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Kirche als unwiderstehliche UMGEBUNG

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Wie Michael White, Pfarrer in Baltimore, "Entkirchlichte" anspricht, schilderte er beim pastoralen Innovationsforum "PfinXten".

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Wie Michael White, Pfarrer in Baltimore, "Entkirchlichte" anspricht, schilderte er beim pastoralen Innovationsforum "PfinXten".

Als die ältere Dame begann, im Gratis-Fasten-Essen herumzustochern und die anderen am Tisch ins Mäkeln einstimmten, reichte es Father Michael White. Seit Jahren bemühte sich der Pfarrer der katholischen Church of Nativity in Baltimore (USA) um ein Wachstum seiner Gemeinde -mit den üblichen Methoden und ziemlich erfolglos. Heute sagt er: "Diese Art Kirchenkultur ist eine Konsumkultur, die Religion, Sakramente usw. bietet. Eine Menge kirchlicher Professioneller stellen zur Verfügung, was die Konsumenten wollen." Er änderte Schritt für Schritt sein Seelsorge-Konzept. Heute erreicht seine Pfarre rund 4000 Menschen, von denen rund 1000 zum festen Kern der Pfarre gehören. Invest and invite, Engagement in die Pfarre investieren und persönliche Einladungen an Außenstehende, das sind die Zauberworte der Innovation, die Fr. White inzwischen zu einem gefragten Referenten gemacht haben. Denn nicht nur in den USA gehören die Unchurched, die "Entkirchlichten" zur größten religiösen Gruppe. Auch in Österreich schrumpfen die meisten Pfarren, und viele verlassen die Kirche.

Erfahrungen aus dem Management

Der Theologe und Pastoralberater Georg Plank setzt hier auf Neues und hat Fr. White als Experten zu "PfinXten: Forum für Innovation in und durch Kirchen" in St. Georgen am Längsee eingeladen. Am Programm standen u. a. der erfolgreiche Fair-Trade-Chocolatier Josef Zotter, der Grazer Innovationsexperte Hans Lercher, Besuche bei innovativen Kärntner Firmen - und vor allem Vorträge und Workshops mit Fr. Michael White und seinem Mission director Brian Crook. Innovation ist eine Kernkompetenz des Managements, und Patrick Lecioni einer der erfolgreichsten US-Autoren in diesem Bereich. Er wurde Lehrmeister für Pfarrer White. Heute sind die beiden gute Freunde, wie Michael White der FURCHE im Interview erzählt: "Zunächst muss man anerkennen, dass es ein Problem gibt, und dann zweitens einwilligen, dass sich etwas ändern muss. Das ist in der kirchlichen Kultur ein großer Schritt. Und drittens muss man Risiken eingehen, weil man auf diesem Weg Fehler machen wird, aus denen man lernen kann." Sich zuzugestehen, dass er in seiner Pfarre nicht für alles zuständig sein kann und muss, fiel White nicht leicht. Doch Schritt für Schritt ging er nach Lecionis Anweisungen vor.

"Zunächst muss man ein Strategieteam zusammenstellen. Das können Freiwillige sein, doch es muss eine Kerngruppe geben, die zusammen mit dem Pfarrer die Pfarre führt. Lecioni nennt dies ein cohesive team. Die Team-Mitglieder dürfen nicht miteinander im Konflikt sein, sonst geht die Pfarre ins Nirgendwo. Dieses Team wird dann für jeden Bereich des Pfarrlebens weitere Teams aufbauen. Teamwork war für uns ein neues Konzept -und auch, dass Laien-Seelsorgern in einer Pfarre Verantwortung und Autorität für viele Bereiche des Pfarrlebens gegeben werden kann und muss." Heute gibt es 20 angestellte Vollzeit-Mitarbeiter, zehn Leute arbeiten Halbzeit und hunderte ehrenamtlich. "Die Situation hat uns gezwungen, die Prinzipien des II. Vatikanums auch anzuwenden. Vorher blieb es nur beim Lippenbekenntnis."

