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Nicht schon wieder Schifahrer

1945 1960 1980 2000 2020

Die Schi-WM in St. Anton steht bevor und der Schriftsteller Gorgasser lässt seinem Schifahrerhass freien Lauf. Auszug aus dem neuen Roman von Egyd Gstättner.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Schi-WM in St. Anton steht bevor und der Schriftsteller Gorgasser lässt seinem Schifahrerhass freien Lauf. Auszug aus dem neuen Roman von Egyd Gstättner.

Einmal habe ich meiner kleinen Tochter vor lauter Unvorsichtigkeit einen Schifahrer gezeichnet, jetzt muss ich ihr andauernd Schifahrer zeichnen. Dauernd will sie von mir auf meinen Schoß gehoben werden - ich habe gar keinen Schoß, jedenfalls keinen klassischen, aber eine unverfängliche Alternative lässt mir die Sprache ja trotz aller Wortschatzübungen nicht - und will, dass ich ihr einen Schifahrer zeichne. Jedesmal, wenn ich mich am Schreibtisch großen, ernsten Dingen zuwenden will, stürmt sie klein und heiter zum Schreibtisch und fordert mit den Worten Papa Schifahrer zeichnen! meine Aufmerksamkeit, meine Zeit, meine Vaterliebe und mein Vaterseufzen ein, unseren täglichen Schifahrer gib uns heute.

Aus den Boxen des CD-Players kommt Tschotscholossa, während ich Schifahrer zeichne. Das ist ein Begräbnislied aus Zimbabwe zum Mitpfeifen und zum Mitschunkeln und das Lieblingslied meiner kleinen Tochter, die ist ethnologisch und mythologisch freilich noch unbedarft. Auch mir gefällt Tschotscholossa so gut, dass ich Tschotscholossa anlässlich der standesamtlichen Trauung mit meiner Frau spielen habe lassen - kirchlich bin ich ja nach wie vor nicht verheiratet und lebe also genau oder katholisch genommen seit einem Jahrzehnt in der Sünde, wofür ich aber durch praktisch lückenlose Monogamie härtestens bestraft werde.

Heute kennt meine Frau die nähere Bewandtnis von Tschotscholossa, denn das Begräbnislied aus Zimbabwe ist im Repertoire einer Vergnügungscombo aus Schweinfurt mit Ethnospleen, bei der eine ihrer Freundinnen singt. Aber was liegt, das pickt, und alles hätte so schön sein können, wäre ich nur nicht auf die Idee gekommen, diesen unseligen Präzedenzschifahrer zu zeichnen. Jahrein, jahraus zeichne ich, die Tochter am Schoß, Schifahrer, auch im Sommer, vor allem aber jetzt im Winter.

Nicht schon wieder Schifahrer, sag ich und stöhne. Was wäre denn zum Beispiel mit einem König, der auf den Vulkan klettert, schlag ich meiner Kleinen mit dem Hintergedanken vor, sie könnte selbst auch einmal versuchen, einen solchen König am Vulkan zu zeichnen. Kronenzeichnen ist einfach, auch Vulkanzeichnen ist einfach, und eine solche Zeichnung meiner Tochter am Hochglanzschutzumschlag meines Buches stelle ich mir recht berührend vor. Naive Malerei am Schutzumschlag würde hervorragend passen, ohne weiteres kann mein König torkeln, sein Schloss wackeln, sein Thron umfallen, die Sonne eiern, und wen kümmern Proportionen? Und außerdem: Das Künstlerfamilienimage! Die Gorgasserdynastie!

