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Großer Aufholbedarf für akademische Pfleger

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Erstmals besteht die Möglichkeit, Pflegewissenschaft an der Universität Wien zu studieren. Österreich war hier bishereuropäisches Schlusslicht. Das soll sich nun mit dem neuem Studienangebot ändern.

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Erstmals besteht die Möglichkeit, Pflegewissenschaft an der Universität Wien zu studieren. Österreich war hier bishereuropäisches Schlusslicht. Das soll sich nun mit dem neuem Studienangebot ändern.

Seit Beginn des laufenden Studienjahres 1999/2000 besteht erstmals die Möglichkeit, Pflegewissenschaft an der Universität Wien zu inskribieren. 32 Hörerinnen und neun Hörer nutzen bereits dieses neue Angebot.

Noch gibt es zwar kein reguläres Studium und bisher auch keinen Lehrstuhl für Pflegewissenschaft in Österreich, doch mit dem "individuellen Pflegestudium" sei der erster Schritt getan, meinten Pflegeexperten bei einer Tagung im Wiener AKH, bei der über die Zukunft dieses neuen Studiums, den Bedarf an akademisch gebildeten Pflegepersonal und mögliche Einsatzgebiete der Absolventen diskutiertet wurde.

Abgeschlossen wird das Studium mit dem akademischen Grad "Magister der Philosophie", da der Titel derzeit über die Fakultät der Grund- und Integrativwissenschaften vergeben wird. Die angehenden Pflegeakademiker studieren an mehreren Universitätsinstituten gleichzeitig, etwa an der Soziologie und Medizin.

Die Akademisierung der Pflege war ein äußerst steiniger Weg, berichtet Elisabeth Seidl, Leiterin der Abteilung Pflegeforschung Wien. "Dass es nun endlich das individuelle Pflegestudium gibt, das hat uns ungefähr 20 Jahre größte Mühe bereitet," schildert Seidl, die sich von Beginn an federführend für die Einrichtung eines Studienganges im Bereich Pflege eingesetzt hat und nun auch Vorlesungen hält. "Mit dem neuem Studium sind die Absolventen nun auch wissenschaftlich ausgebildet, das macht sie zu Pflegeexperten bester Sorte."

Mehr Kompetenzen Österreich war bisher punkto Pflegewissenschaft europäisches Schlusslicht, in Deutschland etwa kann Pflegewissenschaft seit 20 Jahren als Studienrichtung gewählt werden. In Österreich wurde die Akademisierung der Pflege seit langem diskutiert, bisher aber nie umgesetzt und die Realisierung auf Jahre hinausgezögert. Obwohl, berichtet Generaloberin Charlotte Staudinger vom Wiener Krankenanstaltenverbund, der Bedarf an akademisch ausgebildetem Pflegepersonal seit langem vorhanden wäre. "Profunde Kenner der Pflegeszene haben immer wieder nachdrücklich darauf hingewiesen, dass die Entwicklung des Berufsbildes der Gesundheit- und Krankenpflege von einem Hilfsberuf zum Gesundheitsfachberuf ein adäquates Bildungsniveau voraussetzt." Neben der menschlichen und fachlichen Qualifikation, den pädagogischen, psychologischen und sozialen Kompetenzen sollten heute Pflegepersonen auch Management-Kenntnisse aufweisen. Doch woher, fragt sich Staudinger, sollten die Pflegenden all dieses Wissen erhalten, wenn nicht durch eine entsprechende Ausbildung?

Mit der Reform des Gesunden- und Krankenpflegegesetzes von 1997 haben die Pflegeberufe wesentlich mehr eigenständige Tätigkeitsbereiche, Rechte aber auch Pflichten eingeräumt bekommen. Staudinger: "Wir werden europaweit dafür beneidet. Nur, das festzuschreiben heißt noch lange nicht, dass wir das auch wirklich leben. Wir sind weit davon entfernt, das umzusetzen, was uns an Kompetenzen vom Gesetz her zugeschrieben wurde. Ein Grund dafür ist ganz sicher das derzeitige Bildungsniveau."