Vorbild: evangelikale Großkirchen

Hilfreiche Vorbilder für seinen Umbau fand er in den evangelikalen US-Großkirchen. Der Auftrag einer Pfarre ist nicht, den Konsum von Religion zu fördern, sondern discipleship and evangelization, sagt Michael White, also sich als Jüngerinnen und Jüngern Jesu am Evangelium zu orientieren und die frohe Botschaft zu verkünden. Doch wie bekommt man die Leute am Wochenende vom Fußballplatz weg in die Kirche? Ganz einfach -die Menschen brauchen eine Umgebung, in der sich alle, auch Entkirchlichte, wohlfühlen. So gibt es Leute, die sie am Parkplatz begrüßen, sie im Vorraum und der Kirche empfangen, nach der Messe zum Kaffee einladen. "Entscheidend ist die Herzlichkeit der Menschen", sagt Brian Crook, der "Missionsdirektor" der Pfarre. Dann stört auch ein kaltes, altes Kirchengebäude nicht.

Das Pfarrteam ist für die Gestaltung der Weekend Experience verantwortlich: für "Begeisterung, Energie, eine Botschaft mit Relevanz, Spaß und Gemeinschaft. Alles das zusammen ergibt, wie wir das nennen, eine 'unwiderstehliche Umgebung'", sagt Michael White. Die Pfarraktivitäten am Wochenende vermitteln Erfahrungen, an der Menschen gerne teilnehmen, weil es für ihr Leben relevant ist. Und die Pfarrmitglieder können -ohne sich später genieren zu müssen - Außenstehende einladen und sagen "Komm und sieh", so wie Jesus seine Apostel einlud.

Zentral sind "music, message and ministers", sagt White: "Die Seelsorger sind Freiwillige, und ihre Aufgabe ist Gastfreundschaft. Die Message - wie ich die Predigt nenne -gibt Tipps fürs Leben, die auch Entkirchlichte sinnvoll und nützlich finden." Die Musik muss den Menschen Freude machen, das ist das Wichtigste. Dass Beleuchtung und Tonanlage gut funktionieren müssen, ist selbstverständlich. Stille ist wichtig in der Liturgie: "Wenn Entkirchlichte gut in die Stille eingeführt werden, wissen sie das sehr zu schätzen. Denn es gibt nicht viel Stille in unserer Kultur." Und dazu kommt, dass das Geheimnis der Eucharistie von selbst wirkt: "Entkirchlichte können das Geheimnis schätzen, das sich im Hochgebet ausdrückt, auch wenn sie keine Kenntnis davon haben."

Persönliche Veränderung gefragt

Kern des Pfarrlebens ist die persönliche Veränderung - personal change. In rund 100 kleinen Gruppen von ca. zehn Personen treffen sich Pfarrmitglieder wöchentlich, lernen einander persönlich kennen, tauschen sich aus, unterstützen einander und streiten auch gelegentlich. Im Zentrum steht das Leben nach dem Evangelium, auch er selbst als Pfarrer muss immer neu Jünger Jesu werden, sagt Michael White -das ist die Voraussetzung für Innovation in der Kirche.

White begeisterte die mehr als 60 Frauen und Männer, unter letzeren viele mit römischem Kragen, die in St. Georgen teilnahmen. Sogar Bischof Alois Schwarz hatte seinen Terminkalender dafür frei gemacht. Auch der nächste Termin ist schon fixiert: Vom 18. bis 20. Mai 2016 findet das nächste "PfinXten" statt. Und für die, die Father Whites Arbeit vor Ort kennenlernen wollen, bietet Pastoralberater Georg Plank vom 31. Oktober bis 8. November 2015 ein Innovationsseminar in Washington und Baltimore an (Infos: www.pastoralinnovation.at).

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