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Ein Porsche in Grönland

Als ich ein Bub war, hatte ich zum ersten Mal einen Traum, der mich in den Bergen zeigte. Ich schwebte über mir und sah mich in den Bergen. Ich war mit einer Gruppe von Menschen unterwegs, und ich, der ich über allem schwebte, wußte mehr als ich, der ich in der Gruppe ging, •nämlich daß diese Leute mich als einzigen nicht mochten.

Diese Leute und ich gingen auf einem schmalen Weg, rechts ragte der Felsen in die Höhe, unabsehbar, links fiel er senkrecht ab, weit unten war ein Tal, zu erkennen nur an der Farbe Grün. Zuerst war ich in der Mitte dieses Zuges,dann überholten mich nach und nach die, die hinter mir gingen. Schließlich war ich der letzte. Ich verlor sie alle aus den Augen. Sie verschwanden hinter einer Biegung.

Der Felsen, an dem der Weg entlang führte, war wie der Faltenwurf eines Vorhangs. Und wir gingen auf einem Saum. Bei der nächsten Falte sah ich die anderen dann wieder. Ich war weit abgeschlagen, gehörte nicht mehr zu ihnen. Ich nahm all meine Kraft zusammen, war ja nicht müde oder geschwächt. Aber ich geriet immer weiter ins Hintertreffen. Dann brach plötzlich der Weg ab. Nur eine fußbreite Felskante war übriggeblieben. Es schien unerklärlich, wie die anderen so schnell über diese Stelle gekommen waren.

Meine Angst, sie zu verlieren, war aber größer als die Angst abzustürzen. Ich klammerte mich an Griffe und Tritte und kletterte über diesen abgebrochenen Weg.

Denn es war ein abgebrochener Weg. Dann sah ich sie wieder, sie waren bereits drei Felsfalten voraus. Ich rief, rannte ihnen nach. Aber hinter der nächsten Biegung war der Weg zu Ende. Die Wand war glatt und senkrecht, und nie war hier ein Weg gewesen. Ich ging zurück, aber ein zweites Mal über den abgebrochenen Weg zu klettern, hatte ich keinen Mut.

Ich glaube, ich habe diesen Traum dreimal gehabt. Jedesmal beschäftigte er mich den ganzen folgenden Tag.

Minach war aufgestanden und ging in der Küche hin und her. Es war wenig Platz, mehr als zwei Schritte in jede Richtung konnte er nicht machen. ,

Mir war dieser Traum eingefallen, weil er gesagt hatte: „Wir hätten dort oben einen Fetisch gebraucht, irgendein Ding, über das keiner von uns etwas wußte, einen Gegenstand, der irgendwie gemacht aussieht, damit wir ihn am Abend nach der dritten Etappe hätten anbeten können.“

Ich verstand nicht, was er meinte.

Ihm sei dieser Gedanke erst jetzt gekommen, sagte er.

Dann stand er auf und fing an, in der Küche auf- und abzugehen. Er war mit den Gedanken an diesen Fetisch beschäftigt. Auch ich dachte darüber nach. Dabei fiel mir jener Traum ein. Ich konnte mich an alle Einzelheiten deutlich erinnern, nur nicht daran, wie er ausgegangen war.

Wahrscheinlich war ich aufgewacht.

Dann setzte sich Minach wieder und erzählte weiter.

„Die dritte Etappe, also die letzten drei Stunden“, sagte er, „waren so schlimm, daß ich manchmal in einer Stunde hundert verschiedene Lieder gesungen habe und keine einzige Strophe zu Ende gebracht habe. Ich konnte mir keinen Gedanken vorsagen. In diesen letzten drei Stunden war die Trennung zwischen Körper und Seele und Geist perfekt. Meine Seele wurde von Alpträumen geplagt, mein Körper war ein einziger Schmerz und mein Geist, ja, der wird wohl irgendwie vermittelt haben. Der hat sich auf den Kompaß konzentriert.

Es ist mir heute schleierhaft, daß in dieser Situation das Peilen und Ausrichten und Orientieren immer noch funktioniert hat.

