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Literatur

DAS ERHABENE KLEIN MACHEN

1945 1960 1980 2000 2020

VOR 250 JAHREN WURDE JEAN PAUL FRIEDRICH RICHTER GEBOREN. SEIN MODERNES IRONISCHES WERK ERFRISCHT AUCH HEUTE NOCH.

1945 1960 1980 2000 2020

VOR 250 JAHREN WURDE JEAN PAUL FRIEDRICH RICHTER GEBOREN. SEIN MODERNES IRONISCHES WERK ERFRISCHT AUCH HEUTE NOCH.

Wenn Goethe Hof hielt, standen alle Schlange. Jean Paul war dreiunddreißig Jahre alt, als er 1796 in Weimar zum ersten Mal den gerade einmal um siebzehn Jahre älteren Meister aller Klassen treffen durfte. Die Jahre waren es nicht, die die beiden trennten, die Welt stellte sich für beide als eine vollkommen andere dar. Der eine hat zu Prinzipien der Klassik gefunden, von denen er nicht mehr absehen wollte, der andere hat sich eine der Romantik nahe stehende Ironie angeeignet, die mit dem kompakten Deutungsmodell zur Überhöhung der Wirklichkeit nicht viel gemein hatte.

Im Licht einer Statue

"Ich bin nicht mehr dumm", schrieb Jean Paul in einem Brief. "Auch werd' ich mich jetzt vor keinem großen Mann mehr ängstlich bücken, bloß vor dem Tugendhaftesten." An Goethe ließ er, wenn er ihn auch schätzte, als Mensch kein gutes Haar. Eine kühle Person sei er, allenfalls "Kunstsachen wärmen noch seine Herznerven an (daher ich Knebel bat, mich vorher durch einen Mineralbrunnen zu petrifizieren und zu inkrustieren, damit ich mich ihm etwan im vorteilhaften Lichte einer Statue zeigen könnte ...)." Und welcher Eindruck bleibt? "Auch frisset er entsetzlich. Er ist mit dem feinsten Geschmack gekleidet." Später rühmt sich Jean Paul seiner Keckheit, wenn er Goethe Widerworte gibt: "Goethen sagt' ich etwas über das hiesige Tragische, worüber er empfindlich 1/4 Stunde den Teller drehte (ich hatte Champagner und einen Vulkan im Kopf)."

Dürfen wir eine kleine Stelle aus dem Monumentalwerk "Titan", mit dessen Niederschrift Jean Paul 1797 begann, nicht als kleine Abrechnung mit Goethes Erhabenheitskult auffassen? Der junge, schwärmerisch veranlagte Graf Albano di Cesara erlebt einen Abend voller Erwartung und Sehnsucht nach dem nächsten Tag, da er zum ersten Mal seinem Vater begegnen soll. Die prächtige Natur in Italien, die Freundschaft seiner beiden Begleiter, die Hoffnung auf eine große Zukunft pflanzen ihm ein Bild von "Größe und Unsterblichkeit" ins Herz, "dass er gar nicht begriff, wie jemand sich könne begraben lassen, ohne beide errungen zu haben, und dass er den Wirt, sooft er etwas brachte bedauerte, weil der Mann nie etwas wurde, geschweige unsterblich." So könnte Goethe auch gedacht haben, der sich an Heldenbildern abarbeitete und dem der gemeine kleine Mann wenig galt. Der Erzähler des "Titan" spielte nicht mit, denn er holte den Wirt aus seinem Nebendarsteller-Dasein kurzerhand heraus und verlieh ihm gegen jede konventionelle Erwartung "Fortdauer, und ich nenne und belebe gern seinen Namen Pippo (der abbrevierte Filippo)."

Dass sich der Erzähler einmischt und nicht als Beobachter draußen bleibt, um scheinbar objektiv festzuhalten, was der Fall ist, gehört bei Jean Paul zur Methode. Darauf hat der Jean Paul-Forscher Wolfdietrich Rasch hingewiesen, wenn er sagt, dass bei diesem Autor der Erzähler die eigentlich "erste Rolle" spiele. Eine Geschichte wird nicht einfach erzählt, Jean Paul "stellt dar, wie der Erzähler eine Geschichte erzählt." Damit befinden wir uns im Vorfeld der Moderne, der das Erzählen fragwürdig geworden ist und der dieser Geist der Aufmüpfigkeit nahe steht. Der Erzähler ist die subjektive Instanz eines Romans, keinen Augenblick hält er still, er mischt sich ein und kommentiert ununterbrochen, was immer ihm gerade unterkommt. Er ist der Souverän in einer Zeit, als der politische Souverän drauf und dran ist, an Bedeutung zu verlieren.

