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Unverwechselbare Stimme

Oleg Jurjews letztes zu Lebzeiten erschienenes Buch ist (von schmalen Bänden wie dem feinen Poem "Von Orten" abgesehen) sein erstes auf Deutsch verfasstes. Es endet mit Sätzen, die dem sterbenden Jakob Michael Reinhold Lenz in den Mund gelegt sind: "Stellen Sie sich vor: ein Wunder ist gesche..." Mitten im Satz bricht der imaginäre Brief des in Moskau gestrandeten und mehr oder weniger wahnsinnigen deutschen Dichters ab; aber auch mit einem Wunder (ob eingebildet oder nicht, das macht kaum etwas aus) und mit Leerzeichen, also einer Art von Öffnung, einer Art von Raum und Erwartung. Vielleicht der Erwartung, dass immer jemand da ist, um weiterzuschreiben.

Ironie, Sprachwitz und Phantasie

Jurjews "Unbekannte Briefe", diese Fortschreibung einiger historischer Biographien im Spannungsfeld von Literatur, Macht und Ohnmacht, zeigt, so wie alle seine Bücher, dass Ironie, Sprachwitz und Phantasie einem Gegenstand -wenn man Menschen einer anderen Zeit als Gegenstand bezeichnen will -viel gerechter werden können als jeder biedere Realismus. In den Bildern etwa, die Lenz-durch-Jurjew oder Jurjew-für-Lenz findet, liegt die ganze zärtliche Kraft großer Dichtung: "Der Himmel dreht sich im Kreise herum und gabelt sich. Itzt liegen über mir zwei graue Himmel, einer dunkelt unter dem andren hervor. Welcher ist der wahre, welcher der falsche? [...] sie drehn sich im Kreise herum, tauschen die Plätze, bald ist einer oben, bald der andre, und unter jedem hervor wachset eine Traube grauer, flacher, gleicher Gesichter [...] Mein Kopf ist wie der Kopfstein, auf dem mein Hinterkopf liegt", so schreibt der auf der Straße sterbende Lenz in Jurjews Brief-Fiktion: "Oh, itzt versteh ich: Steine, die in der Straße oder im Felde liegen, sie tun sich weh: leiden und können darüber nicht erzählen ..."

Der Wirklichkeit, ihren Schrecken wie ihren Wundern, ist mit dem, was Realismus genannt wird, literarisch nicht beizukommen, Oleg Jurjew wusste das - wie seltsam und traurig, im Präteritum sprechen zu müssen, ich sage lieber, denn seine Texte sind gegenwärtig: Oleg Jurjew weiß das aus seiner historischen wie literarischen Erfahrung heraus. So phantastisch und (Rezensentenwort) "fabulierfreudig" seine Texte anmuten, die Wirklichkeit, die in ihnen verarbeitet, kenntlich gemacht und verwandelt wird, ist präzise historisch zu verorten. Geprägt ist der Autor vom Biotop der Leningrader Wohnküchen der siebziger und achtziger Jahre, wo sich die Untergrund-Dichter, die keine Chance (und im Übrigen auch wenig Lust) auf offizielle Publikationen oder gar Karrieren in der Sowjetunion hatten, trafen, einander vorlasen, redeten, tranken, rauchten, sich verliebten, einander vorlasen, redeten, rauchten, lasen, schrieben und wo in diesen neuen Lesern und Fortschreibern die fast vergessene und vernichtete russische Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts wieder auflebte und zu zweitem Atem kam. Vor allem die Oberiuten -der hierzulande bekannteste von ihnen ist Daniil Charms -verdanken Jurjew und seiner Autorengeneration so viel wie diese ihnen verdanken; in der Übergangszeit der späten achtziger und frühen neunziger Jahre fanden diese Avantgarden so etwas wie eine offizielle Existenz.

Von Übergängen und Grenzüberschreitungen sind Leben und Schreiben Jurjews und - man kann kaum getrennt von den beiden sprechen -seiner Frau, der Dichterin Olga Martynova, geprägt. 1991 übersiedelten die beiden mit ihrem Sohn Daniel, der inzwischen als Übersetzer Teil dieses kleinen literarischen Kosmos ist, nach Frankfurt und ließen damit sozusagen diese Petersburger Küchen in neuer Umgebung weiterleben und schenkten zugleich der deutschsprachigen Literatur zwei unverwechselbare Stimmen -und etwas wie einen weiteren Horizont. Was Jurjew betrifft, ist dies eine Literatur, die russisch, deutsch und - nicht zuletzt -jüdisch zugleich ist und aus dieser Gleichzeitigkeit, diesem widersprüchlichen und untrennbaren Ineinander Funken schlagen lässt. Das gilt nicht nur für die Inhalte, sondern (wie sollte man das auch fein säuberlich trennen können) vor allem auch für die Sprache, die immer in Bewegung ist, Fernstes zusammenbringt, Abstürze organisiert und überlebt, den Sinn durch Widersinn erträglich macht, die Leser zur Grenzüberschreitung einlädt.

