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Schluchtenflucht und Buchtensucht

Eine Reise durch Istrien auf den Spuren von Horváth, Tschechow und Mahler und einem kroatischen Pfeifenkünstler.

Zu meinem Vierziger hat mir Frau Wegscheider, meine liebe Nachbarin, eine Istrienrundreise geschenkt, allerdings mit der Auflage, dass sie auch selber mitkommt und wir immer an der Küste bleiben. Kein Tag und keine Stunde ohne den sehnsüchtigen Blick aufs Meer. Der Sinnhintergrund ihrer Mildtätigkeit - vermute ich - ist der, dass Frau Wegscheider zwar schon auf den Kanaren, in der Karibik und auf Bali, zeitlebens aber noch nie in Istrien gewesen ist, keinen Führerschein besitzt und weder kroatisch noch slowenisch sprechen kann. Sie steuert also das Finanzielle bei, von mir erwartet sie Kompetenz, Know-how, Savoir-vivre und vielleicht ein bisschen Kultur. Ich kann zwar ebenfalls weder Kroatisch noch Slowenisch, verlasse mich aber auf die landesübliche Sprache Deutsch, und zumindest dabei werde ich der Hilflosen helfen können, nicht vor vollen Meerestiertellern zu verhungern.

Paris als Todesort von Ödön von Horváth, der dort 37jährig von einem herabstürzenden Ast erschlagen wurde, kennt jeder, liebe Frau Wegscheider. Wer hingegen kann auf Anhieb seinen Geburtsort nennen, Rijeka! Fiume! Wäre Horváth in Rijeka geblieben, könnte er heute noch leben, auch wenn er den Hunderter schon seit zwei Jahren hinter sich hat. Um einen 100. Geburtstag zu feiern, braucht man zum Glück gar kein Geburtstagskind, bloß ein germanistisches Institut an der Universität, und das gibt es seit ein paar Jahren. Dem ist es zu danken, dass in Rijeka zum ersten Mal ein Horváth-Symposion stattgefunden und die Stadtverwaltung an Horváths Geburtshaus eine Gedenktafel angebracht hat. Und zum Geburtstag spielt man einfach im Stadttheater Geschichten aus dem Wiener Wald auf Kroatisch. Ich war einer der ersten österreichischen Autoren, die an dieser Universität zu einer Lesung eingeladen worden sind, wahrscheinlich nicht, weil ich so berühmt, sondern im Gegenteil, weil ich noch so namenlos und dementsprechend billig war. Ich hatte trotzdem eine Freude, denn es war meine erste Lesung mit Blick aufs Meer. Rijeka ist zum Arbeiten da, Opatija zum Leben, Kuren und Genießen, weshalb Rijeka am schönsten auch von Opatija aus gesehen ist, wenn man bei Finsternis auf den Hotelzimmerbalkon tritt und sich das Lichtermeer der Stadt im Wassermeer der Kvarnerbucht spiegelt. Auch die österreichische Lektorin Christine hat dort eine Garçonnière, und als erstes zeigt sie mir einen Schatz, der ihr unlängst in einer alten Klosterbibliothek in die Hände gefallen ist: ein bebildertes Heftchen über Opatija aus dem Jahr 1904, dem Todesjahr Tschechows, dem dritten Lebensjahr Horváths, als der noch gar nicht lesen konnte, aber längst aus Rijeka fortgezogen war, aus einer Zeit also, als Opatija noch Abbazia (und noch früher St.Jakob am Pflock!) geheißen hat und die Telefonnummern der dort ordinierenden Badeärzte ein- oder höchstens zweistellig waren.