Beherzter Theoretiker

Die Franzosen haben es immerhin vorgemacht, was es bedeutet, wenn der Bürger seinen Anteil an der Macht einfordert. Der junge Graf, soll er Sympathien bekommen, erkennt deshalb den Geist der Zeit und ist gewillt, als idealer Regent in die Geschichte einzugehen. Er strebt an, "nämlich sich und ein Land zu beglücken, zu verherrlichen, zu erleuchten - ein Friedrich II. auf dem Throne."

Jean Paul war nicht nur ein gewiefter Romanautor, sondern auch beherzter Theoretiker. In seiner "Vorschule zur Ästhetik" setzte er sich mit den Traditionen, vor allem den griechischen Klassikern, den mächtigen, göttergläubigen Vorbildern, auseinander. Dass die Abkehr von einer normativen Poetik dringend ansteht, und dass die antiken Modelle nicht länger passen, war schon für Goethe und Herder einsichtig. Jean Paul aber wagte sich noch weiter vor. Er forderte, die Dichtungstheorie der Nachahmung aufzugeben. Deshalb setzte er auf die Phantasie als eine Kraft, die Wirklichkeit zu durchdringen. Die moderne Welt war für ihn mit den Methoden der Imitation nicht zu fassen. Für ihn bekommt die Dichtkunst einen Entschlüsselungsauftrag. Sie "soll die Wirklichkeit, die einen göttlichen Sinn haben muss, weder vernichten, noch wiederholen, sondern entziffern", schreibt er in seiner "Vorschule". Dieses Programm erinnert an die Romantiker, zu denen Jean Paul sonst oft auf Abstand ging.

Schöpferischer Geist

Wo aber kommt die Phantasie her? Sie liegt im Vermögen des schöpferischen Geistes, beim Erzähler also, dem er zutraut, kraft seiner Einbildung die Wirklichkeit zu vermessen. Deshalb diese oft so kraftlackelnde, alles zurechtrückende, besserwisserische Erzählstimme, der es nicht genügt, Beobachtungen weiterzugeben, sondern diese anreichern muss durch subjektive Aufhellungen. Der ganze Mensch ist gefordert mit seinen Erfahrungen und Vorstellungen, um dem Anspruch an Subjektivität gerecht zu werden. "Die bloße Empfindung schafft nicht den Dichter", schreibt er und vernichtet all jene, die ihren Erlebnissen Ausdruck zu schaffen versuchen. Er erinnert an dichtende Jünglinge und vergegenwärtigt sich mit Schrecken deren Gefühle, "wenn diese in ihnen regieren und schreien Keine Hand kann den poetischen, lyrischen Pinsel festhalten und führen, in welcher der Fieberpuls der Leidenschaft schlägt."

Witzige Sprachwelten

Die Waffe des Jean Paul ist der Humor. Zugegeben, heutige Leser brauchen Zeit, um sich reinzufinden in diese aberwitzigen Denk- und Sprachwelten, die nichts Vergleichbares aufzuweisen haben in der deutschen Literatur. Dieser Autor ringt sich in jedem Satz witzige Formulierungen ab. Er duldet keinen Stillstand, Verschnaufen gilt nicht. Das geht so weit, dass er auf das Erzählen selbst vergisst. Vor lauter Abschweifungen, Ablenkungen, Assoziationen und Zwischenrufen verliert er die Geschichte selbst aus dem Auge. Das ist weiter nicht schlimm, weil die ohnehin mehr Vehikel für seine spontanen Einfälle ist. Vor allem beweist er im Erfinden von Geschichten keineswegs die Originalität, die seine Detailarbeit auszeichnet. "Titan" als Bildungsroman weist durchaus konventionelle Motive auf. Verschwörungstheorien und die Geheimgesellschaften sind gängige Motive der Trivialliteratur, Jean Paul greift sie in "Die unsichtbare Loge" auf. Müsste man sich aufs Nacherzählen der Romane verlassen, bliebe nicht viel Bedeutsames übrig, bliebe Konfektionsware übrig. Und den Jean Paul-Flair bekäme man schon gar nicht zu spüren.

