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Der Weg in die Tiefe

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Nach seinen beiden Erzählbänden „Der Sonne näher” und „Begegnung” sowie Sachbüchern tritt der profilierte österreichische Autor wieder mit erzählender Prosa hervor.

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Nach seinen beiden Erzählbänden „Der Sonne näher” und „Begegnung” sowie Sachbüchern tritt der profilierte österreichische Autor wieder mit erzählender Prosa hervor.

„Und warum nicht große Worte?” fragte er und mächte einen Sprung über die Pfütze. Es nützte nicht viel. Er sprang mitten in den Kot, und es spritzte gegen meine Hose, was er in seinem Eifer gar nicht bemerkte. „Warum soll ich nicht große Worte machen? Die Pyramiden sind groß, die Säulen im Karnak-tempel sind groß. Sie haben sie doch gesehen. Der Nil ist gewaltig, und die Wüste — und unser ganzer Kontinent — ”

Jetzt versuchte er es mit einer Geste, die offenbar zeigen sollte, was er verbal nicht mehr ausdrük-ken zu können glaubte — doch wurde nicht mehr daraus als die Geste eines Gourmets, der den Geschmack einer feinen Sauce zum Ausdruck bringen will. Aber gleich schüttelte er wieder den Kopf, als wäre ihm die Lächerlichkeit seines Versuchs bewußtgeworden, und er rief laut, fast wütend: „Ich habe keine Lust, Worte wie groß, gewaltig, grandios, ungeheuer zu unterdrücken und sie durch Längen- oder Flächenmaße zu ersetzen. Ich habe keine Lust, unsere Vergangenheit nach Jahrhunderten, nach Jahrtausenden zu messen. Was ist ein Jahrtausend, bitte? Drei Nullen nach einer Eins. Aber die Augenblicke, die unzähligen Augenblicke, multipliziert mit den unzähligen Menschen, die sie erlebt haben.

Der große Ramses hat wirklich gelebt, Tut-ench-Amun war ein Mensch, Hatschepsut ist dort irgendwo über die Steine gegangen. Im Tempel Priester und Priester und Priester. Jede Nacht hat jeder Mensch die Sterne gesehen, Sterne und Sterne. Ich habe meine sterbende Mutter gefragt: Ist mit dem Tod alles vorbei? Du mußt es doch jetzt wissen. Du mußt es spüren. Siehst du schon etwas? Hörst du schon etwas? Sie war immer sehr fromm, aber in ihrer Todesstunde hat sie gesagt: Ich weiß nicht, mein Sohn. Da habe ich beschlossen: Ich will wissen___”

Seine hohe Stimme war immer schriller geworden; je mehr er sagen wollte, desto mehr entzogen sich ihm die Worte. Sein Englisch war schlecht, was ich hier in der Erinnerung niederschreibe, tut seinen verbalen Ausdrucksmöglichkeiten zu viel Ehre an. Aber ich begriff, was er meinte. Er hatte es fertiggebracht, mich alles ringsum vergessen zu lassen, die schäbigen Marktstände mit den vollen Körben und die schreienden Menschen, die dauernd an mich stießen. Die Farben der Teppiche und den Schmutz auf der Straße, Eselmist und Gemüseabfälle — und die kitschigrosa Zuk-kerpuppen für die Kinder zum Geburtstag des Propheten.

Ich war in Luxor und suchte ein paar Stangen Zuckerrohr für die Freunde daheim, die ihren Zucker beim Greißler kaufen müssen und die Süße nicht aus dem zersprengten bambusähnlichen Holz saugen dürfen wie die oberägyptischen Kinder.

Ich war in Theben, im alten, hunderttorigen Theben, und der Strom neben der Durchzugsstraße war der Nil. Weiter gegen Westen hin, am Rand der Berge, der Tempel der Königin Hatschepsut und dahinter das Tal der Könige. Das alles gab es, ja, es war da! Da! Ich konnte es sehen, konnte es mit meinen Fingern abtasten, wie die Zuckerrohrstangen, die mein Begleiter endlich aufgestöbert und mir in die Hand gedrückt hatte. Es war mehr als die flüchtigen Phantome, die der Reisende wahrnimmt.

Wie eine Sturzflut war die Realität über mich hereingebrochen, erlösend, erschreckend und ließ mich nicht los. Die Realität, das waren der Pferdemist an meinen Schuhen, und die gemalte Welt im Sethosgrab. Die klebrigen Hände und die schönen dunklen Augen der Kinder, der heilige Teich von Karnak und die brennende Wüste, die alles begrub, was sich ihr entgegenstellte. Die Spuren der Toten, die Lebenden, alle Gedanken, die gedacht, alle Gefühle, die hier gefühlt worden waren, verflochten sich für diesen Augenblick mit meinem Leben, und diesen Augenblick würde nichts, nichts auslöschen können. Er sagte:

„Ich habe Religionswissenschaft und Mathematik studiert”.

