Reichhaltiges Konzertleben an der Bernsteinstraße

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Zlín, Bratislava, Szombathely: drei Städte an einer uralten Nord-Süd-Transversale, die mittlerweile auch den Wiener Raum mit einem Reigen an Musikveranstaltungen kulturell befruchtet.

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Zlín, Bratislava, Szombathely: drei Städte an einer uralten Nord-Süd-Transversale, die mittlerweile auch den Wiener Raum mit einem Reigen an Musikveranstaltungen kulturell befruchtet.

Seit bald einem Vierteljahrhundert pilgern Wiener Opernfreunde in die Twin City an der Donau; Orchesterkonzerte zu besuchen ist demgegenüber eher ein Privileg von Musikfreunden aus der grenznahen Umgebung geblieben. Gute Verkehrsverbindungen erlauben den problemlosen Besuch abendlicher Veranstaltungen in Bratislava aber mittlerweile auch aus Wien, und gerade im Klassiksektor erhält man respektable Qualität zu nach wie vor unglaublich niedrigen Preisen.

Dass das Pressburger Konzertleben westlich der March bisher kaum beachtet wurde, hängt wohl auch damit zusammen, dass der Sitz der Slowakischen Philharmonie, die "Reduta", im Windschatten des Alten Nationaltheaters steht. Nach einer Totalrenovierung erstrahlt das 1910 bis 1915 errichtete neobarocke Gebäude aber innen wieder in Weiß und Gold. Einen neuen Akzent setzt nur die Orgel, die von der einst in Österreichisch-Schlesien und seit 1945 in Vorarlberg ansässigen Firma Rieger gebaut wurde.

Chefdirigent der Slowakischen Philharmonie ist derzeit Emmanuel Villaume, der diese Position bis zum Vorjahr auch bei der Slowenischen Philharmonie in Laibach innehatte. Der Elsässer bringt einen französischen Akzent ins Programm ein; ansonsten ist für österreichische Musikfreunde wohl vor allem das stärker ausgeprägte slawische Repertoire interessant. Und nicht zu vergessen die Pflege von Komponisten, die mit Pressburg persönlich verbunden waren wie Johann Nepomuk Hummel, Franz Liszt und Béla Bartók.

Die "Königin des Westens"

Den Namen des Letztgenannten tragen das Konzerthaus sowie die mit ihm verbundene Musikschule im westungarischen Szombathely. Zwar beruht diese Benennung nicht auf einem Bezug Bartóks zu Steinamanger, aber man lässt es nicht bei einer Hommage bewenden und veranstaltet alljährlich ein Bartók-Seminar und -Festival. Und wer etwa am "Tag der ungarischen Kultur" zu Gast ist, kann sich davon überzeugen, dass man den Klassiker der Moderne auch musikalisch ernst nimmt.

Tamás Mérei ist in Personalunion künstlerischer wie kaufmännischer Direktor des Savaria Symphonie-Orchesters und auch des diesem unterstehenden Konzertsaals. Der dynamische Manager hat an der Budapester Liszt-Akademie sowie an der Juilliard School in New York studiert und war sieben Jahre lang erster Solocellist im Opernorchester in Klagenfurt. Das ungarische Epitheton ornans "Königin des Westens" für die Hauptstadt des Komitats Vas, das einst auch das südliche Burgenland umfasst hat, ist für ihn nicht Schall und Rauch. Das Burgenland sei das einzige Bundesland ohne eigenes Berufsorchester, und da könnten die Abonnementkonzerte in den Vororten des mittleren und südlichen Burgenlandes doch nachgespielt werden; schon jetzt kämen 20 bis 25 Prozent der Abonnenten in Szombathely aus Österreich.

Mindestens einmal jährlich zeigt das "Savaria szimfonikus zenekar" auch in der Bundeshauptstadt Flagge. Die Wirtschaftskrise wird von Tamás Mérei nicht bejammert, sondern als Herausforderung begriffen. Im Sinne eines Pawlowschen Reflexes habe man neue Besucherschichten angesprochen und vor allem das sommerliche Opernfest ausgeweitet. Mit dem Iseum, dem markantesten Zeugnis der römischen Colonia Claudia Savaria, verfüge man schließlich über eine Kulisse, die jener berühmterer Festspiele nicht nachstehe.