Überraschungseffekte

Hier verbohrt sich einer in die Feinarbeit und findet Gefallen daran, einen Überraschungseffekt an den anderen zu reihen. Deshalb entwickeln sich diese Romane mit ungeheurer Langsamkeit, weil der Autor nicht auf den Punkt kommt. Ein Jean Paul-Roman ist ein ausgedehnter Verzettelungstraum. Niemand treibt die Metaphern und Allegorien so weit wie er, der gleichermaßen in Metaphern und Allegorien denkt, ja lebt. Alles, was geschieht, steht nie für sich allein, befindet sich in einem Raum von Verweisen und Zusammenhängen, die in Anspielungen herbeigeholt werden. Ein kleines Menschenleben steht so in Verbindung mit einem großen Ganzen, mit Geschichte, Natur und Transzendentem, das je nach Bedarf aus dem rhetorischen Zauberhut geholt wird. Man kann die allegorischen Einfälle nehmen als poetische Fundstücke zum Aufputz eines regengrauen Tages, sie herauslösen aus dem Roman-Ganzen als heitere Denkutensilien - und dann machen sie immer noch gute Figur. Sie bilden Seelenzustände eines Augenblicks ab und Situationsgrotesken, in ihnen spiegelt sich das innere Menschenschicksal der Hoffnungen und Enttäuschungen. Nach dem Verständnis Jean Pauls bilden Allegorien eine Sonderform des Denkens.

Albano aus dem Roman "Titan" kommt nach dem Tod seiner Mutter in jungen Jahren in ein deutsches Fürstentum, wo er im Haus eines Edelmanns erzogen wird. So nüchtern lässt sich ein Sachverhalt ausdrücken, der bei Jean Paul "deutlicher und allegorischer" so klingt: Albanos Vater "ließ hier die pädagogischen Kunstgärtner so lange mit Gießkannen, Inokuliermessern und Gartenscheren um ihn laufen, bis sie an den hohen schlanken Palmbaum voll Sagomark und Schirmstacheln mit ihren Kannen und Scheren nicht mehr langen konnten." Und der Vater, ins Allegorische transformiert, wird zum "Autor seines Lebensbuches". Allegorien leisten Bemerkenswertes. Sie stellen den beschriebenen Gegenstand in ein anderes, unerwartetes Umfeld und setzen ihn damit einem direkten Vergleich aus. So wird das Erhabene kleiner gemacht, das Niedrige erhöht, ganz wie es dem Verfasser beliebt.

Mythen überwinden

Diese Literatur ist voll mit Anspielungen auf griechische Mythen, dabei strebt Jean Paul nichts so sehr an, wie diese zu überwinden. Er wendet die Mythen auf seine Gegenwart an, auf eine Zeit, in der diese Vorstellungen nicht mehr greifen. Daraus entsteht eine Spannung, die auf Erheiterung des Publikums abzielt. Wenn er den "Titan" der Herzogin Charlotte von Hildburghausen und ihren drei Schwestern widmet - darunter der Königin von Preußen - und sie mit Aphrodite, Aglaja, Euphrosyne und Thalia gleichsetzt, dürfen sie sich geschmeichelt fühlen. Er porträtiert sie in einer Traumphantasie als Göttinnen, die es auf die Erde drängt, "wo die Seele mehr liebt, weil sie mehr leidet, und wo sie trüber, aber wärmer ist." Diese Freundlichkeit ist nicht repräsentativ für den sanften Ironiker. Ein kühler Rationalist war Jean Paul nie. Was er anfasst, verwandelt er als Sprachmagier, der die Welt mit ein bisschen mehr Gerechtigkeit ausstattet. Denen oben zeigt er es, indem er vertrottele Fürsten und einen kriecherischen Hofstaat auf die Bühne seiner Vorstellung holt, die Hoffnung liegt - Beispiel Albano - bei der nächsten Generation, die auf Reformen setzt.

