Roberto Bolano - © Foto:  picturedesk.com / dpa / Fernando Nahuel
Literatur

Roberto Bolaño: Variationen zum 11. September

1945 1960 1980 2000 2020

Er schrieb, als wäre Literatur eine Frage auf Leben und Tod. Für Roberto Bolaño war sie es wohl auch. Die drei Erzählungen, die nun im Band „Cowboygräber“ erschienen sind, zeigen 17 Jahre nach seinem frühen Tod viel von Bolaños Poetik.

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Er schrieb, als wäre Literatur eine Frage auf Leben und Tod. Für Roberto Bolaño war sie es wohl auch. Die drei Erzählungen, die nun im Band „Cowboygräber“ erschienen sind, zeigen 17 Jahre nach seinem frühen Tod viel von Bolaños Poetik.

Auf die Frage, ob er „Chilene, Spanier oder Mexikaner“ sei, antwortete Roberto Bolaño: „Lateinamerikaner“. Und auf die Frage nach seinem „Vaterland“: „Es tut mir leid, wenn meine Antwort etwas kitschig ausfällt: Mein Vaterland sind meine beiden Kinder, Lautaro und Alejandra. Und vielleicht in zweiter Linie ein paar Straßen, Augenblicke, Gesichter, Szenen, Bücher, die ich in mir trage und eines Tages vergessen haben werde, das Beste, was man mit Vaterländern tun kann.“ Das Interview, in dem diese Sätze fielen, erschien drei Tage vor Bolaños Tod am 14. Juli 2003. (Nachzulesen in dem informativen Band „Exil im Niemandsland. Fragmente einer Autobiographie“, Berenberg 2008).

„Vaterland“ ist auch der Titel einer jener drei postum erschienenen Erzählungen, die nun auf Deutsch vorliegen. Das Buch beginnt mit dem gescheiterten Versuch, das Mutterland zu verlassen und ins Vaterland zu ziehen. Chilene, Mexikaner? Nicht nur einmal stellt sich die Frage, ohne dass eine Antwort nötig wäre. Unterschiedliche Orte prägen diese Erzählungen, allerdings nicht das Exil, in dem der Schriftsteller zuletzt lebte: Blanes in Spanien.

Auf die Frage, ob er „Chilene, Spanier oder Mexikaner“ sei, antwortete Roberto Bolaño: „Lateinamerikaner“. Und auf die Frage nach seinem „Vaterland“: „Es tut mir leid, wenn meine Antwort etwas kitschig ausfällt: Mein Vaterland sind meine beiden Kinder, Lautaro und Alejandra. Und vielleicht in zweiter Linie ein paar Straßen, Augenblicke, Gesichter, Szenen, Bücher, die ich in mir trage und eines Tages vergessen haben werde, das Beste, was man mit Vaterländern tun kann.“ Das Interview, in dem diese Sätze fielen, erschien drei Tage vor Bolaños Tod am 14. Juli 2003. (Nachzulesen in dem informativen Band „Exil im Niemandsland. Fragmente einer Autobiographie“, Berenberg 2008).

„Vaterland“ ist auch der Titel einer jener drei postum erschienenen Erzählungen, die nun auf Deutsch vorliegen. Das Buch beginnt mit dem gescheiterten Versuch, das Mutterland zu verlassen und ins Vaterland zu ziehen. Chilene, Mexikaner? Nicht nur einmal stellt sich die Frage, ohne dass eine Antwort nötig wäre. Unterschiedliche Orte prägen diese Erzählungen, allerdings nicht das Exil, in dem der Schriftsteller zuletzt lebte: Blanes in Spanien.

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Die drei Erzählungen würden Autobiografisches enthalten, heißt es, und jedenfalls spielt Bolaño hier wieder mit seinem Namen. Im titelgebenden Text „Cowboygräber“ begegnet man Arturo Belano, den Leser schon aus den Romanen „2666“ und „Die wilden Detektive“ kennen. In „Vaterland“ taucht ein Rigoberto Belano auf und in der dritten Erzählung ein Roger Bolamba. Das aber bedeutet keineswegs, dass ­Bolaño um den eigenen Bauchnabel kreist, um das eigene Leben, auch wenn es offensichtlich seine Spuren hinterlassen hat. Diese sind allerdings so bolañomäßig verwischt, dass sich die Texte nicht dazu eignen, Biografie herauszufiltern, sehr wohl aber der speziellen Poetik nachzuspüren.

Auffällig präsent ist in diesem Band das Thema Lateinamerikas schlechthin, der 11. September, und zwar jener des Jahres 1973, als das Militär die Regierung von ­Salvador Allende putschte und mit General Pinochet die Macht übernahm. Die Schrecken dieser Zeit werden wie beiläufig erzählt. So versammeln sich in „Cowboy­gräber“ ratlos Wirkende im Haus eines Kommunisten, des „Dicken“. Sie repräsentieren „fast das gesamte Spektrum der parlamentarischen und außerparlamentarischen chilenischen Linken“.

