Digital In Arbeit

Wie ich meinen PC zerhackt habe

Über den Umgang mit den schlimmsten Feinden im eigenen Haus, jenen Produkten des Fortschrittes, die den Schreibtisch okkupieren.

Mein ärgster Feind heißt Highscreen XD Allround 500 K, seine Komplizen nennen sich Eizo Flexsca-Monitor und Brother HL-820 Laserdrucker, und ich muss von allen guten Geistern verlassen gewesen sein, diese Bande geradezu aufgefordert zu haben, meinen Schreibtisch zu okkupieren. Des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

Früher war ich ein ruhiger, gelassener, ausgeglichener Mensch, kinderliebend und zu Spaziergängen in frischer Luft neigend. Meine Schreibmaschine schrieb, ohne sich ins Geschriebene einzumischen und überließ das Denken mir. Dank jahrelanger, intensiver Auseinandersetzung und Beziehungsarbeit habe ich es zuletzt sogar geschafft, ihr persönlich ein Farbband zu wechseln. Essay um Essay, Drama um Drama, Buch um Buch entstand mir zur Freude und der Welt zum Genuss. Dann die Hybris, ich überstieg mich, wollte kursiv und in Blocksatz schreiben können, stürzte mich in finanzielle Abenteuer und schaffte mir den Hieroglyphenkasten aus Aluminium an.

Heute, nach nicht einmal einem Jahr, bin ich ein Wrack an Leib und Seele. Wohl gelingt es mir theoretisch, einen Dutzendbrief zu formulieren, aber es dauert mitunter wochenlang und kostet Unsummen, bis ich den Dutzendbrief aus dem Dschungel des Computers tatsächlich schwarz auf weiß am Papier stehen habe. Der erste Drucker war noch ein Reißwolf in Reinkultur, der zweite begrüßt mich jeden Morgen aufs neue mit Alarmstufe Rot, erklärt sich im Übrigen für unzuständig und unkt: Dir psychopathischem Prosaisten drucke ich nichts aus! Der Computer stürzt ab, hängt sich auf, unterstellt mir einen Fehler beim Schreiben zu LPT1 und ähnliche Ungeheuerlichkeiten, wo ich doch gar nicht weiß, was LPT1 sein soll. Er ändert eigenmächtig meine Anordnungen, bessert meine Fehler oder das, was er für Fehler hält, großkotzig aus - schlimmer als alle Germanisten & Literaturkritiker zusammen - und hält offenbar nicht das geringste von meiner Wenigkeit. Bei jedem zweiten Mausklick denkt er sich, das kann der Satiriker nicht ernst gemeint haben - und schreibt einfach etwas anderes. Vielleicht habe ich es auch nicht ernst gemeint, aber ich habe es gemeint, wie ich es gemeint habe, und genauso will ich es auch am Monitor stehen haben.

Aber da steht: Anscheinend brauchen Sie Hilfe! Frechheit! Unverschämtheit! Es ist ein Dialogfeld vorhanden, das noch nicht abgebaut worden ist! Na und? Was hat das mit mir zu tun? Der Rechner ist unberechenbar! Düdeldüdüdeldü! Der schwere Ausnahmefehler OE ist an der Adresse 0028:c156292C in der VXD-Datei MCSCAN32(01)+000194bC aufgetreten. Die Anwendung wird abgebrochen! Drücken Sie, um weiterzumachen, auf "Strg" & "Alt" & "Entf". Nicht gespeicherte Daten gehen dabei verloren. Arschloch!!! Einen halben Roman hat das Ungeheuer im Bruchteil einer Sekunde ganz einfach gefressen, ich komme nicht einmal an die unverdaulichen Reste heran. Von den sogenannten Computerexperten, die nach langen Wochen des Bittens & Bettelns zu mir in die Schreibstube gekommen sind, kann ich soviel mit Sicherheit sagen, dass der Nachfolger seinen jeweiligen Vorgänger in absentia einen Volltrottel nennt, im übrigen sprechen alle eine Art kambodschanischen Dialekt mit metallenem Akzent, und wenn man den Experten vierzehn Tage später wieder braucht und die Behebung des unverändert verzwickten Status quo ante urgiert, sitzt er mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits im Knast wegen Delikten, die so kryptisch, virtuell und unverständlich sind, dass ich sie nicht einmal dem Namen, geschweige denn dem Wesen nach benennen könnte.