Jean Paul von Adam bis Zucker

Ein Abecedarium

Von Bernhard Setzwein und Christian Thanhäuser. Haymon 2013. 255 S., geb., € 19,90

Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter

Eine Biographie von Günter de Bruyn Überarbeitete Fassung. S. Fischer 2013. 346 S., geb., € 22,70

Wenn Goethe Hof hielt, standen alle Schlange. Jean Paul war dreiunddreißig Jahre alt, als er 1796 in Weimar zum ersten Mal den gerade einmal um siebzehn Jahre älteren Meister aller Klassen treffen durfte. Die Jahre waren es nicht, die die beiden trennten, die Welt stellte sich für beide als eine vollkommen andere dar. Der eine hat zu Prinzipien der Klassik gefunden, von denen er nicht mehr absehen wollte, der andere hat sich eine der Romantik nahe stehende Ironie angeeignet, die mit dem kompakten Deutungsmodell zur Überhöhung der Wirklichkeit nicht viel gemein hatte.

Im Licht einer Statue

"Ich bin nicht mehr dumm", schrieb Jean Paul in einem Brief. "Auch werd' ich mich jetzt vor keinem großen Mann mehr ängstlich bücken, bloß vor dem Tugendhaftesten." An Goethe ließ er, wenn er ihn auch schätzte, als Mensch kein gutes Haar. Eine kühle Person sei er, allenfalls "Kunstsachen wärmen noch seine Herznerven an (daher ich Knebel bat, mich vorher durch einen Mineralbrunnen zu petrifizieren und zu inkrustieren, damit ich mich ihm etwan im vorteilhaften Lichte einer Statue zeigen könnte ...)." Und welcher Eindruck bleibt? "Auch frisset er entsetzlich. Er ist mit dem feinsten Geschmack gekleidet." Später rühmt sich Jean Paul seiner Keckheit, wenn er Goethe Widerworte gibt: "Goethen sagt' ich etwas über das hiesige Tragische, worüber er empfindlich 1/4 Stunde den Teller drehte (ich hatte Champagner und einen Vulkan im Kopf)."

Dürfen wir eine kleine Stelle aus dem Monumentalwerk "Titan", mit dessen Niederschrift Jean Paul 1797 begann, nicht als kleine Abrechnung mit Goethes Erhabenheitskult auffassen? Der junge, schwärmerisch veranlagte Graf Albano di Cesara erlebt einen Abend voller Erwartung und Sehnsucht nach dem nächsten Tag, da er zum ersten Mal seinem Vater begegnen soll. Die prächtige Natur in Italien, die Freundschaft seiner beiden Begleiter, die Hoffnung auf eine große Zukunft pflanzen ihm ein Bild von "Größe und Unsterblichkeit" ins Herz, "dass er gar nicht begriff, wie jemand sich könne begraben lassen, ohne beide errungen zu haben, und dass er den Wirt, sooft er etwas brachte bedauerte, weil der Mann nie etwas wurde, geschweige unsterblich." So könnte Goethe auch gedacht haben, der sich an Heldenbildern abarbeitete und dem der gemeine kleine Mann wenig galt. Der Erzähler des "Titan" spielte nicht mit, denn er holte den Wirt aus seinem Nebendarsteller-Dasein kurzerhand heraus und verlieh ihm gegen jede konventionelle Erwartung "Fortdauer, und ich nenne und belebe gern seinen Namen Pippo (der abbrevierte Filippo)."

Dass sich der Erzähler einmischt und nicht als Beobachter draußen bleibt, um scheinbar objektiv festzuhalten, was der Fall ist, gehört bei Jean Paul zur Methode. Darauf hat der Jean Paul-Forscher Wolfdietrich Rasch hingewiesen, wenn er sagt, dass bei diesem Autor der Erzähler die eigentlich "erste Rolle" spiele. Eine Geschichte wird nicht einfach erzählt, Jean Paul "stellt dar, wie der Erzähler eine Geschichte erzählt." Damit befinden wir uns im Vorfeld der Moderne, der das Erzählen fragwürdig geworden ist und der dieser Geist der Aufmüpfigkeit nahe steht. Der Erzähler ist die subjektive Instanz eines Romans, keinen Augenblick hält er still, er mischt sich ein und kommentiert ununterbrochen, was immer ihm gerade unterkommt. Er ist der Souverän in einer Zeit, als der politische Souverän drauf und dran ist, an Bedeutung zu verlieren.

