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Feuilleton

Innenschau der Tyrannei

1945 1960 1980 2000 2020
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Die deutsch-rumänische Schriftstellerin Herta Müller erhält den Literaturnobelpreis 2009. Mit ihrem jüngsten Werk „Atemschaukel“ begeistert sie Kritiker und Leser gleichermaßen.

Ich weiß, du kommst wieder“ war der Satz, der den jungen Zwangsarbeiter Leopold Auberg aus dem siebenbürgischen Hermannstadt über Jahre aufrechthielt. Die Großmutter hatte dem 17-Jährigen diese Lebensversicherung aus Wörtern mit auf den Weg gegeben, als die Sowjetarmee ihn, wie Tausende seiner Landleute, ins Arbeitslager in den Osten abführte. Wie ein Sternbild stand der Satz fortan am Erinnerungsfirmament des Lagerinsassen, wann immer die Nacht der Verzweiflung über ihn hereinbrach.

Und Gründe für Verzweiflung gab es viele. Am schlimmsten war der Hunger. Gegen den Hunger war kein Kraut gewachsen. Er überstieg alle Empfindungen, blieb einem Tag und Nacht auf den Fersen, weshalb er wohl auch der „Hungerengel“ hieß: „Offenen Hungers geht der Engel mit mir zum Abfallhaufen hinter die Kantine. […] Meine Gier ist roh, meine Hände sind wild. Ich schiebe die Kartoffelschalen in den Mund und schließe beide Augen, so spüre ich sie besser, süß und glasig, die gefrorenen Kartoffelschalen. Der Hungerengel sucht Spuren, die nicht zu löschen sind, und löscht Spuren, die nicht zu halten sind.“ Der Hunger ließ auch die Kälte übermächtig werden, im Eisregen des Winters, während der Schikanen des Appells, im drecksnassen Watteanzug auf den Kohlehalden, Baustellen oder beim Zementabladen. Selbst im Gestank der Baracken, mit fast siebzig zähneklappernden Internierten, blieb die Kälte Dauergast über Nacht.

Dem Heimweh indessen durfte man sich nicht beugen, um keinen Preis. Denn wo die Lähmung der Arbeitskraft lebensgefährlich wurde, hieß es sich wappnen: „Ich habe keine Angst vor dem Schaufeln, sondern vor mir. Also davor, dass ich beim Schaufeln noch etwas anderes denke, als dass ich schaufle. Das ist mir die erste Zeit manchmal passiert. Es zehrt an den Kräften, die man zum Schaufeln braucht.“

Rettungsdienst der Sprache

In seiner Einsamkeit und Qual schuf sich der junge Siebenbürger mit dem tief österreichischen Namen Leopold Auberg (seine Heimat war einst habsburgisches Kronland) eine personifizierte Dingwelt, die sich aus den ihn umgebenden Gegenständen zusammensetzte und mit der er Zwiesprache halten konnte: „Das Taschentuch war der einzige Mensch, der sich im Lager um mich kümmerte.“ Auch gegen das „Machwerk des Hungerengels“ half der rauschhafte Taumel von Sprache, der sich im Vorsagen von Kochrezepten schwelgerisch verausgabte.

Indes, nach der Heimkehr, allein vor Enttäuschung, steht ihm der Rettungsdienst der Sprache mit einem Mal nicht mehr so raum- und zeitlos zur Verfügung. Der unbehaust Zurückgekehrte muss mit bitterem Geschmack im Mund feststellen: „Es gibt Wörter, die machen mit mir, was sie wollen.“ Und doch wird der schließlich nach Graz ausgewanderte Protagonist des Romans „Atemschaukel“ zur Erinnerung gezwungen, zum atemberaubenden Bericht in der Ich-Form. Leopold Auberg legt uns nahe, was seine Urheberin weiß: „Erzählen kann man nur, wenn man wieder den abgibt, von dem man erzählt.“

Große Literatur kennt kein Ablaufdatum. Sie kann über die Perserkriege berichten oder über Napoleons Winterfeldzug in Russland: Immer leuchtet schlagartig das Licht der Jetztzeit auf. So auch in Herta Müllers Beschwörung jenes Vertreibungsdramas, das auf Geheiß Stalins vor einem halben Jahrhundert der in Rumänien ansässigen deutschstämmigen Minderheit angetan wurde. Deren Angehörige wurden sogar noch fern dem Reich als Deutsche haftbar gemacht für Hitlers Verbrechen. Gegen Kriegsende 1945 wurden alle Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen im Alter zwischen 17 und 45 Jahren zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt. Im totalitären Regime erst des Stalinisten Gheorghiu-Dej, dann des Nationalkommunisten Ceau¸sescu musste fast ein halbes Jahrhundert lang über die Deportation dieser 80.000 Frondeutschen geschwiegen werden, so dass auch die Heimgekehrten selbst in den eigenen Familien nicht über ihr Schicksal sprachen.