Geologisch betrachtet bildet das Land einen Ausläufer des hochinteressanten Karstgebirges, welches in einem an der Ostküste hinstreichenden Höhenzuge seine höchste Erhebung zeigt. Hier findet sich der höchste Berg Istriens, der 1.396 Meter hohe Monte Maggiore. Ist nun auch Istrien, schon durch Triest, den größten Seehandelsplatz an der Adria, und durch Pola, den Zentralkriegshafen Österreich-Ungarns, weithin bekannt, so lenkte diese Halbinsel durch das rasche Aufblühen eines Seebades und Winterkurortes an der Ostküste in wenigen Jahren die Aufmerksamkeit auch solcher Kreise auf sich, für welche weder Triest noch Pola Anziehungskraft genug gehabt hätten. Der im Laufe weniger Jahre berühmt gewordene klimatische Kurort Abbazia wird aber seines milden Klimas wegen, dank seiner von Winden geschützten Lage und seiner herrlichen tropischen Vegetation als Winteraufenthalt sehr stark besucht.

Pula ist kein österreichischer Kriegshafen mehr und der Monte Maggiore heißt heute Ucka, aber sonst stimmt noch alles. Die Ucka ist für das Mikroklima von Opatija verantwortlich: Bei Schönwetter kann man zu Allerheiligen noch ein Bad im Meer nehmen und am Neujahrstag zu Mittag im Pullover auf der Terrasse sitzen, unter freiem Himmel Kaffee trinken und aufs Wasser schauen. Eine Gebirgsstraße führt zum Gipfel der Ucka, und an klaren Tagen kann man von dort oben sogar Venedig erkennen.

Ivo Oblivjan wohnt über den Dächern von Opatija direkt an der Hauptstraße und doch schon am Fuß der Ucka in einem klitzekleinen Haus mit einer klitzekleinen Werkstatt im Hof gegenüber. Ivo Oblivjan hat keinen PC. Kein Telefon. Kein Auto. Ein Fernsehgerät hat er, das steht unter dem Küchentisch seiner Einzimmerwohnung - mehr als 20 Quadratmeter hat die auch bei großzügigster Schätzung nicht, und diese Wohnung ist bis obenhin voll mit Pfeifen, alle selbstgeschnitzt bis auf die eine, die Ivo beim Pfeifenbauen selber raucht: Dafür sind ihm seine zu schade. Große Kunst fordert alles: Zwei Krebsoperationen an der Zunge hat Ivo mit seinen 45 Jahren hinter sich, aber das gehört zum Leben eben dazu, sagt er, und erst jetzt, nachdem er erfahren hat, dass sein Zustand stabil ist, schränkt er seinen Tabakkonsum ein wenig ein. Sein Großvater war Anwalt in Opatija, sein Vater war Anwalt, er ist selbst Anwalt, aber er übt den Beruf nicht aus - große Kunst fordert alles. Sein Sohn, der ein paar Hundert Meter weiter bei seiner Mutter wohnt und ihn täglich besuchen kommt, wird vielleicht einmal studieren, wenn er alt genug ist. Vorderhand macht er Holzschmuck.

Sein Material, die Wurzel des Bruyèreholzes (Erica Artorea), bezieht Ivo aus der Toscana und aus Sardinien. Der Pfeifenhals und der Hohlraum im Pfeifenkopf wird nach Ivos Vorgaben von einem Triestiner Pfeifenhersteller ausgebohrt und ausgearbeitet; die eigentliche Kunst passiert hier in Opatija. Ivos einzige Werkzeuge sind Meißel und Schleifpapier, in der Endphase schließlich Bienenwachs. Gefragt, was eine Pfeife - ein Kunstwerk - kostet, sagt er wie jeder Künstler: Das hängt ganz von der Kundschaft ab. "Hier is billiger, in Stuttgart teurer. Die Universität Rijeka schenkt der Universität Wien anlässlich irgendeines Jubiläums fünf Pfeifen. Das is sehr teuer." Oft zeigen die Oblivjanschen Pfeifenköpfe tatsächlich Köpfe, etwa den der Sphinx oder den von Winnetou. Ivo hat aber Pfeifen zu allen möglichen Themen geschnitzt: Erde. Wurzeln. Steine. Meer. Himmel. Spiegel. Schatten. Seele. Spuren. Hände. Jede Pfeife ist einzigartig, eine Miniaturskulptur. Auch menschliche Genitalien sind wenigstens andeutungsweise thematisiert, aber während die Vagina in der Vaginathemenpfeife jedenfalls erkennbar ist (aber nichts Sexistisches oder Ordinäres hat), so ist die Penispfeife wenigstens insofern frauenfeindlich, als Pfeifenhals und Pfeifenkopf wie bei jeder anderen Pfeife normal aufeinander stehen, und so einen Widerhaken hat sie in natura noch nicht gesehen, sagt Frau Wegscheider. "Fantasia!", sagt Ivo.

