Kissinger - Die „Eiserne Lady“ ist die einzige Frau, die es in Kissingers Werk über herausragende Staatenlenker geschafft hat. Es ist vor allem ihre Fähigkeit, Massen von ihren Ideen zu überzeugen, die der Autor herausstreicht. - © Foto: Imago / stock&people

Kissinger-Buch "Staatskunst": Weltpolitische Tugenden

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Henry Kissinger stellt in „Staatskunst“ sechs Schlüsselfiguren des 21. Jahrhunderts vor. Kritiker sprechen bereits vom Vermächtnis des 99-jährigen Deutschamerikaners.

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Henry Kissinger stellt in „Staatskunst“ sechs Schlüsselfiguren des 21. Jahrhunderts vor. Kritiker sprechen bereits vom Vermächtnis des 99-jährigen Deutschamerikaners.

Henry Kissinger, 99 Jahre alt, deutschamerikanischer Politologe, Ex-US-Außenminister und Friedensnobelpreisträger, skizziert in seinem Buch „Staatskunst“ sechs Lektionen für das 21. Jahrhundert. Seine Thesen stellt er ad personam dar, indem er sechs Wegbegleiter(innen) vorstellt, die seiner Ansicht nach jeweils eine strategische Schlüsseltugend für die Staatslenkung verkörperten:

Konrad Adenauer: Demut

Der Autor hebt hervor, dass es der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland vermochte, eine scheinbar unmögliche Aufgabe zu meistern: Konrad Adenauer musste die weltweite Feindseligkeit gegenüber seiner Nation und die Orientierungslosigkeit des eigenen Volkes unter Kontrolle bekommen. Was ihm laut Kissinger vor allem durch eine Haltung, die geprägt war von Demut, gelang. Um wieder ein vertrauenswürdiger Partner zu werden, erduldete Adenauer die eigene Ohnmacht (die Teilung Deutschlands, den Abbau der industriellen Lebensgrundlage als Kriegsreparation) und versuchte, sich innerhalb Europas unterzuordnen. Adenauer gelang es schließlich, sich nach und nach eine neue, mit einer Erinnerungslast beschwerte Akzeptanz zu erarbeiten. Kissinger betont auch Adenauers Aufenthalt in der Abtei Maria Laach während der Nazizeit. Dort hatte er die Enzykliken der Päpste Leo XIII. und Pius XI. studiert, und jene dienten ihm letztendlich ein Leben lang als Fundament für seine (christlich geprägten) politischen Entscheidungen.

Charles de Gaulle: Wille

Auf Adenauer folgt Frankreichs ehemaliger Staatspräsident Charles de Gaulle. Es ist u. a. ein Zitat aus Kriegstagen, das Kissinger hervorhebt. 1940 erklärte der damalige General: „Wenn Frankreich auf der Seite des Sieges steht, wird es wieder das werden, was es vorher war, eine große und unabhängige Nation. Das, und nur das, ist mein Ziel.“

Tatsächlich verfolgte er seinen Vorsatz hartnäckig und gegen alle Widerstände. Er wehrte sich gegen die Idee, Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg treuhänderisch verwalten zu lassen. Nur eine „französische Lösung“ war er willens zu akzeptieren.

Kissinger betont, dass es de Gaulles außerordentliche Weitsicht (die Vorhersage, der Weltkrieg würde durch motorisierte Offensivkräfte entschieden, die Überzeugung, nur eine Allianz könne Hitlerdeutschland schlagen) gewesen sei, gepaart mit dessen Wille, die Souveränität Frankreichs nicht aufs Spiel zu setzen, die ihn zu einer der bedeutsamsten Führungspersönlichkeiten des 21. Jahrhunderts gemacht hat.

Richard Nixon: Gleichgewicht

Dass das Kapitel über Richard Nixon am umfangreichsten ist, brachte Kissinger international Kritik ein. Schließlich war es sein eigener Einfluss auf Nixon, der dessen Außenpolitik geprägt hatte. Somit lobt Kissinger vor allem seine Leistungen. Er zählt auf, dass Nixon das amerikanische Engagement in Vietnam beendete, die USA als führende externe Macht im Nahen Osten etablierte und den bipolaren Kalten Krieg durch die Öffnung gegenüber China in eine Dreiecksdynamik überführte. Natürlich kommt er nicht umhin, die Watergate-Affäre zu erwähnen, die Nixon schließlich das Amt kostete. Aber es wird dennoch deutlich, dass er einer der Architekten der Nixonʼschen Staatsführung gewesen ist und dieser Strategie bis heute anhängt. Die Süddeutsche Zeitung kommentierte hierzu: „Warum ausgerechnet dem charakterlosen Nixon von allen US-Nachkriegspräsidenten die Adelung zum vorbildlichen Staatsmann gebührt, bleibt ein Rätsel.“ Eine Ansicht, die wohl viele teilen werden.

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