Mit dem denkbar kraftvollsten Sprachgestus entreißt Herta Müller in „Atemschaukel“ diese Leidensgeschichte dem Vergessen. Mehr noch: Sie macht sie, imprägniert durch ihre so skrupulöse wie poetisch genaue Wortkunst, dauerhaft unauslöschlich. Nach all den „Säuberungen“ der Geheimdienste, aber auch nach den vielen Zurufen, zwanzig Jahre nach dem Zerschneiden des Eisernen Vorhangs und der Beseitigung der Ceau¸sescu-Diktatur doch endlich den Mantel des Schweigens über die Vergangenheit zu breiten, ist dies ein unaufhebbarer Einspruch gegen die Wortführer der Gedächtnislöschung und Geschichtstilgung, als die sich, auch im Westen, mit Vorliebe ehemalige Kommunisten aufdrängen.

Herta Müller setzt in ihrem Roman eine Literatur dagegen, die sich dem abwechselnd von Klarsicht und Halluzinationen erfüllten Bewusstsein eines Hungergeplagten auf die Fersen heftet und so die Drastik des Geschehens, den Schrecken und die Verstörung der geschundenen Menschen in teils schmerzhaft realen, teils bestürzend surrealen Bildern und Szenen heraufbeschwört. Was sie damit festhält, ist mehr als Geschichtsschreibung: Es ist die Innenschau der Tyrannei.

Nachtmahre der Diktatur

Gründe für diese Gedächtniswahrung gibt es genug, auch persönliche, wie Herta Müller im Nachwort des Romans offenlegt: Ihre eigene Mutter kehrte, mit lange verschlossen gehaltenem Mund, nach fünf Jahren Frondienst aus dem Lager zurück, und der vor drei Jahren verstorbene Schriftstellerfreund Oskar Pastior, Büchner-Preis-Träger 2006, vermachte der 1953 geborenen Autorin seine Erfahrungen, die ursprünglich für ein gemeinsam geplantes Buch bestimmt waren.

Indes, Erfahrungen mit dem Terrorregime Ceau¸sescus kennt Herta Müller nicht erst aus zweiter Hand. In all ihren vorangegangenen Büchern hat sie die Nachtmahre der Diktatur beschrieben. Die fortwährende Bespitzelung, Einschüchterung und Verfolgung durch den Geheimdienst Securitate. Die luftabschnürende Atmosphäre von Untreue und Verrat, deren Druck auch über dem engsten Freundes- und Familienkreis lag. Die Denunziationen, mit denen die widerständigen Bürger, und nicht nur sie, gequält wurden. Die unerklärlichen „Selbstmorde“ von Bekannten, deren Leichen irgendwann in Flüssen lagen – die Securitate steckte den von ihr Ermordeten gern Steine in die Taschen, sodass sie nicht zu schnell wieder auftauchten. Schließlich der Skandal der nahtlosen Fortsetzung zahlloser Partei- und Geheimdienst-Karrieren nach der Wende, bis heute: „Der Fuchs war damals schon der Jäger“, „Herztier“, „Heute wär ich mir lieber nicht begegnet“, „Der König verneigt sich und tötet“ – schon die Titel der Bücher, die Herta Müller nach ihrer Emigration 1987 im Westen publiziert hat, bezeugen die Stoßrichtung ihres Kampfs gegen das verminte Gelände von Verleumdung, Verbrechen und Verrat. Noch in diesem Sommer hat die aus dem deutschsprachigen Nitzkydorf nahe Temeschwar stammende Autorin, die Ende der siebziger Jahre als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik der Securitate die Mitarbeit verweigert hatte und fortan verfolgt wurde, die fortgesetzten Umtriebe der Geheimdienstagenten in einem Artikel in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit angeprangert.

Die Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis 2009 ehrt nicht nur eine unbeugsame Kritikerin der missbrauchten Macht, sondern vor allem eine unermüdliche Arbeiterin im Bergwerk der Sprache, die ständig nach neuen Erzadern schürft, um den Schlacken der Lüge die Schönheit und den Wert der Wahrheit entgegenzusetzen.

Atemschaukel

Roman von Herta Müller, Hanser Verlag 2009

303 S., geb.,

E 20,50