Nein, kein Bergsteigerkönig, sagt die Kleine, vor Vulkanen hab ich Angst! Schifahrerzeichnen, Papa, Schifahrerzeichnen! Wir haben schon ein ganzen Karton voll vergilbender Schifahrer am Dachboden, aber meine Tochter hat noch immer nicht genug. Dabei ist ein Schifahrer wie der andere, und es sind keine schönen Schifahrer, die ich zeichne, nicht einmal glaubhafte. Der Sturzhelm erinnert eher an eine Mitra. Arme und Beine sind gewissermaßen an den Rumpf genagelte Holzbretter, die Oberschenkel Osterschinken, die Schuhe umgefallene Obstkörbe, die Hände Fliegenklatschen. Nicht einmal in Zimbabwe schauen die Schifahrer so aus.

Ehrlich gestanden kann ich Schifahrer nicht leiden. Früher ja, der Heini Hemmi, der Gustav Thöni und der Herbert Plank. Das waren noch Onkels! Ingemar Stenmark, Roland Collombin, Dave Irwin! Das waren noch Persönlichkeiten, Herren der Berge, Gallionsfiguren, wenn auch als rurale Rübenzahlfiguren nicht unbedingt mondäne internationale Integrationsfiguren, so doch Schilinge zum Mitfiebern!

Heute dagegen, wenn ich ihre digitalen Kinder und Kopfkamerakindeskinder sehe, die an Tagen ohne nennenswertes Tageswachstum in sizilianischer Darmentleerungshocke talwärts jagen und jede Woche neue Namen haben, fällt mich nur noch eiskalter Ekel an. Alles Alpine und Nordische ist mir fremd geworden, und schon der Sauna entstiegen fühle ich beim mitternächtlichen Autoausgraben eine gewisse Kaltschnäuzigkeit der Heimat mir gegenüber. Jahrelang haben sich die Winter mittels Wintersport entschuldigt. Heute falle ich auf so miese Tricks wie Zwischenbestzeiten bei Hahnenkammrennen nicht mehr herein, da kann der Bundeskanzler im Auslauf noch so hopsen und jubeln und mit goldenen Tellern wacheln. Ich stelle mich gegen die Masse, ich weiß. Aber ich sage: Ein Winter ist zu überhaupt nichts gut! Ein Winter ist noch nutzloser als ein kleiner Penis. Und was soll das für ein Volk sein, dass mit Helden lebt, die gar keine sind? Oh, wir Barbaren des Nordens! Wir Odoakerverschnitte! Wir Odilokarikaturen!

Selbst Frau Gensbichler hat sich letztens sehr gewundert, dass ich diesen neuen Nationalhelden und Olympiasieger nicht kenne, der auf den Namen Maier hört, wofür er nichts kann und worüber ich mich auch gar nicht lustig machen möchte, was aber irgendwie typisch und fast ein Klischee ist. Aber das Klischee ist vom Tag seiner Geburt an mittels Bundesstempel behördlich beglaubigt und durch den Rufnamen Hermann noch zusätzlich spezialisiert, ja - wie sagt man: aufgebrochen. Maier: Ein Name, den man sich wird merken müssen. Maier: Ein Name, den man nie vergessen wird. Maier: Ein Name, den man ohne weiteres auch noch später bei den Neuauflagen und Taschenbuchausgaben dieses Buches nehmen können wird.

Maier selbst hat sich in einem Interview bereits unsterblich genannt: Religiös ist er auch noch. Das gibt es doch nicht, hat meine Lektorin gesagt, dass ich diesen famosen Allrounder nicht kenne. Alle sagen das. Ein Allrounder, soviel weiß ich, muss vom Gipfel möglichst schnell ins Tal, vom Start möglichst schnell ins Ziel kommen, und zwar im Unterschied zum Spezialisten sowohl wenn keine Stangen im Berg stecken, als auch wenn Stangen im Berg stecken, und unabhängig davon, ob die Stangen, die im Berg stecken, falls sie im Berg stecken, eng beieinander oder weit voneinander entfernt stecken. Sonst muss ein Allrounder nichts können, um ein Allrounder zu sein. Dann und wann fädelt auch ein Allrounder ein, dann spielt man Tschotscholossa.

