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"Jeder muss sich selbst verändern“

Früher hat Karl Rabeder Wohnaccessoires verkauft und damit Millionen verdient. Heute verkauft er seine Expertise in Sachen Bescheidenheit und Glück.

"Ich trage eigentlich keine Anzüge mehr. Typisch für mich sind nun karierte Hemden.“ Karl Rabeder posiert in der prunkvollen Hofburg dennoch im feinen Anzug. Nach Wien kam er nur zur Verleihung des "Life goes on“-Preises in der Kategorie Courage. Sonst würden ihn keine zehn Pferde dazu bringen. "Eine Stadt ist nicht lebenswert. Es ist nebelig, saukalt, bei mir zu Hause scheint die Sonne. Warum tun sich so viele Menschen das freiwillig an?“ Bis vor Kurzem war Rabeder Millionär, reich geworden durch Wohnaccessoires. Villa, Luxusautos und Segelflieger nannte er sein Eigen. Doch eines Tages entschied er, sich von seinem Geld zu trennen und bescheiden zu leben. 2009 gründete er zudem die NGO "MyMicroCredit“, die armen Menschen in Entwicklungsländern Kleinkredite gewährt.

Den einen Auslöser gab es nicht: "Es war 25 Jahre lang eine Leidensgeschichte. Bei jedem Erfolg, der mich freuen hätte sollen, blieb eine Leere in mir. Ich habe studiert, nebenbei eine Firma aufgemacht, war oft beim Segelfliegen - und bei allem erfolgreich. Aber ich habe mir nicht die wichtigste Frage gestellt: Was will ich wirklich?“ Das Streben nach immer mehr sei weit verbreitet und alle würden glauben, das mache glücklich. "Jeder geht im Prinzip den Irrweg, den ich auch gegangen bin. Und kommt man darauf, das funktioniert nicht, geht man ihn trotzdem weiter.“ Seine Botschaft, die er nun landauf, landab vertritt, ist: Folge der Stimme deines Herzens. "Wenn man ein Jobangebot bekommt, das ethischen Überzeugungen widerspricht, muss man es ablehnen, egal wie gut es für die Karriere wäre. Wenn man einen Artikel schreiben muss, der nicht der Wahrheit entspricht, muss man sich entscheiden. Man kann immer einen anderen Weg gehen.“ Dass die Reichen und Schönen nur glücklich seien, werde vorgegaukelt: "Bei einem Hawaii-Urlaub in einem Luxushotel sah ich nur Menschen, die vorspielen, glücklich zu sein. Viele brauchen Medikamente zum Einschlafen, Alkohol, bei jedem Termin einen Maskenbildner. Wenn man in Aspen am Sessellift mit diesen Stars sitzt, schauen die 30 Jahre älter aus als auf Pressefotos. Von Ausstrahlung keine Spur.“

Am Leben vorbei entwickelt

Karl Rabeder muss oft versichern, dass es ihm sehr gut gehe. Verständlich, wenn man sich berufen fühlt, Glücksseminare anzubieten, verständlich aber auch, wenn man stets gefragt wird, wie man nur sein Geld weggeben konnte. Auf kritisches Nachfragen reagiert er schnell ungeduldig. Seine Antworten scheinen einfach: Jeder ist seines Glückes Schmied, folglich auch seiner Misere. Wie sieht es aber mit der Eigenverantwortung in ärmeren Ländern aus, in denen Menschen nicht aus vielen Möglichkeiten wählen können? Rabeder winkt ab und beharrt darauf, dass jeder frei entscheiden könne. Die Landflucht sei in der Dritten Welt deshalb so massiv, weil die Menschen glaubten, in der Stadt Reichtum und Lebensglück zu finden. "Sie lassen sich für dumm verkaufen“, behauptet er.

Die eigentlichen Entwicklungsländer seien heute freilich die USA und Europa: "Wir haben uns am Leben vorbei entwickelt. Welche Lebensfreude in der Dritten Welt gelebt wird, wie die Familien dort zusammenhalten, dagegen sind wir armselig.“

Mit Politikern und ihrer Verantwortung will er sich nicht lange aufhalten. "Wenn wir gesellschaftliche Änderungen wollen, muss sich jeder selbst verändern“, sagt der 49-Jährige. "Wir können nicht darauf warten, dass Politiker irgendeine Entscheidung treffen. Man muss klar seine Wünsche formulieren, aber in erster Linie auch selber danach leben. Meine Forderung an mich lebe ich: Ich wohne auf einer Fläche, die sinnvoll ist, esse großteils vegetarisch, ich benutze ein Auto oder einen Flieger nur dann, wenn es unbedingt nötig ist.“ Dass mündige Bürger heute leider nicht gefragt seien, sieht der Unternehmer als "gesteuerte Aktion“. "Wir werden von klein auf mit Werbung hypnotisiert. Kauf dich glücklich, Geiz ist geil, wenn solche Slogans kein Erfolg wären, würden sie sofort weg sein. Mit dem Traumgebilde der glücklichen Reichen und von Angst getrieben hecheln wir im Hamsterrad dahin.“

Er wolle niemandem seinen Lebensstil aufdrängen, meint Karl Rabeder, aber wie man mit 1000 Euro leben solle, sei leicht erklärt: "In Wien geht es nicht, aber am Land sehr leicht. Ich zahle 250 Euro Miete, die Verlockung einzukaufen ist nicht groß, Bergsteigen kann ich vor der Haustür und kostet nichts.“ 1000 Euro zu verdienen setze nur ein wenig Kreativität voraus. Dazu brauche es kein Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe.

Sinn und Glück im Angebot

Rabeder selbst hat das Problem gelöst, indem er Seminare um bis zu 795 Euro anbietet, zuzüglich Unterkunft und Essen. Mit Wanderungen, Meditation und Gesprächen sollen die Suchenden lernen, der Herzensstimme wieder zu trauen. Auch seine Biografie "Wer nichts hat, kann alles geben. Wie ich meine Reichtümer gegen den Sinn des Lebens eintauschte“ (Ludwig Verlag) verkauft sich gut. Dieser Mann ist eben ein geborener Verkäufer. Früher waren es Wohnaccessoires. Heute ist es Glück.

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