Der aus Mexiko eingereiste Ich-Erzähler wird, wohl weil man ihn für einen Ausländer hält, vom „Dicken“ beauftragt, trotz Ausgangssperre per Fahrrad „mit der Organisation“ Kontakt aufzunehmen. Er lehnt ab mit der Begründung, er kenne sich in Santiago nicht aus. Auch kein anderer will, und so verabschiedet sich der „Dicke“ von seinen Kindern und macht es selbst. „Soweit ich weiß, kam er nie wieder nach Hause zurück“, heißt es lapidar. Die Versammelten trinken weiter Tee und reden über Fußball.

Immer wieder führen Träume in die Schattenseiten der Gesellschaft, in das Verschwiegene, in die Keller, in den Untergrund.

Die zweite Erzählung, „Vaterland“, die sich aus vielen kurzen Texten zusammensetzt, beginnt sogar mit dem konkreten Datum. Ein junger Dichter steht im Landhaus eines Arztes nach durchzechter Nacht frühmorgens auf einem Stuhl und deklamiert Gedichte, während die Nachricht verbreitet wird, „in Santiago sei ein Militärputsch in vollem Gange. Blitzkrieg oder Anschluss, was spielte das für eine Rolle, die chilenische Armee marschierte.“ Fluchtartig verlassen die Gäste das Haus, während der junge Dichter weiter rezitiert, „in einen Vers verheddert, herumstotterte und in alle Ecken schaute, der Letzte, der begriff, was sich über der Republik zusammenbraute“. Später werden Auswirkungen des Putsches in einer Familie knapp zusammengefasst. Der Bruder wurde verhaftet, verprügelt, kam nach einem Monat wieder nach Hause und schwieg 30 Tage. „Meine Mutter heulte und fragte schreiend, was man ihrem Jungen angetan habe. Mein Vater musterte ihn, tastete ihn ab, sah ihm ins Gesicht und erklärte, das sei nichts, woran mein Bruder David sterben werde.“

Die Erzählweise erinnert an das Thema von Bruegels „Landschaft mit dem Sturz des Ikarus“, auf das W. H. Audens Gedicht „Musée des Beaux Arts“ Bezug nimmt, das nicht zufällig zitiert wird. Es passieren die schrecklichsten Dinge, die anderen nehmen kaum oder keine Notiz davon, das Leben geht weiter. (Das Thema kennt man auch aus Bolaños großartigem Roman „Chilenisches Nachtstück“, als Einstiegslektüre sehr zu empfehlen.) Oder, um es mit Bolaño zu sagen und mit Blick auf den Kinderhandel zum Zweck illegaler Organtransplantation: „Wir wissen, dass es das gibt, aber die Wirklichkeit ist so brutal, dass wir lieber wegschauen. So kommt die Menschheit voran.“

Das Thema Organtransplantation und Kinderhandel taucht in der Erzählung „Vaterland“ auf, wohl geschrieben zwischen 1993 und 1995. Die Wartelisten sind lang, schreibt Bolaño. Wer es sich leisten kann, fährt in eine der privaten Kliniken in die USA oder nach Kanada oder Lateinamerika. „Wenn du es dir also leisten kannst, und in den Ländern mit echter Demokratie gibt es Geld, dann ist es viel bequemer und vor allem sicherer, sich in einer der erwähnten privaten Kliniken operieren zu lassen. […] Die Liebe versetzt bekanntlich Berge und scheut keine Kosten. Die Selbstliebe oder die Kindesliebe. Die Nachfrage erschafft den Markt. Und der Markt wächst und läuft bald wie geschmiert.“ Ein knappes Jahrzehnt später wird Bolaño 50-jährig an seiner wegen einer unbehandelten Hepatitis­ geschädigten Leber sterben.

Wie in seinen anderen Werken thematisieren auch diese Texte viel Literatur – und Menschen, die über Literatur streiten oder sie analysieren. Immer wieder führen Träume in die Schattenseiten der Gesellschaft, in das Verschwiegene, in die Keller, wo man beschäftigt ist „mit komplexen heuristischen Problemen“, in den Untergrund. Immer wieder Verdunkelungsgefahr durch den Faschismus. Ganz nahe das Böse.

Auch als ironische Auseinandersetzung mit den französischen Surrealisten kann man die „Komödie vom Schrecken von Frankreich“ lesen. Diese dichte Erzählung schrieb Bolaño zwischen 2002 und 2003, kurz vor seinem Tod. Er widmete sie seinen Kindern. Also seinem „Vaterland“.

Cowboygräber - © Hanser
© Hanser
Literatur

Cowboygräber

Drei Erzählungen von Roberto Bolaño
Übers. aus dem Span. von Christian Hansen und Luis Ruby
Hanser 2020
192 S., geb., € 22,70

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