehört Anton Kuchling an. Der im Jahr 1936 geborene Andrej Kokot ist ein weiterer Fixautor der Kärntner slowenischen Literatur. Er ist der Dichter des Schmerzes und der Schwermut.

Gustav JanuÇs ist wohl der relevanteste Kärntner slowenische Lyriker des vorigen Jahrhunderts. Der Vollständigkeit halber sei festgehalten, dass dieses multiple Talent neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch als Maler bekannt ist. In die slowenische Literatur trat JanuÇs anfänglich mit elegischer Stimmung ein, die bald ironische Nuancen gewinnt. Später entwickelt er eine Versifikation, die sich artifiziell an die Alltagssprache anlehnt, wobei überall ein bisschen die Satire durchblitzt.

Eine der größten Begabungen war zweifellos der heute an der Universität Graz lehrende Wissenschaftler Erik PrunÇc, der nur einen Lyrikband veröffentlicht hat. Die literarische Qualität dieses Buchs ist allerdings einzigartig für die Kärntner slowenische Literatur.

Neue Generation

Diesen Lyrikern folgt eine Gruppe, die sich vor allem um die Literaturzeitschrift "mladje" formiert hat. Franc MerkaÇc, Jani Oswald, JoÇzica ÇCertov, Maja Haderlap, Fabjan Hafner und Cvetka LipuÇs sind die dazugehörigen Namen.

Ein auffallender Autor ist Jani Oswald. Seine Poesie kann man als Produkt der Postavantgarde mit starken Elementen des Experimentierens determinieren. Maja Haderlap formuliert das Spannungsverhältnis zwischen dem Dorf, aus dem sie stammt, und der Stadt, in der sie lebt. Fabjan Hafner ist ein leichtfüßiger und eloquenter Autor, der mit einer clownesken Portion Selbstbewusstsein überrascht. Cvetka LipuÇs hat ein ausgesprochenes Gefühl für den erotischen Klang und Wert von Worten. Zu den Autoren der jüngsten Generation, auf die hinzuweisen ist, zählen Rezka Kanzian und Tim O. Wüster.

Die slowenische Literatur in Kärnten hat nach dem Zweiten Weltkrieg ihren klaren Lebenswillen gezeigt. Heute ist sie eine emanzipierte Literatur ohne jedweden Provinzialismus. Und etwas Anerkennenderes könnte man über eine Literatur nicht feststellen.

Der Autor ist Jurist, Schriftsteller und Lehrbeauftragter für Rechtsphilosophie.

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