Redaktionen und Verlage haben es mittlerweile aufgegeben, mich an Fristen, Abgabetermine oder gar Disketten zu erinnern, melden sich überhaupt nicht mehr und setzen auf andere kreative Köpfe. Ich stehe vor dem Ruin. Sobald ich eine Tastatur sehe, beginne ich zu zittern. Ich neige zu Tobsuchtsanfällen, brülle ohne Ursache Frau und Kinder an, taumle von Nervenzusammenbruch zu Nervenzusammenbruch, unterbrochen von Phasen schlimmster Depression und suicidalen Stimmungen. Meine Familie ist zerborsten, die Frau hat mich verlassen, ist bei einem einfühlsamen Computerspezialisten eingezogen und hat die Kinder mitgenommen. Ich bin niemandem mehr zumutbar. Der einzige, der noch etwas mit mir anfangen kann, ist mein Psychoanalytiker, auch mittels Erlagschein, aber nicht mehr lange, sagt der Filialleiter der Sparkasse.

An diesem dramatischen Punkt meines Lebens fiel mir ein, dass ich damals, als ich mich für die Psychologie noch von der Warte des Psychologen anstatt von der Warte des Psychopathen interessiert habe, das Wort Klavierzertrümmerungsbefreiungserlebnis gehört habe.

Tun Sie's nicht, riet mir der Psychotherapeut, Sie haben bloß ein Montagsmodell erwischt, Sie haben einfach viel Pech gehabt, aber das gibt sich irgendwann. Man muss mit der Zeit gehen. Der Elektronik gehört die Zukunft, daran führt kein Weg vorbei. Der Computerspezialist schickte mir ein E-Mail identischen Inhalts, aber E-Mails liegen außerhalb meiner Wahrnehmungsmöglichkeiten. In diesem Augenblick war ich nämlich bereits am Weg zum letzten alteingesessenen Eisenwarenfachgeschäft Adamovic mitten in der Altstadt, wo ich - immer nur das eine Wort Rache! im Kopf - eine Spitzhacke besorgte.

Wieder heimgekehrt nahm ich dieses solide Werkzeug wie ein kanadischer Holzfäller oder ein Erdbewegungsarbeiter aus grauer Vorzeit in beide Hände, aktivierte meine gesamten Gewaltreserven, zerhackte den Highscreen XD Allround 500 K, seine Komplizen Microsoft Windows NT Server Version 4.0, den Eizo-Flexscan-Monitor und den Brother HL-820 Laserprinter, kehrte den zerstückelten Kryptizismus von Systemprozessor bis Netzwerkumgebung mit all den Fehleranzeigen zu einem elektronischen Häuflein zusammen und vergrub es hinter dem Haus.

Ich muss sagen, dass mich in jenen Augenblicken Impulse ungeheuerlicher Lust durchströmten: Ein kleiner Rückschritt für Bill Gates, aber ein großer Fortschritt für mich & mein Wellnessprogramm! Zwar hat sich mein Arbeitszimmer wie von Geisterhand schlagartig ins Neunzehnte Jahrhundert zurückverwandelt, aber ich befinde mich nervlich auf dem Weg der Besserung. Sollte es mich wieder einmal drängen, jemandem einen Brief zu schreiben, werde ich zuvor aufs Land fahren und eine Gans rupfen.

Vielleicht gelingt es mir, in absehbarer Zeit wieder einen anständigen Beruf zu ergreifen, am besten Maurer, Kulturpolitiker, Frühpensionist, Poolwärter oder Urwaldkosmetiker, vielleicht eheliche ich ein nettes Fräulein im Lendenschurz und gründe mit ihr eine naturbelassene Familie. Meine nächsten Projekte sind jedenfalls die brachiale Demolierung meines Faxgeräts, die Devastierung von Videorekorder und Konvektoren, die Erdbodengleichmachung meiner Espressomaschine und die feierliche Versenkung meines Mobiltelephons an der tiefsten Stelle des Toten Meeres.

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