Beherzter Theoretiker

Die Franzosen haben es immerhin vorgemacht, was es bedeutet, wenn der Bürger seinen Anteil an der Macht einfordert. Der junge Graf, soll er Sympathien bekommen, erkennt deshalb den Geist der Zeit und ist gewillt, als idealer Regent in die Geschichte einzugehen. Er strebt an, "nämlich sich und ein Land zu beglücken, zu verherrlichen, zu erleuchten - ein Friedrich II. auf dem Throne."

Jean Paul war nicht nur ein gewiefter Romanautor, sondern auch beherzter Theoretiker. In seiner "Vorschule zur Ästhetik" setzte er sich mit den Traditionen, vor allem den griechischen Klassikern, den mächtigen, göttergläubigen Vorbildern, auseinander. Dass die Abkehr von einer normativen Poetik dringend ansteht, und dass die antiken Modelle nicht länger passen, war schon für Goethe und Herder einsichtig. Jean Paul aber wagte sich noch weiter vor. Er forderte, die Dichtungstheorie der Nachahmung aufzugeben. Deshalb setzte er auf die Phantasie als eine Kraft, die Wirklichkeit zu durchdringen. Die moderne Welt war für ihn mit den Methoden der Imitation nicht zu fassen. Für ihn bekommt die Dichtkunst einen Entschlüsselungsauftrag. Sie "soll die Wirklichkeit, die einen göttlichen Sinn haben muss, weder vernichten, noch wiederholen, sondern entziffern", schreibt er in seiner "Vorschule". Dieses Programm erinnert an die Romantiker, zu denen Jean Paul sonst oft auf Abstand ging.

Schöpferischer Geist

Wo aber kommt die Phantasie her? Sie liegt im Vermögen des schöpferischen Geistes, beim Erzähler also, dem er zutraut, kraft seiner Einbildung die Wirklichkeit zu vermessen. Deshalb diese oft so kraftlackelnde, alles zurechtrückende, besserwisserische Erzählstimme, der es nicht genügt, Beobachtungen weiterzugeben, sondern diese anreichern muss durch subjektive Aufhellungen. Der ganze Mensch ist gefordert mit seinen Erfahrungen und Vorstellungen, um dem Anspruch an Subjektivität gerecht zu werden. "Die bloße Empfindung schafft nicht den Dichter", schreibt er und vernichtet all jene, die ihren Erlebnissen Ausdruck zu schaffen versuchen. Er erinnert an dichtende Jünglinge und vergegenwärtigt sich mit Schrecken deren Gefühle, "wenn diese in ihnen regieren und schreien Keine Hand kann den poetischen, lyrischen Pinsel festhalten und führen, in welcher der Fieberpuls der Leidenschaft schlägt."

Witzige Sprachwelten

Die Waffe des Jean Paul ist der Humor. Zugegeben, heutige Leser brauchen Zeit, um sich reinzufinden in diese aberwitzigen Denk- und Sprachwelten, die nichts Vergleichbares aufzuweisen haben in der deutschen Literatur. Dieser Autor ringt sich in jedem Satz witzige Formulierungen ab. Er duldet keinen Stillstand, Verschnaufen gilt nicht. Das geht so weit, dass er auf das Erzählen selbst vergisst. Vor lauter Abschweifungen, Ablenkungen, Assoziationen und Zwischenrufen verliert er die Geschichte selbst aus dem Auge. Das ist weiter nicht schlimm, weil die ohnehin mehr Vehikel für seine spontanen Einfälle ist. Vor allem beweist er im Erfinden von Geschichten keineswegs die Originalität, die seine Detailarbeit auszeichnet. "Titan" als Bildungsroman weist durchaus konventionelle Motive auf. Verschwörungstheorien und die Geheimgesellschaften sind gängige Motive der Trivialliteratur, Jean Paul greift sie in "Die unsichtbare Loge" auf. Müsste man sich aufs Nacherzählen der Romane verlassen, bliebe nicht viel Bedeutsames übrig, bliebe Konfektionsware übrig. Und den Jean Paul-Flair bekäme man schon gar nicht zu spüren.