Staudinger, die sich ebenfalls seit Jahren um ein entsprechendes Universitätsstudium bemüht hat, ortet vor allem in den Bereichen Pädagogik, Lehre, Management und Forschung großen Aufholbedarf für akademisches Pflegepersonal. "Wir streben für den Anfang drei bis vier Prozent akademisches Personal an", so die Generaloberin. Längerfristig würden aber rund zehn Prozent benötigt. Das ergebe für ganz Österreich einen Bedarf von über 4.000 Absolventen. "Diese Zahl spricht für sich", meint Staudinger. "Man muss generell davon ausgehen, dass sich auf Grund der dynamischen Entwicklung im Gesundheitswesen und der wesentlichen Rolle, die dabei Gesundheits- und Krankenpflegepersonen haben, die Zahlen erhöhen, ganz sicher nicht niedriger werden. Wir haben eine spannende Zeit vor uns, der Bedarf ist jedenfalls gegeben."

4.000 Absolventen Nächstes Ziel für die Generaloberin ist die Einrichtung eines Lehrstuhles für Pflegewissenschaft. Doch auf diesen wird sie wohl noch länger warten müssen, befürchtet Universitätsprofessor Ekkehard Weber, Vorstand des Instituts für Alte Geschichte und engagierter Mitstreiter für die Akademisierung der Pflegewissenschaft. Denn die bürokratischen Mühlen mahlen im universitären Bereich langsam und Geld sei derzeit nicht vorhanden. "Es ist von Ministern bis hin zu Journalisten immer wieder zu hören, dass die Universitäten träge und unbeweglich seien, dass sie sich auf neue Anforderungen des Marktes nicht einstellen könnten. Wenn man aber in der Vergangenheit versucht hat, eine neue Studienrichtung bewilligt zu bekommen, weil man eben auf die Bedürfnisse der Studenten reagieren wollte, dann hat man sein blaues Wunder erlebt", kritisiert Weber. "Es war ein mühsames, monatelanges Verfahren, bis die eingereichten Studienpläne eine rechtlich brauchbare Form erhalten haben. Durch die Einführung des individuellen Diplomstudiums unterlaufen wir das sorgfältig gehütete Privileg des Ministers auf Bewilligung neuer Studienrichtungen, in dem wir gezeigt haben, dass es auch ohne ihn geht. Wir haben uns studienrechtlich ein Stückchen autonomer gemacht."

Derzeit weitgehend offen ist noch, in welcher Form die medizinische Fakultät auf das neue Studienangebot reagieren wird. Universitätsprofessor Wilhelm Firbas, Vorstand des Instituts für Anatomie der Universität Wien, berichtet während der Veranstaltung in seinem Vortrag, dass nun auch seitens der medizinischen Fakultät ein solches Pflegewissenschaftsstudium geplant sei, womöglich bereits 2002. "Die Pflegewissenschaften sollten stärker in das Feld der Medizin einbezogen werden", so seine Begründung. Die gegenseitige Anerkennung zwischen Pflege und Medizin könnte dadurch verbessert werden. "Es ist wichtig, dass es dieses Studium jetzt gibt, das war längst überfällig, darüber braucht man nicht zu diskutieren." Auf keinen Fall sei aber daran gedacht, mit der Pflegewissenschaft "irgendwelche erfolglosen Mediziner aufzufangen", beruhigt Firbas.

Pflege und Medizin Was aber passiert dann mit dem derzeitigen individuellem Pflegestudium? "Die beiden Studien könnten parallel laufen, was aber nicht sehr ökonomisch wäre," so der Mediziner. Besser wäre eine Zusammenlegung der beiden Studien.

Das sieht auch Elisabeth Seidl ähnlich: "Ich denke, dass das individuelle Studium einen provisorischen Charakter hat, aber solange berechtigt ist, bis die Mediziner ein adäquates und ebenso wertvolles Studium einrichten. Man wird sehen, wie die Richtungen zusammengeführt werden können. Ein ordentliches Universitätsstudium brauchen wir aber rasch. Ich denke dabei auch an die gesundheitspolitischen Aufgaben. Meine Vision ist, dass dadurch in die Krankenversorgung viel mehr Flexibilität eingebracht wird, dass Pflegepersonen autonom Projekte entwickeln können."

Dringend ist für Seidl eine Professur für die Pflegewissenschaft, "an welcher Fakultät auch immer". Denn, so Seidl, damit könnte die Pflege autonom die Entwicklung steuern und verhindern, dass sie "wieder von der Medizin bevormundet wird", was Pflegepersonen studieren, bekommen und machen dürfen.

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