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Wo Bildung ein gefragtes Gut ist

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Vor 40 Jahren wurde die Österreichische Schule in Guatemala gegründet. Heute wird sie in ganz Zentralamerika geschätzt.

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Vor 40 Jahren wurde die Österreichische Schule in Guatemala gegründet. Heute wird sie in ganz Zentralamerika geschätzt.

Wer das erstemal von der "Österreichischen Schule in Guatemala" hört, fragt sich unwillkürlich: "wieso gerade Guatemala?" Anders als die Deutschen, die über die ganze Welt ein dichtes Netz an Deutschen Schulen gespannt haben, hat Österreich neben Guatemala gerade deren vier: in Istanbul, Prag und Budapest. Die Entstehungsgeschichte ist "typisch österreichisch": erst setzt ein Privater eine Initiative und dann wird sie institutionalisiert.

Im Falle Guatemala war es der Grazer Pädagoge Harald König, der nach langem Aufenthalt in Süd- und Mittelamerika 1958 in der Innenstadt von Guatemala-City diese Privatschule gründete. 1968 reiste er mit dem österreichischen Konsul in seine Heimat und handelte die Übernahme durch die Republik Österreich aus. In der Folge wurde ein großes Areal - damals noch außerhalb der Stadt gelegen - angekauft, die Schule neu auf- und immer weiter ausgebaut, bis zur heutigen Größe auf acht Hektar. Heute ist die Österreichische Schule in ganz Zentralamerika bekannt und geschätzt.

Bald nach der Gründung stellte sich die Frage: "Wie kann sich in einem Land mit 36 Jahren Bürgerkrieg eine Österreichische Schule halten?" Wahrscheinlich nur durch den Respekt, der ihr von allen Seiten gezollt wurde und wird, und weil sich Lehrer und Direktoren immer der ursprünglichen Aufgabe einer Schule, dem Unterricht, gewidmet haben.

Vom Kindergarten bis zur Matura wird im "Instituto Austriaco Guatemalteco" den Kindern und Jugendlichen eine bilinguale Ausbildung angeboten, das heißt, Deutsch wird nicht als Fremdsprache, sondern mit Spanisch zusammen als Unterrichtssprache geführt. Wer hier maturiert, kann auch in Österreich ohne Zusatzprüfung studieren. Neben dem "Instituto" gibt es noch das "Collegio Viena", in dem Deutsch als Fremdsprache geführt und guatemaltekisch maturiert wird.

25 Lehrer kommen aus Österreich, 105 sind Guatemalteken. Mit dem Kanzlei-, Wach- und Hauspersonal sorgen 220 Angestellte und Lehrer für das Wohl von 2.000 Kindern. Die österreichischen Lehrer unterrichten vier, oder per Verlängerung acht Jahre. Dann geht es wieder zurück nach Österreich.

Die beiden Schulen werden zwar getrennt geführt, aber von einem Direktor geleitet. Die Vorstellung, daß dieser Direktor eine starke Persönlichkeit und ein realistischer Allrounder sein muß, bestätigt sich, wenn man Direktor Friedrich Baaz gegenübersteht. Er ist bereits seit 1985 in Guatemala an der Österreichischen Schule als Geographie- und Mathematiklehrer und seit 1991 als Direktor tätig.

Chance auf Bildung Was hat ihn bewogen, das heimatlich-heimelige Waidhofen an der Ybbs in Niederösterreich zu verlassen? Vielleicht, daß es zu heimelig wurde und er - wie fast alle Lehrer an ausländischen Schulen - zwar kein "Aussteiger", aber ein "abenteuerlustiger Individualist" ist, der die Herausforderung sucht und braucht? "Das besondere an der Schule sind die großen Gestaltungsmöglichkeiten, die wesentlich größer sind, als an einer österreichischen Schule", meint Baaz dazu. "Wir sind hier nicht an das Schulunterrichtsgesetz und Schulorganisationsgesetz gebunden, wenden es aber an, wenn es die Situation erfordert".

