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Ein Jäger und Sammler

Der Mensch ist phylogenetisch ein Jäger und Sammler.” Der Satz gefällt mir nicht. Ich habe ihn zum ersten Mal im Gymnasium gehört, und zwar in der Naturgeschichtsstunde. Er hat mir (ich erinnere mich genau) schon damals nicht gefallen.

Das ist nicht verwunderlich; mir hat nämlich alles mißfallen, was ich in der Naturgeschichtsstunde gehört habe. Schuld daran war Professor N., unser Naturgeschichtslehrer. Er war ein kleiner, grauhaariger, vitaler Mann, der sich gern reden hörte und keinen Widerspruch duldete.

Ich konnte den Herrn Professor N. nicht leiden. Denn er war ein lästiger Apostel seiner naiven Naturverehrung. Er pflegte uns montags zu erzählen, daß er sonntags durchs March feld zu pilgern pflegte, mit Knotenstock und Botanisiertrommel; er beobachtete den Flug der Vögel, das Spiel der Wolken, die Querfeldeinläufe der Hasen; er betrachtete Blattläuse, Heuhüpfer, Schnekken und Sonnenuntergänge; und er pflückte Blumen, Gräser und Kräuter.

„Das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit”, pflegte er zu sagen. „Ich meine damit natürlich sowohl das körperliche als auch das geistige Wohlbefinden. Mens sana in corpore sanol” Geistig gesund zu sein bedeute, sagte Professor N., naturgemäß zu denken und zu handeln. Naturgemäß zu handeln aber bedeute für ihn, das zu erfüllen, was ich aus dem Geschichtsunterricht schon kannte: das Parteiprogramm der NSDAP.

Es ist also nicht verwunderlich, daß mir der Satz aus dem Munde des Naturgeschichtsprofessors mißfallen hat: „Der Mensch ist phylogenetisch

Die Erfahrung zeigt daß es vier grundsätzlich verschiedene Arten des Sammeins gibt, und jede von ihnen hat ihren ganz besonderen Reiz. ein Jäger und Sammler.” Der Satz mißfällt mir noch immer. Auch dann, wenn berühmte Verhaltensforscher ihn aussprechen.

Gewiß: Es ist nicht daran zu zweifeln, daß der Satz stimmt. Unsere Ahnen in grüner Vorzeit waren tatsächlich Jäger und Sammler. Die einen erlegten mit primitiven Waffen wilde und sanfte Tiere; die anderen durchstreiften das Land und suchten nahrhafte Gräser, Kräuter und Früchte, die der Erde entsprossen.

Es stimmt leider:

Der Mensch ist phylogenetisch ein Jäger und Sammler. Ach, wäre er nur dieser, jener nicht! Denn ich liebe das Sammeln, und ich hasse das Jagen. Es ist unmenschlich, mit einem technischen Präzisionsgerät ein Tier zu töten, das sich naturgemäß nicht wehren kann. Außerdem ist es unsportlich. Nach den Regeln des „fair play” müßte bei einem Sport auf Leben und Tod jeder Spielpartner die gleiche Überlebenschance haben.

Ich hasse das Jagen. Denn es ist ein gewalttätiges, grausames, blutiges Geschäft.

Ich liebe das Sammeln. Denn es ist eine faszinierende, aufregende, packende, aber friedliche Beschäftigung. Der Jäger ist ein Eroberer, der Sammler ein Entdecker.

Der Jäger zerstört, der Sammler bewahrt.

Der Jäger tötet, der Sammler läßt leben.

Der Jäger geht über Leichen, der Sammler geht auf die Suche.

Ich liebe das Sammeln. Ich habe es schon als Kind geliebt. Die Geschichte meiner Samm-lerleidenschaft begann mit Plastikautos und Mickymaus-Heften, in der Volksschulzeit verlegte ich mich auf Fußballerfotos, Glaskugeln und Briefmarken, als Gymnasiast sammelte ich Tennisbälle, Münzen, Taschenkalender, Kugelschreiber, Kinoprogramme, Krawatten und Kieselsteine (ein Herbarium anzulegen, ist mir - begreiflicherweise - nicht in den Sinn gekommen), und seit meiner Studentenzeit sammle ich nur noch zwei Dinge: Bücher und Erfahrungen.

Wie jeder Sammler habe auch ich die Erfahrung gemacht, daß es vier grundsätzlich verschiedene Arten des Sammeins gibt, deren jede von besonderem Beiz ist.

Am beliebtesten ist wohl das teleologische (auf ein bestimmtes Ziel gerichtete) Sammeln. Es wird von jenen Menschen bevorzugt, die auch sonst gern systematisch, Schritt für Schritt vorgehen.

Der tychologische (sich dem Zufall unterwerfende) Sammler geht planlos vor; er sucht gleichsam ins Blaue hinein. Er hat nichts Bestimmtes im Sinn außer der Absicht, zufällig etwas zu finden, was ihm in seiner Kollektion noch fehlt. Dem ateleologischen (ziellosen) Sammler geht es um das Sammeln an sich. Welche Gegenstände er findet, ist ihm gleichgültig; er sammelt alles, was ihm unter die Finger kommt.

Und schließlich gibt es noch eine religiöse Variante des teleologischen Sammeins. Der theologische Kollektor folgt der göttlichen Weisung: „ Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo Motten und Rost sie fressen und wo Diebe einbrechen und sie stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel...” (Mt6,19f).

Vom himmlischen Jagen hat Jesus nichts gesagt.

Welchen Schluß können wir daraus ziehen? Die Heilsgeschichte korrigiert die Stammesgeschichte. Das alte phylogenetische Naturgesetz gilt nicht für die Kinder des Neuen Bundes. Seien wir also, um Gottes Willen, keine Jäger mehr, sondern nur noch Sammler.

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