Wer bin ich, wenn mir Teile meiner Vergangenheit unter dem Einfluss von siebzigprozentigem Rübenwein abhandengekommen sind und ich auf einem Schiff voller lebendiger und lebhafter Toter durch die Ostsee flüchte, wie Weniamin, der Held aus "Die russische Fracht"? Wer bin ich, wenn ich umstände- und stipendienplatzhalber als Frau verkleidet oder in eine Frau verwandelt in einer Grenzstadt namens Judenschlucht in der Übergangszeit der frühen neunziger Jahre imaginären und wirklichen Vergangenheiten nachspüre, wie der Held Julij in "Der neue Golem oder Der Krieg der Kinder und der Greise?"

Dieser Roman entfaltet ein irrwitziges Theater der Identitäten und Nichtidentitäten zwischen Deutschen, Juden, Russen, Amerikanern, Männern, die Frauen, und Frauen, die Männer sind, das -wie man so gerne als Lob sagt -heute beunruhigend aktuell erscheint und sich doch keiner denkbaren Seite zur ideologischen Verwertung anbietet. Zwischen befreienden Verwandlungsakten und komischen Verstiegenheiten liegt nur ein schmaler Grat: "Der westliche Mensch der neuen Zeit wird ein roter grüner rosa schwarzer Jude-Christ-Moslem", sagt eine July, die zu einem Julien geworden ist; meint es allerdings ernst, also ideologisch, weshalb es nicht ernst genommen werden kann.

Unbedingt ernst zu nehmen, wie die Trauer im Kern jedes Witzes, und von traumhafter Wahrheit sind aber die geheimen Verbindungen, die es bei Jurjew zwischen den Orten gibt. In einer Allee in Frankfurt, "auf der einen Seite Sechs-Familien-Reihenhäuser", kann über einem Abhang ein nächtliches Meer erscheinen: "Die obere Hälfte Deutschlands ist abgebrochen und irgendwohin abgetrieben, ein kaltes gläsernes Meer ist gekommen und liegt da unten hinter den Bäumen, lautlos, es schaukelt ein wenig, schimmert hin und wieder, feuchten Kalk hauchend." ("Von Orten")

Gänge in andere Orten und Zeiten

In den "Unbekannten Briefen" ist für deren Autoren und Empfänger der Tod manchmal ein kaum beachtenswerter Einschnitt; vielleicht auch, weil die "zeitlose Finsternis", von der Jurjew in dem bemerkenswerten Kapitel des "Neuen Golem" schreibt, das "Über das Auseinanderrücken des Zeitspalts" heißt - weil diese untergründige, die dichterische Sprache mit all ihrem Witz unterminierende Finsternis ihnen ohnehin bekannt ist.

Erst jetzt, im allzu flüchtigen Wiederlesen seiner Bücher, wird mir klar, wie genau und zugleich spielerisch Jurjew die Regionen zwischen Leben und Tod erkundet hat, wo Vineta und Petersburg ein und dieselbe Stadt sind; diese Regionen, die der wahre Ort von Literatur, von Dichtung sind - und von allen Menschen, denen Literatur und Dichtung Lebensmittel ist. Kein glamouröser Ort, sondern eine schäbige, aber unzerstörbare Wohnküche, die in vielen Städten zugleich liegt, oder ein Schlupfwinkel auf einem Dachboden oder in einem Keller, von dem aus sich durch kleine Spalten im Boden unerwartete Gänge in andere Orte und Zeiten auftun. Und, wie jeder Leser Jurjews weiß: Überall, wo Juden leben und wo sie begraben sind, gibt es unter der Erde Maulwurfsgänge, Grotten, "matt schimmernde unterirdische Flüsse", die bis nach Jerusalem führen.

Das Universal-Küstenschiff vom Typ Ulysses "Zweifacher Held der Sowjetunion P.F. Atenov" gleitet mit der "Russischen Fracht" an Bord übers Meer:

", Also, Weniamin, Kurs auf Lübeck?', fragte der Kapitän aus dem Äther.

, Auf Lübeck, Herr Kapitän, und dann - wie abgemacht -überallhin!'"

| Der Autor ist Schriftsteller |

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