Aber dafür gab es hier keine Arbeit, und jetzt war er Kellner, Oberkellner, Saalchef in unserem Hotel. Tadellose Manieren, eine Autorität unter seinesgleichen.

„Ich muß sparen”, sagte er, „ich will die Welt sehen. Ich muß wissen, ob mir Europa etwas zu sagen hat. Europa — das ist doch die Vernunft? Oder?”

Ich sah ihn hilflos an. Warum hatte er „oder?” gesagt? Ich dachte an den banalen Wahnsinn unseres Alltags, ich dachte an das Leben meiner Mitmenschen von Mahlzeit zu Mahlzeit, von Urlaub zu Urlaub, von Fernsehabend zu Fernsehabend. Ich dachte an Korruptionsskandale, Weiße Wochen und das Feilschen um zwanzig Groschen für Superbenzin.

Er lachte vergnügt und drückte dem Händler die Münzen für das Zuckerrohr in die Hand. Ägypten ist unvernünftig und arm. Europa ist vernünftig und reich. „Möchten Sie den rosa Reiter? Und die rosa Puppe für Ihre Frau?”

Ich nickte kaum, und schon wik-kelte der Händler die beiden Zuk-kerstücke in altes Papier. „In einer Woche hat der Prophet Geburtstag. Sie werden nicht mehr in Ägypten sein, aber Ägypten soll bei Ihnen sein.”

Er wandte sich heftig um und überschüttete einen Mann mit Turban mit einem Schwall von Schimpfworten. Der Mann keifte ein paar französische Brocken zu mir herüber, die ausdrücken sollten, dieses Zuckerwerk sei kein Souvenir für Ungläubige. Zuletzt machte mein Begleiter eine verächtliche Bewegung zu dem Eiferer und zog mich rasch zwischen zwei Ständen in ein Nebengäß-'chen. Gleichzeitig redete er weiter als wäre gar nichts geschehen: „Vor ein paar Jahren war ich noch ein Kind. Meine Mutter hat vom Propheten gesprochen, der auf seinem Pferd in den Himmel geritten ist. Sie hat an ihn geglaubt, und ich habe ihr geglaubt. Heute weiß ich nicht, ob ich an den Propheten glauben soll oder an Hapi, den Nilgott, an Einstein oder an die Sonne. Ich weiß zu wenig — ich weiß zu viel.”

Er lachte wieder. Immer am Höhepunkt seiner Zweifel angelangt, lachte er. Als ob die Zweifel nichts anderes wären als ein Weg, auf den man sich freut. „Was für ein Abenteuer, das Leben”, sagte er. „So viel, so bunt. Bei jedem Schritt ein anderes Bild. Jeder Mensch riecht anders, jede Speise schmeckt anders. Die Könige und die Archäologen — glauben Sie nicht auch, daß die Archäologen Priester sind? Sie wollen an Wunder glauben, auch wenn Sie es nicht zugeben. Und ist es nicht ein Wunder, daß so vieles da ist?”

Wir verließen den Markt und kamen in ruhigere Gassen.

„Nicht wahr, Sie werden wiederkommen”, sagte er. „Sie werden es versuchen, immer wieder versuchen. Ich gebe Ihnen ein paar Dinge mit, die Sie berühren können, wenn Sie es nötig haben. Glauben Sie mir, es ist wichtig, Dinge zu berühren. Erst dann begreift man. Selbst wenn die Augen vergessen, die Fingerspitzen vergessen nicht, was glatt war und körnig, hohl oder heiß oder klebrig. Die Finger werden Ihnen alles wiederbringen.”

Er lachte, und wenig später hatte ich noch ein eigenartiges Geschenk in Händen: einen Baumwollpyjama. Er war sauber und auch gebügelt, sicher aber schon oft getragen worden. Wir hatten beide ungefähr die gleiche Größe.

Eine Stunde später dirigierte er wieder diskret das Geschehen im Speisesaal. Auf unserem Tisch standen Blumen und Obst. Unser letzter Abend. Noch konnten wir den Luxor-Tempel sehen. Noch.

Jetzt stehen zwei rosa Figuren aus Zuckerguß in der Vitrine. Ich berühre sie manchmal, wenn ich es nötig habe, und dann ist alles wieder da. Auch der Zweifler aus Luxor, der sich auf den Weg durch den Zweifel freut. Manchmal verkrieche ich mich auch in den weichen Stoff des Pyjamas, und er schützt mich vor meiner banalen Welt, die mich ängstigt.

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