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(Un)begabungen und andere Missverständnisse

Zum beklagenswerten Zustand des heimischen Bildungssystems: Eine Replik auf die Debatte "Zerstört unser Schulsystem Begabungen?“ (FURCHE Nr. 41, S. 12).

Die frühere Vorsitzende der ÖH und jetzige Grünmandatarin Sigrid Maurer konstatierte anlässlich einer Podiumsdiskussion an einer Wiener AHS im Vorfeld der jüngsten Nationalratswahl, dass Österreichs Universitäten ausschließlich "ihre Innensicht pflegen“. Meine Arbeitserlebnisse an einer heimischen Privatuniversität bestätigen diesen Befund. "Wie sehen wir uns selbst? Wie kommen wir in Rankings vorwärts? Wie steigern wir unser Image?“ Diese Fragen dominieren - nicht jene der Leistung einer Universität für die Studierenden und für deren positive berufliche Zukunft oder für die Gesellschaft insgesamt. Daher ist in Hinblick auf die an den Universitäten angesiedelte "Lehrerbildung neu“ allergrößte Skepsis angebracht - die bisherigen Indizien bereiten Kopfzerbrechen.

Doch diese verquere Situation ist "staatsphilosophisch“ sanktioniert - Konrad P. Liessmann etwa negiert, dass Berufsvorbereitung eine Aufgabe von Universitäten ist und billigt den Medizinuniversitäten gerade einmal den Rang von Berufsschulen zu. Unter diesem Blickwinkel "erschließt“ sich auch der teils bizarre Dialog von Eva Novotny und Aljoscha Neubauer.

Begabung ist kein "Mythos“

"Begabung ist für mich ein Mythos, für den ich bislang noch keine wissenschaftliche Fundierung gefunden habe“ (Eva Novotny).

Begabung ist in vielen Fällen klar erkennbar. Ein dreijähriges Kind singt ein trauriges Kinderlied, dessen Text es zwar kognitiv nicht versteht, doch emotional erkennt, in einer selbstgewählten idealen Tonlage, trifft alle Tonhöhen und auch den Rhythmus richtig, wählt das dem Charakter des Liedes angepasste Tempo und kämpft nach Beendigung des traurigen Liedes mit den Tränen. Diese Gesamt-"Leistung“ wird ohne Training, ohne Drill, ohne Vorbereitung erbracht - sie ist ausschließlich in der Begabung und allenfalls in engen Grenzen im familiären Milieu begründet. Die bisherige Lebenszeit des Kindes war viel zu kurz, um all die "Kompetenzen“, die für diese authentische Wiedergabe bei weniger Begabten nötig wären, hineingestopft bekommen zu haben.

Das Erfassen der traurigen Atmosphäre des Liedes ist ein Beleg für emotionale Intelligenz (lat. intellegere: "dazwischen lesen“ im Sinne von "zwischen den Zeilen lesen“). Wenn der Grazer Begabungsforscher Aljoscha Neubauer "Begabung“ mit "kognitiver Fähigkeit“ gleichsetzt, kann man nur den Kopf schütteln. Ist denn der Begriff "emotionale Begabung“ unbekannt?

Den Begriff Begabung zu erklären, ist so schwierig nicht - und schon gar nicht handelt es sich dabei um einen "Mythos“. Begabung liegt dann vor, wenn eine überdurchschnittliche Leistung erbracht wird, ohne dass eine Vorbereitung auf diese stattgefunden hat. Dies ist auch beim bildnerischen Gestalten oder im Umgang mit Zahlen und in vielen anderen Bereichen zu registrieren.

Was hat es nun mit der musikalischen Begabung eines Kindes auf sich, das keine derart überzeugende Performance abliefert? Rasch sind "professionelle“ Musikpädagogen mit dem Diktum "unmusikalisch“ bei der Hand und beeinflussen so Lebensschicksale. Doch oft genug verfügen auch diese Kinder über die gleich hohe Begabung wie das beeindruckende dreijährige Kind - doch sie artikulieren sich nicht oder erst Jahre später, da die Verfasstheit ihres Selbstvertrauens eine entsprechende Performance im frühen Alter nicht zugelassen hat. Eine Schule in England, Vorsingen ist angesagt. Ein Schüler scheitert und wird vom Musikunterricht ausgeschlossen. Sein Name: John Lennon.