Das war faszinierend.

Denn irgendwo über dieser Spaltung von Seele, Körper, Geist war ich doch noch als Einheit vorhanden. Je weiter wir in diese orientierungslose Ebene hineinkamen und je weiter wir in die dritte Tagesetappe hineinkamen, desto plastischer vollzog sich diese Aufspaltung.

Ich habe mich selbst gesehen wie durch ein magisches Auge. Ich habe mir zugeschaut, ohne Bedauern, ohne Leid. Ich habe zugeschaut aus einer Distanz von vielleicht zwei Metern oder drei Metern, wie der Körper, der Geist, die Seele, alle zusammen, die da Minach Reinold heißen, wie die zerfallen, einfallen, anschwellen, wie alles aus der Lunge geblasen wird.

So stirbt man, dachte ich. Und ich akzeptierte es. Die Trennung war perfekt.

Der Schauder darüber ist im nachhinein gekommen. Nachts im Zelt. Da dachte ich mir: Mensch, bist du wahnsinnig üchhabemich zurückversetzt und gesagt: Das ist Wahnsinn, der absolute Irrsinn.

Jeden Tag dasselbe. Die dritte Etappe.

Dann sind auch immer wieder diese Halluzinationen aufgetreten. Du hast gesagt, du hättest den Artikel-im .Spiegel' gelesen. Die haben sich an diesen Halluzinationen hochgezogen. Wenn du dich erinnerst: Die haben den Artikel überschrieben mit ,Der Porsche kommt*. — Ja, der ist gekommen. Immer pünktlich.

•Ich habe gehört, ganz von weitem habe ich ein Motorengeräusch gehört. Zuerst sagte ich mir: Aha, so, da ist er wieder. Da ist wieder meine Halluzination. Aber diesmal nicht! Keine Chance heute! Heute nicht! Heute bist du vorbereitet.

Und dann kam das Geräusch näher. Ich wußte, das ist ein Porsche, das hab ich am Ton gehört, ein Porsche, und ich wußte, der ist rot. - Komm schon, habe ich gesagt, na, komm schon! Heute bin ich bereit, heute bin ich stark!

Und er: Immer langsam, schön langsam ist er nähergekommen.

Und dann habe ich doch gestutzt. Nein, habe ich gesagt, diesmal ist es anders, diesmal ist es wahr.

Blödsinn, dreh dich nicht um!

Jetzt schaltet er in einen niedrigeren Gang. Mit Zwischengas. Und dann blieb er stehen. Schaltet den Motor ab. Zog die Handbremse, öffnet die Tür.

Jetzt, sagte ich, schlag die Tür zu!

Dann ist die Tür zugeschlagen worden.

Wunderschön, dachte ich, genau wie gestern. Schwachsinn, alles Einbildung!

Aber gleichzeitig: Mensch, du bist doch nicht hinüber, du kontrollierst doch immerhin den Kompaß! Wenn deine Sinne noch so gut beieinander sind, daß du den Kompaß kontrollieren kannst, dann können sie nicht so zerrüttet sein, daß du Sachen hörst, die es nicht gibt!

Dann habe ich angefangen zu rationalisieren. Schritt für Schritt. Also: Es könnte ja sein. Angenommen. Warum nicht. Sie suchen uns. Mit einem Spezial-hubschrauber zum Beispiel. In den haben sie einen Porsche geladen und jetzt fahren sie uns nach.

Nein, habe ich gesagt, das ist doch nicht zu glauben, warum ausgerechnet ein Porsche. Wenn schon, dann ein Jeep!

Und wenn gerade kein Jeep da war?

Ein Porsche in Grönland, oben auf dem Plateau!

Ich habe mit den Kollegen nicht darüber gesprochen. Es war auch keine Gelegenheit dazu da. Am Abend waren wir erledigt. Da sind wir froh gewesen, wenn wir das Zelt noch einigermaßen aufstellen konnten.“

Leicht gekürzt aus dem Roman „Spielplatz der Helden“, der demnächst im Piper Verlag, München, erscheint.

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