Überraschungseffekte

Hier verbohrt sich einer in die Feinarbeit und findet Gefallen daran, einen Überraschungseffekt an den anderen zu reihen. Deshalb entwickeln sich diese Romane mit ungeheurer Langsamkeit, weil der Autor nicht auf den Punkt kommt. Ein Jean Paul-Roman ist ein ausgedehnter Verzettelungstraum. Niemand treibt die Metaphern und Allegorien so weit wie er, der gleichermaßen in Metaphern und Allegorien denkt, ja lebt. Alles, was geschieht, steht nie für sich allein, befindet sich in einem Raum von Verweisen und Zusammenhängen, die in Anspielungen herbeigeholt werden. Ein kleines Menschenleben steht so in Verbindung mit einem großen Ganzen, mit Geschichte, Natur und Transzendentem, das je nach Bedarf aus dem rhetorischen Zauberhut geholt wird. Man kann die allegorischen Einfälle nehmen als poetische Fundstücke zum Aufputz eines regengrauen Tages, sie herauslösen aus dem Roman-Ganzen als heitere Denkutensilien - und dann machen sie immer noch gute Figur. Sie bilden Seelenzustände eines Augenblicks ab und Situationsgrotesken, in ihnen spiegelt sich das innere Menschenschicksal der Hoffnungen und Enttäuschungen. Nach dem Verständnis Jean Pauls bilden Allegorien eine Sonderform des Denkens.

Albano aus dem Roman "Titan" kommt nach dem Tod seiner Mutter in jungen Jahren in ein deutsches Fürstentum, wo er im Haus eines Edelmanns erzogen wird. So nüchtern lässt sich ein Sachverhalt ausdrücken, der bei Jean Paul "deutlicher und allegorischer" so klingt: Albanos Vater "ließ hier die pädagogischen Kunstgärtner so lange mit Gießkannen, Inokuliermessern und Gartenscheren um ihn laufen, bis sie an den hohen schlanken Palmbaum voll Sagomark und Schirmstacheln mit ihren Kannen und Scheren nicht mehr langen konnten." Und der Vater, ins Allegorische transformiert, wird zum "Autor seines Lebensbuches". Allegorien leisten Bemerkenswertes. Sie stellen den beschriebenen Gegenstand in ein anderes, unerwartetes Umfeld und setzen ihn damit einem direkten Vergleich aus. So wird das Erhabene kleiner gemacht, das Niedrige erhöht, ganz wie es dem Verfasser beliebt.

Mythen überwinden

Diese Literatur ist voll mit Anspielungen auf griechische Mythen, dabei strebt Jean Paul nichts so sehr an, wie diese zu überwinden. Er wendet die Mythen auf seine Gegenwart an, auf eine Zeit, in der diese Vorstellungen nicht mehr greifen. Daraus entsteht eine Spannung, die auf Erheiterung des Publikums abzielt. Wenn er den "Titan" der Herzogin Charlotte von Hildburghausen und ihren drei Schwestern widmet - darunter der Königin von Preußen - und sie mit Aphrodite, Aglaja, Euphrosyne und Thalia gleichsetzt, dürfen sie sich geschmeichelt fühlen. Er porträtiert sie in einer Traumphantasie als Göttinnen, die es auf die Erde drängt, "wo die Seele mehr liebt, weil sie mehr leidet, und wo sie trüber, aber wärmer ist." Diese Freundlichkeit ist nicht repräsentativ für den sanften Ironiker. Ein kühler Rationalist war Jean Paul nie. Was er anfasst, verwandelt er als Sprachmagier, der die Welt mit ein bisschen mehr Gerechtigkeit ausstattet. Denen oben zeigt er es, indem er vertrottele Fürsten und einen kriecherischen Hofstaat auf die Bühne seiner Vorstellung holt, die Hoffnung liegt - Beispiel Albano - bei der nächsten Generation, die auf Reformen setzt.

Jean Paul von Adam bis Zucker

Ein Abecedarium

Von Bernhard Setzwein und Christian Thanhäuser. Haymon 2013. 255 S., geb., € 19,90

Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter

Eine Biographie von Günter de Bruyn Überarbeitete Fassung. S. Fischer 2013. 346 S., geb., € 22,70