Ich will ja nicht spotten, denn jeder hat im Leben seine Aufgabe zu erfüllen, aber mit einem Riesenslalomspezialisten möchte ich nicht tauschen. Der Maier fährt wie auf Schienen, schwärmte mir Frau Gensbichler anlässlich der letzten Manuskriptbesprechung vor, und ein Glänzen kam in ihre Pupillen, als ihr dieser Krüppel von Metapher aus dem Mund kam. Dann soll er doch zur Eisenbahn ins Burgenland gehen, hab ich gedacht. Den Heini Hemmi kenn ich, und ich zeichne plattgewalzte Schifahrer zwischen meinen Halsnasenohrenarztcanossagängen, so schlimm ist mein Leben, hab ich gesagt. Da lachte die Lektorin, so Schluss jetzt mit Small Talk, darf ich Sie übrigens darauf aufmerksam machen, dass das streng genommen keine Metapher, sondern ein Vergleich war. Sie dürfen, Sie dürfen. Schifahrerzeichnen, Sie! Hihihi! Ja, die Lektoren. Aber was tut man nicht alles für seine Kinder.

Freue ich mich schon auf später, freue ich mich schon auf die Elternsprechtage, auf die Duelle mit den in die staatlichen Fußstapfen der staatlichen Altschweinberger getretenen Jungschweinbergern. Ich untersage meiner Tochter die Teilnahme am Schulschikurs, werde ich als allererstes sagen, habe ich mich deutlich ausgedrückt? Haben Sie mich verstanden? Ich habe meine Tochter nicht zur Welt gebracht, um die Schifahrerschädelbasisbruchstatistik aufzufetten. Ich habe meine Tochter nicht zur Welt gebracht, dass sie den Schifahrerniederwalzungspistenrau... zum Opfer fällt oder von einem bestialischen talbreiten Staublawinenungeheuer in Sekundenbruchteilsschnelle metertief verschüttet, bis in die innersten Speiseröhrenverästelungen, Magenfalten und Darmschlingen hinein zuzementiert wird und hilflos einen qualvollen Erstickungstod stirbt, um mich als betroffener Elternteil über eine ins Landesstudio gelegte Leitung vom Nachrichtenmoderator aus der Bundeshauptstadt fragen zu lassen, ob die Katastrophe zu verhindern gewesen wäre und was das alles für den Tourismus bedeutet.

Was heißt: Ich kann mich doch nicht allem verschließen? Ich kann! Was heißt: Pflichtveranstaltung? Schnickschnack von Menschenhand! Ich untersage meiner Tochter die Teilnahme am Schulschikurs. Von klein auf gegen alles und jedes sein, denke ich mir, gegen Kitzbühel, gegen Garmisch, gegen Wengen! Schieben Sie sich Ihr bundesstaatliches Schiindustrielamento und den Alpenwahnsinn sonstwo hin, habe ich mich deutlich ausgedrückt? So steht es geschrieben. So soll es geschehen. Philosophus ait.

Ich kenne den Namen Maier, den Namen Maier habe ich mir gemerkt. In Garmisch hat sich Ulrike Maier das Gehirn erschüttert, den Kopf zerbrochen und eine kleine Tochter hinterlassen, das war ein Tschotscholossa beim Begräbnis. Die kleine Tochter war so klein wie meine kleine Tochter. Sie hat keinen Schoß mehr, aus dem sie gekommen ist, und alles, was sie noch sagen kann, ist: Papa, Mama zeichnen. Dreizehn goldene Teller hat das Waisenkind geerbt, und im Grund sind alle nichts wert. In Garmisch ist Maier in die Zwischenzeitnehmung gedonnert und von der Zeitnehmung direkt in die Zeitlosigkeit und Ewigkeit, missing in action, Maier tollt ins Tal, vae victis, res sequentur, die Zeitungen waren voll davon. Ich hatte damals gerade eine Kolumne in der Zeitung, und vor lauter Maiertrauerarbeit musste die Kolumne entfallen: Es war schrecklich.