Dahinter steckt auch sehr viel Wissen um das Besondere einer Situation vor Ort. So ist etwa die soziale Zusammenarbeit mit den Eltern besonders wichtig, da ohne Hilfe und Unterstützung der Eltern viele Kinder nie eine Chance auf gute Schulbildung hätten.

Worauf Fritz Baaz besonders stolz ist? Zum Beispiel auf die Einführung einer Pensionsversicherung für die Lehrer, erzählt der Direktor. Er habe einen Fonds angelegt, in den die Schule und die Angestellten einbezahlen und aus dem pro Unterrichtsjahr an der Schule zwei Prozent des letzten Gehaltes dem Lehrer an Monatspension ausbezahlt werden, plus eine Abfertigung. Denn die einheimische Lehrerpension ist so gering, daß noch 70jährige Guatemalteken als Lehrer tätig sein müssen, um über die Runden zu kommen.

Anfangs war der Widerstand gegen diesen Pensionsfonds sehr groß - die Lehrer wollten den Pensionsbeitrag lieber direkt bar auf die Hand. Aber seit Dezember 1997 gibt es neun stolze Pensionisten - und nun wird von allen Seiten das Pensionsmodell kopiert.

Fritz Baaz mußte sich mittels angewandter Mathematik in all den Jahren auch als Finanzgenie bewähren: die Schule sollte selbsttragend wirtschaften, die guatemaltekische Lehrerschaft und alle laufenden Betriebskosten müssen vor Ort aufgebracht werden. Nur für größere Anschaffungen gibt es Zuschüsse aus Österreich. So sind etwa der Swimmingpool und die Sportanlagen nicht nur der Stolz der Schule, sondern für viele Eltern auch das augenscheinlichste Argument für den Wert einer guten Ausbildung.

In Guatemala sind laut inoffiziellen Angaben nur elf Prozent der höheren Schulen staatlich, alle anderen sind privat geführt. In staatlichen Schulen werden bis zu achtzig Kinder in einer Klasse unterrichtet, die Lehrer sind so schlecht oder gar nicht bezahlt, daß sie teilweise überhaupt nicht zum Unterricht kommen.

Jeder Guatemalteke ist stolz, wenn er seine Kinder in eine Privatschule schicken kann und dafür wendet er gerne etwas auf - auch wenn er es sich vom Mund absparen muß. In der österreichischen Schule beträgt das Schulgeld derzeit 400 Quetzales (rund 800 Schilling) im Monat, zehnmal im Jahr zu bezahlen. Die Französische und die Deutsche Schule verlangen zweimal, die Amerikanische Schule gar viermal soviel. Das Zielpublikum sind also nicht die "Superreichen", sondern die Wohlhabenden - freilich immer noch "reich" für die große Schicht der Armen in Zentralamerika. Für diese aber gibt es auch Stipendien und für sehr arme Einheimische, "Indigenas" genannt, bilinguale Privatschulen, die in Spanisch und in einem der 23 Maya-Idiome unterrichten, wo das Schulgeld nur 17 Quetzales im Monat beträgt.

Streng bewacht Ein Problem für den Schulbetrieb in Guatemala ist die Sicherheit, denn erst im Dezember 1996 wurde ein Friedensvertrag zwischen Regierung und Guerillas unterzeichnet. Seither keimt überall Hoffnung auf, wenngleich es vermutlich Jahre dauern wird, bis die inneren und äußeren Schäden einigermaßen behoben sind. Auch die Österreichische Schule wird streng bewacht, und die Kinder kommen nur in Schulbussen oder im Privatauto mit Ausweis hinein.

Der Zulauf zur Österreichischen Schule verrät aber die Wertschätzung der Bevölkerung: jedes Jahr melden sich 600 Schüler an, nur 90 können jedoch genommen werden. Es gab sogar schon Eltern, die ein Kind anmelden wollten, bevor es noch geboren war, worauf Direktor Baaz als Voraussetzung für die Anmeldung die erfolgte Geburt festlegte...

Die Autorin ist Auslandsösterreichreferentin der NÖ Landesregierung.

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