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Staatlich angeordneter KUNSTRAUB

Der Umgang mit "entarteter Kunst" - Beschlagnahmungen aus Museen und Privatsammlungen, denunziatorische Ausstellung samt Verkauf und Vernichtung -war nur der Auftakt der skrupellosen Aneignung von Kunstwerken durch das NS-Regime. Gleich nach dem "Anschluss" Österreichs wurden viele jüdische Kunstsammlungen offiziell geraubt. Am 18. Juni 1938 sandte Hitler über den Chef der Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers, einen folgenschweren Brief an wichtige Funktionäre wie Heinrich Himmler und Arthur Seyß-Inquart, Reichsstatthalter in Österreich: "Bei der Beschlagnahme staatsfeindlichen, im besonderen auch jüdischen Vermögens in Österreich sind u. a. auch Bilder und sonstige Kunstwerke von hohem Wert beschlagnahmt worden. Der Führer wünscht, daß diese zum großen Teil aus jüdischen Händen stammenden Kunstwerke weder zur Ausstattung von Diensträumen der Behörden oder Dienstzimmern leitender Beamten verwendet werden. Der Führer beabsichtigt, nach Einziehung der beschlagnahmten Vermögensgegenstände die Entscheidung über ihre Verwendung persönlich zu treffen. Er erwägt dabei, Kunstwerke in erster Linie den kleineren Städten in Österreich für ihre Sammlung zur Verfügung zu stellen." Wichtig dabei ist, so die Kunsthistorikerin Birgit Schwarz in ihrem Schlüsselwerk zum Thema Hitler und der Kunstraub "Auf Befehl des Führers", dass Hitler mit diesem Befehl, bekannt als "Führervorbehalt", das Vorrecht hatte, über jedes Kunstwerk zu entscheiden, damit aber sich ganz bewusst vom Vorgang des Raubes distanzierte. Die Beschlagnahmungen basierten zwar auf seinem Befehl, durften aber nicht in seinem Namen stattfinden. In den darauffolgenden Jahren wurde dieser "Führervorbehalt" in sorgfältig-gründlicher NS-Manier nach Bedarf, meist nach neuen Kriegseroberungen, ausgeweitet und erneuert.

Erste Pläne für ein künftiges Museum

Hitler wurde zwar in Braunau geboren, seine wahre Heimat war aber Linz, wo er aufwuchs und geprägt wurde. Nach Überquerung der Grenze in seiner Geburtsstadt Braunau binnen Stunden nach dem "Anschluss" wurde er am Abend begeistert in Linz empfangen. Später wurde Linz, gelegen in "Oberdonau", dem "Heimatgau des Führers", mit dem Ehrentitel "Heimatstadt des Führers" versehen und war neben Berlin, Hamburg, München und Nürnberg eine der fünf "Führerstädte". Schon am 10. April 1938 kam er im Rahmen einer Wahlkampfreise (für die Pro-forma-Volksabstimmung) erneut nach Linz und besuchte das Oberösterreichische Landesmuseum, dem er besonders verbunden war - als Realschüler war er Mitglied des Musealvereins. Dabei stießen die Klagen von Bürgermeister Wolkersdorfer über den Mangel an Kulturstätten auf offene Ohren, Hitler entwarf erste Pläne für die zukünftige Linzer Museumslandschaft. Weitere Inspirationen dafür lieferte sein Besuch in Florenz im Mai 1938 im Rahmen eines Staatsbesuchs in Italien. In den Münchner Museen, die Hitler stark geprägt hatten, waren viele Werke, die aus Florenz stammten, er fand also das, was er schon kannte, hier in noch höherer Qualität wieder.

"Sonderauftrag Linz"