Riesenslalomschlachten und Abfahrtskriege können nicht integraler Bestandteil des allgemeinen Bildungsziels sein, werde ich dem Klassenvorstand sagen, dass ihm die Lippen wackeln werden. Dasselbe gilt für Almwandertage, Stufenbarren, Schulgottesdienste und alles, was in Richtung Sadomaso geht, habe ich mich deutlich ausgedrückt? Ich warne Sie! Ich klage Sie auf Unterlassung! Ich kenne die besten Anwälte der Stadt! Ich habe Beziehungen! Freue ich mich darauf, mich als Koloss vor den selbstgefälligen Allgemeinbildungsschrebergärtnern aufzubauen und ihre selbstgefällige Schmalspurbesserwisserei Wort für Wort und Satz für Satz zu verzwergen und in Nervengeflatter zu verzaubern. Parkinson den Pädagogenunterlippen!

Die Taktik ist die, das Monster zu geben, damit die Lehrer, wenn sie im Konferenzzimmer unter sich sind, sagen: So ein Monster! Und: Impertinente Person! In aller Öffentlichkeit maßlos überschätzt! Ist das nicht der, der...? Ja, genau der! Na dann! Und: Das arme Kind! Wie das gestraft ist mit diesem Monster von Vater, da werden nicht wir auch noch...; alle disziplinatorischen und schulischen Defizite rühren ja letztlich aus dem Elternhaus, und eigentlich müssten wir nicht das Kind, sondern den Vater durchfallen lassen, aber dafür fehlt uns leider die rechtliche Voraussetzung. Nur der Zeichenlehrer sagt: Also, Schifahrer zeichnen kann die Kleine!

Schwierigkeiten werde ich natürlich auch wieder einmal haben, diese Passage bei meiner lieben Frau Gensbichler durchzubringen. Die riecht förmlich nach Gestrichenwerden, gar nicht nur, weil ich ja auch sie, die an und für sich wunderbare Frau und ganz hervorragend qualifizierte Philologin übervoll mit Sprachabenteuerlust nicht nur wie so oft hinter ihren Kulissen hervorzerre, sondern in dieser Passage als triebhaft rübezahlgeile Fernsehpistentante oute und implizit herunterputze (Herunterputzen und Herabwürdigen sind nun einmal meine Hobbys) - darüber wird sie großherzig hinwegsehen, weil das Gegenteil ja kleinkariert wäre.

Das kann sie also nicht, aber Frau Gensbichler kann sagen, dass eine Variation über Wintersport beim besten Willen nicht in einen Roman über Gorgias, Sizilien und das antike Griechenland passt. Hier stimmt vorne und hinten ganz einfach nichts zusammen. Das weiß ich ja, dass es nicht leicht ist, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, dass Sie Kundendienstprosa verabscheuen - Wortschatzübungsgroßwahnwitz - wie Sie sagen. Ich weiß ja, dass Sie Ihre eigenen Geschichten unentwegt unterwandern, desavouieren, boykottieren wollen. Aber ewig kann ich Ihnen Ihre Universalausrede auch wieder nicht durchgehen lassen, dass Sie einen zweieinhalb Jahrtausende alten letzten Willen zu respektieren, ein Vermächtnis zu erfüllen haben und ja gerade Geschichten schreiben müssen und wollen, in denen vorne und hinten nichts stimmt und alles kaputt ist. Dann wäre ich ja fehl am Platz. Und das mit der Kinderzeichnung am Schutzumschlag können Sie sich gleich wieder aus dem Kopf schlagen, Gorgasser! Wir wollen ja nicht, dass man Ihr Buch mit einem Kinderbuch verwechselt!

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus Egyd Gstättners neuem Roman "König des Nichts. Das atemberaubende Leben des Gorgias aus Leontinoi", der in wenigen Wochen bei der Wiener Edition Atelier erscheinen wird.

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