Etwas Besonderes ist auch der dem Iseum gegenüber liegende Konzertsaal, der als Box in die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Synagoge hineingesetzt wurde. Die Jüdische Kultusgemeinde, die sich heute auf das nach dem Rabbiner Béla Bernstein benannte Kulturzentrum nebenan beschränkt, stimmte der Umwidmung zu, bestand aber auf einem Zwischenraum von einem Meter zwischen den Wänden der Synagoge und dem Konzertsaal. Die restaurierte Fassade kündet von der einstigen Bedeutung der Gemeinde, die sich als Architekten den aus Leipzig gebürtigen Ludwig Schöne leisten konnte, der unter anderem die evangelischen Kirchen in Sankt Pölten und Villach entworfen hat.

Vor Ort geboren ist hingegen Eva Jiricná, die das neue Kongresszentrum in Zlín entworfen hat. Die große alte Dame der tschechischen Architektur lebt zwar seit 1968 in London, hat aber seit der Revolution von 1989 auch in ihrer alten Heimat Aufträge erhalten und realisiert. Jir icn ás Vater war einer der Architekten des Bat'a-Schuhkonzerns gewesen, der aus dem verschlafenen ostmährischen Nest in wenigen Jahren eine Stadt amerikanischen Zuschnitts gemacht hat, die in Mitteleuropa ihresgleichen sucht.

Eine der Persönlichkeiten, die das Projekt eines Mehrzwecksaals vorantrieben, war Irena Ondrová, in den Jahren 2006 bis 2010 Zlíner Bürgermeisterin. Die Stadt mit 80.000 Einwohnern - zirka gleich viele wie Szombathely -suchte eine neue Identität, nachdem sie vier Jahrzehnte lang auf den Landkarten als Gottwaldov aufgeschienen war. 2000 wurde Zlín Hauptstadt des gleichnamigen Kreises, also quasi Landeshauptstadt, und 2001 wurde die Technische Hochschule zur Universität aufgewertet. Ondrová gehörte zu jenen, die sich erfolgreich für einen städtebaulichen Kontrapunkt einsetzten: Nicht Anbetung der Asche, sondern Weitergabe des Feuers lautete die Parole.

Einer Frau ist auch die "Dramaturgie" des 2011 eröffneten Hauses und der hier ansässigen Bohuslav-Martinu-Philharmonie anvertraut. Jindr is ka Keferová ist ausgebildete Pianistin und ihr Mann Cellist in der Philharmonie, die jahrzehntelang unter unwürdigen Bedingungen in einem entlegenen Saal auftreten musste. Jetzt gebe es ausreichend Garderoben, gemeinschaftliche wie individuelle Probenräume, ein Aufnahmestudio und vor allem den wunderbaren großen Saal, der vom Publikum voll angenommen werde.

Folklore-Ensemble und Rocksymphonie

Mahlers Sechste oder das Klavierkonzert von Lutosławski, die in Pressburg möglich sind, würden das hiesige Publikum wohl überfordern, und Keferová sucht alle denkbaren Besucherkreise anzusprechen: mit Jir í Pavlicas Folklore-Ensemble "Hradis t'an", mit Gershwin und Bernstein, mit einer Rocksymphonie und einem Kindermusical. Farbtupfer setzen die kleinen Festivals "Talentinum" und "Harmonia Moraviae". Im Oktober 2014 absolviert das Orchester mit Rolando Villazon eine Europatournee, die von Paris über Deutschland auch nach Wien führt.

Am Tag nach dem "Tag der ungarischen Kultur" steht in Zlín zum Auftakt des alle zehn Jahre im ganzen Land gefeierten "Jahres der tschechischen Musik" ein Abonnementkonzert mit Werken tschechischer Komponisten auf dem Programm und die Bohuslav-Martinu-Philharmonie führt vor, dass sie sich auf ihren Namensgeber, der immerhin einen Werbespot für die Firma Bat'a komponiert hat, nicht weniger eingelassen hat als ihr Pendant in Szombathely auf Bartók. In vollkommener Harmonie mit dem russischen Teufelsgeiger Sergej Krylov und der italienischen Pianistin Gloria Campaner wird Martinus Kammerkonzert für Violine und Streichorchester mit Klavier und Schlagzeug zu einem Erlebnis, das in Wien nicht intensiver sein könnte.

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