Im Juli 1939 beauftragte Hitler Hans Posse mit dem Aufbau der Sammlung für das "Führermuseum" in seiner Heimatstadt Linz. Posse war eigentlich in Ungnade gefallen und im Vorruhestand, da er sich vor 1933 für die Moderne eingesetzt hatte. Hitler sah darüber hinweg, vermutlich weil Posse Schüler von Wilhelm von Bode war, der die Berliner Museen um die Jahrhundertwende aufgebaut hatte, und er als erfahrener Museumsmann über die nötige Fachkenntnis für die wichtige Aufgabe des Aufbaus einer Sammlung für das Führermuseum verfügte. Neben dem "Führervorbehalt" halfen dabei immer weiter reichende Gesetze, die den staatlichen Kunstraub legalisierten. So durften Kunstgegenstände im Wert über 1000 Reichsmark nur an staatliche Stellen, die den Preis festlegten, verkauft werden und alle möglichen Ämter mussten bedeutende Kunstwerke melden. Das Dorotheum musste Verkäufe in Frage kommender Werke unterlassen und auch bei Speditionen gelagertes Umzugsgut war betroffen. Der "Führervorbehalt" war de facto ein Vorkaufsrecht, das nicht auf rechtlichen Grundlagen, sondern allein auf der Autorität des Führers beruhte. Um die beschlagnahmten Kunstwerke (Jänner 1939 hatten die Nazis bereits Kunstwerke im Wert von rund 70 Millionen Reichsmark erbeutet) gab es trotzdem ein gewisses Gerangel. So anlässlich des Raubes der Sammlung der Familie Rothschild im Herbst 1938 (im Palais Rothschild wurde das Zentrum für jüdische Auswanderung unter Adolf Eichmann untergebracht). Begehrlichkeiten der Wiener Museen, u. a. vorgetragen durch Seyß-Inquart, wurden abgewimmelt. Hans Posse notierte in seinem Diensttagebuch den Wunsch Hitlers, in seiner Heimatstadt ein Museum "als Gegengewicht zu den großen industriellen Plänen von Linz neben anderen kulturellen Einrichtungen [zu] schaffen [ ] Im Gegensatz zu der Vergangenheit, die Wien egoistisch überfüttert, die Provinzstädte aber hat verkommen lassen. Das Linzer Museum soll nur das Beste enthalten aus allen Zeiten." Posse baut systematisch eine Sammlung auf, neben den geraubten und beschlagnahmten Kunstwerken steht ihm bald auch ein Etat für den Einkauf weiterer Werke zur Verfügung. Im Rahmen einer groß angelegten Verteilungsaktion im Herbst/Winter 1940/41 geht das Gros an Landesmuseen, allen voran das zukünftige Führermuseum Linz. Ein Inventar des zukünftigen Museums in Linz vom 31. Juli 1940 umfasste, so Kunsthistorikerin Schwarz, 1500 Kunstwerke. Um das zu veranschaulichen, wurden dem Führer zu Weihnachten und seinem Geburtstag Fotoalben überreicht, eine Art Vorschau auf das künftige Museum in Linz -die darin abgebildeten Werke lagerten in diversen Depots. Insgesamt gibt es davon 31 (einige sind in der Gurlitt-Schau zu sehen). Nach dem Tod Hans Posses setzt der Museumsmann Hermann Voss dessen Tätigkeit fort. Obwohl bereits anlässlich Hitlers Geburtstag 1942 die 1000 Werke umfassende Sammlung für vollständig erklärt wurde, kaufte Voss in Zusammenarbeit mit Kunsthändlern, darunter Gurlitt, weiter Kunst ein, fast bis Kriegsende. Voss nannte sich "der Sonderbeauftragte für Linz", obwohl es diesen Titel eigentlich nicht gab. Voss' Chefeinkäufer in Frankreich war Hildebrand Gurlitt. Ausschussware seiner Verkäufe an den "Sonderauftrag Linz" tauchte in seiner Sammlung auf.

Arrangierte "Neuerwerbungsausstellungen"

"Kriege kommen und vergehen, was bleibt, sind einzig die Werke der Kultur", so Hitler 1942. Wenn sich ein anderer gefunden hätte, wäre er nie "in die Politik gegangen, sondern Künstler oder Philosoph geworden." Auch als die Kriegslage immer prekärer wurde, blieb das Sammeln von Kunst für Linz und darüber hinaus vorrangig. Durch aktuelle Raubkunstlisten und die Fotoalben sowie für ihn arrangierte Neuerwerbungsausstellungen in München war Hitler stets informiert. Stunden vor seinem Selbstmord vermerkte er in seinem persönlichen Testament, dass er die Kunstwerke "niemals für private Zwecke, sondern stets nur für den Aufbau einer Galerie in meiner Heimatstadt Linz a. d. Donau gesammelt [habe]. Dass dieses Vermächtnis vollzogen wird, wäre mein herzlichster Wunsch." Gebaut wurde das Linzer Museum nie.

Nach Kriegsende fanden die Alliierten 1400 Kunstdepots, in drei Vierteln davon waren Museums-und Bibliotheksbestände ausgelagert. Die Nationalsozialisten hatten zigtausende Kunstwerke, darunter unzählige Meisterwerke, in ganz Europa geraubt. Die Folgen des NS-Kunstraubes erschüttern, so die Kunsthistorikerin Birgit Schwarz, bis heute die Museen, zahllose Kunstwerke werden noch immer gesucht. Dabei lenken prominente Rückgabeverfahren und Kunstfunde wie der der Sammlung Gurlitt davon ab, dass die große Mehrzahl derer, die beraubt wurden oder zwangsweise unter Wert verkaufen mussten, brutal ermordet wurde.

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