Seine Frau hat sich von Ivo scheiden lassen: Kein Verständnis dafür, dass ein Künstler viel, viel Zeit für seine Pfeifen braucht und gar keine Zeit für irgendetwas anderes hat. Die Liebe geht dahin, Gewohnheit bleibt, nix gut für Kunst, sagt er, aber das ist nix für Zeitung. Man wird menschenfremd und mürrisch. Man wird immer öfter unzumutbar. Große Kunst fordert alles. Karge Verhältnisse und Einsamkeit sind der Preis dafür, wenn man der einzige Pfeifenbauer Kroatiens ist.

Äußerlich hat Ivo Oblivjan etwas von Tschechow, dem Wesen nach etwas von seinen Figuren: Ruhiggestellt, aber unruhig und ewig nervös, immer am Sprung, immer im Abschied begriffen, immer die Tür in der Hand, das Fortgehen gelingt nie, das Dableiben aber auch nicht. Tschechow, sagt Ivo, hat sehr geschimpft über Opatija. So kalt und feucht, Bora, Tramontana, Maestral, so wenig Licht und so viel Schlamm. Tschechow ist immer nur nach Abbazia gekommen, wenn er Geldnot hatte und sich die Côte d'Azur nicht leisten konnte. Die Österreichische Riviera war die Côte d'Azur für Arme. Gustav Mahler war hier 1901 und Gustav Adolf, irgendein Schwedenkönig jedenfalls, aber der hatte eine ortsansässige Maîtresse hier. Dem Liebenden ist kein Weg zu weit. Bis die Liebe dann eben dahingeht.

Während sich Tschechow in seiner Geldnot in einer kleinen Privatpension einrichtete, residierte Mahler in der Villa Jeanette am ehemals besten Platz am Ort und ist mittels Messinggedenktafel dem Gedächtnis der Nachwelt erhalten. Nur dient das ehemalige Grandhotel heute als Verwaltungsgebäude der Kroatischen Elektrizitätswirtschaft. Was Mahler hier komponiert hat, vermag der Pförtner mit seinem großen Schlüsselbund auch nicht zu sagen, aber er erzählt, dass außer Mahler auch Kaiser Franz Josef in diesem Hause abgestiegen ist. Irgendwo muss noch ein Ölgemälde seiner Majestät hängen, und spontan gewährt uns der Mann eine Führung durch das Gebäude. Franz Josef findet er zwischen den technischen Schaustücken, Turbinen, Motoren, Schaltkreisen, Spulen, Kolben, Kraftwerksmodellen dann doch nicht, aber an den Bürowänden über den PCs hängen jede Menge Schwarzweißbilder aus der Zeit, als Opatija Abbazia hieß, adeliges und aristokratisches Publikum den Winterkurort besuchte, grazile Damen mit weißen Sonnenschirmchen an den immergrünen Hartlaubgewächsen vorbeipromenierten und nicht so viel zu raunzen und leiden hatten wie Tschechow. Ein Kupferstich belegt, dass Rijeka, noch bevor es Fiume hieß, St. Veit am Flaum geheißen hat, und wäre ich Etymologe, hätte ich Frau Wegscheiders fragenden Blick beantworten können. Was für lächerliche Namen!, sagt ihre Miene: St. Jakob am Pflock ob St.Veit am Flaum. So gesehen ist der Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie keine Tragödie gewesen.

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