Kompensationsenergie

Die Quintessenz: "Begabung“ ist sehr oft sehr leicht zu verifizieren, "Unbegabung“ zu identifizieren, ist um Lichtjahre diffiziler. Gerade in dieser Hinsicht ist das schulische Todsündenregister unermesslich lang - standrechtliches Urteil "lebenslänglich unbegabt“. Auch aus diesem Grund ist das schulische Selektieren der Kinder mit neuneinhalb Jahren - Gymnasium oder "Restschule“ - menschenunwürdig und unverantwortlich.

"Das Credo - mach einfach das, was Dich interessiert - ist ein Problem. Schließlich wissen wir heute, dass Interesse und Begabung kaum korrelieren“ (Aljoscha Neubauer). "Die zweitstärkste Kraft neben dem Überlebens-, Art- und Selbsterhaltungstrieb ist die Kompensationsenergie.“ Hat Neubauer davon noch nie etwas gehört? "Das, was ich sehr gut könnte, mag ich nicht wirklich, doch was ich gern tue, verlangt mir große Anstrengungen ab“ - wer kennt dies nicht? Der deutsche Begabtenforscher Hans Günther Bastian - er hat alle Aspekte musikalischer Begabung auf jede nur denkbare Weise durchleuchtet - kommt zu dem Ergebnis, dass musikalisch Hochbegabte wie etwa das genannte dreijährige Kind sich mehrheitlich berufsmusikalischen Karrieren verweigern und diese den "Halb- oder Dreiviertelbegabten“ überlassen, wie Musiker mit partiellen Begabungsschwächen im Jargon der Musikerziehung genannt werden.

Hoch- und Besonders Begabte

Ein Klarinettist mit gravierenden Problemen mit dem Tonhöhengehör bringt es durch konsequentes, hochintelligentes analytisches Üben unter Einsatz technischer Hilfsmittel (Stimmgerät) bis zum Solobläser im Bayrischen Staatsorchester München. Ein Dirigent mit dem gleichen Problem schafft es zum Chefdirigenten eines russischen Spitzenorchesters, ein anderer mit beträchtlichen rhythmischen Schwächen in der Jugend wird ein erfolgreicher Interpret der rhythmisch extrem komplizierten Werke von Igor Strawinsky. Alle drei mobilisierten mit viel Erfolg ihre Kompensationsenergie. Bespiele aus allen anderen Begabungsbereichen - auch aus dem Sport - gibt es zuhauf.

Der akademische Diskurs unterscheidet mittlerweile zwischen "Besonders Begabten“ und "Hochbegabten“. Auch diese Begriffe werden durch die Experten von dies- und jenseits des Semmerings bedeutungsgleich und damit missverständlich verwendet. Diese Differenzierung - sie wurde vor eineinhalb Jahrzehnten vom deutschen Musikwissenschaftler und Pädagogen Reinhart von Gutzeit vorgeschlagen - rekurriert darauf, dass der Hochbegabte als Teil seines Spektrums über "intrinsische Motivation“ verfügt - er arbeitet eigenständig und ohne Zwang an der Entwicklung seiner Fähigkeiten.

Der "Besonders Begabte“ verfügt zwar über die gleichen Anlagen wie der "Hochbegabte“, doch muss er "extrinsisch“, also von außen, oft mühsam motiviert werden. Die in der schulischen Praxis fehlende Differenzierung in der pädagogischen Herangehensweise an diese beiden grundverschiedenen Typen dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass viele Hoch- und Besonders Begabte als Schulversager enden.

Kaiser Joseph II. hat sich - oftmals durch Armutsgewand und Umhängebart un(er)kennbar gemacht - unter das "gemeine Volk“ gemischt, um die Lebenswirklichkeit seiner Untertanen kennenzulernen. Ähnliches sei manchen universitären Bildungsexperten empfohlen - die Maskerade erübrigt sich heute gottlob.

Der Autor hat an der Konservatorium Wien Privatuniversität gelehrt und ist Leiter des "Internationalen Forums für Kunst, Bildung & Wissenschaft/Nikolaus Harnoncourt Fonds“ in Wien

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