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Unverzichtbar und unbezahlbar

Was haben ein Bettungsfahrer aus dem Bregenzerwald, der Präsident der Bregenzer Festspiele und etwa 60.000 andere Vorarlberger gemeinsam? Sie arbeiten ehrenamtlich. Das Land Vorarlberg hat eine groß angelegte Kampagne gestartet, um ihnen einmal richtig Danke zu sagen.

Elisabeth Mair ist eine vielbeschäftigte Frau: Die 27jährige studiert an der Pädagogischen Akademie und zieht ihren 4 Jahre alten Sohn groß. So ganz nebenbei ist sie auch noch Führerin bei den Bregenzer Pfadfindern. Wöchentlich veranstaltet sie die Gruppenstunden für ihre sechs- bis zehnjährigen Mädchen, zwei- bis dreimal pro Jahr geht es für einige Tage ins Pfadi-Lager. Zusätzlich treffen sich die Führer ihrer Ortsgruppe regelmäßig, jedes Jahr müssen Lose für die Pfadfinder-Lotterie verkauft werden. Bis September galt es auch noch, wenigstens ab und zu beim Neubau des Pfadfinderheims mitzuhelfen. Das haben die Bregenzer Pfadfinder im großen und ganzen in Eigenregie errichtet. Ehrenamtlich. Wie viele Stunden sie dafür aufwendet, hat Elisabeth Mair nie gezählt. Wozu auch: Es macht ihr Spaß.

Elisabeth Mair ist eine von rund 60.000 ehrenamtlich Tätigen in Vorarlberg. Diese Zahl hat der Koordinator der Aktion ”Ehrenamt - unverzichtbar, unbezahlbar!”, Alfons Kopf, ausgerechnet. Seine „grobe Schätzung” basiert auf einer Studie der Linzer Kepler-Universität zur Situation in Oberösterreich. Die Parallelen sind verblüffend: Hier wie dort kommt auf rund 100 Einwohner ein eingetragener Verein. Demnach dürfte auch der Anteil der ehrenamtlich Tätigen etwa gleich sein.

Dankeschön sagen

12,5 Millionen Stunden ehrenamtlicher Arbeit pro Jahr hat Kopfs Hochrechnung ergeben. Würde man jede Stunde auch nur mit 200 Schilling bezahlen, ergäbe das die stolze Summe von 2,5 Milliarden Schilling pro Jahr. „Das ist sicher die untere Grenze”, glaubt Kopf. Aus den einzelnen Bereichen gibt es beeindruckende Zah len: So haben allein die 120 Feuerwehren des Landes im vergangenen Jahr mehr als 300.000 Stunden unbezahlt gearbeitet. Rot-Kreuz-Präsident Fredy Mayer rechnet vor, daß jeder

'seiner freiwilligen Helfer 1996 rund 240 Stunden mitgearbeitet hat. Das entspricht sechs Arbeitswochen pro Helfer.

Der Vorarlberger Landeshauptmann Herbert Sausgruber hat die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer zu seinem besonderen Schwerpunktthema gemacht. „Es ist in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit besonders wichtig, daß noch andere Werte zählen als das Geld”, meint der Landeshauptmann. „Ein Gemeinwesen funktioniert nur, wenn immer wieder Menschen dazu bereit sind, unentgeltlich in den Dienst der Allgemeinheit zu treten. Unser Leben wäre arm ohne die zahlreichen freiwilligen Aktivitäten der Vereine.”

Tatsächlich hätte ein Streik der Ehrenamtlichen in Vorarlberg unabsehbare Folgen: Die Kirchenorgeln blieben stumm, Pfarrbibliotheken ge schlössen, ein Großteil der Rettungsautos unbesetzt. Feuerwehren gäbe es gar keine, natürlich auch keine Feuerwehrfeste. Alle Chor-, und Blasmusikkonzerte, Jungschar- und Pfadfinderstunden fielen aus. Krankenschwestern, die in den zahlreichen Krankenpflegevereinen des Landes angestellt sind, könnten plötzlich nicht mehr bezahlt werden.

Ihnen allen möchte Sausgruber mit der auf ein halbes Jahr angelegten Aktion „Ehrenamt - unverzichtbar, unbezahlbar!” „ein Dankeschön sagen”.

Geplant sind rund ein Dutzend Veranstaltungen für die ehrenamtlich Tätigen aus den verschiedensten Bereichen. Sie sollen außerdem in Zeitungsanzeigen vorgestellt werden. „Vorarlberger Nachrichten” und ORF wollen die Aktion auch redaktionell begleiten.

Daß beim Thema tatsächlich weitgehend ein gesamtgesellschaftlicher Ronsens herrscht, beweist eine Umfrage im Landtag: Alle Klubobleute bewerten die Kampagne insgesamt positiv, der Opposition von SPÖ und Grünen geht sie sogar zuwenig weit. „Die Erwerbsarbeit steht noch immer viel zu sehr im Zentrum. Dabei wäre sie ohne die informelle Arbeit - also zum Reispiel Hausarbeit oder Ehrenämter - gar nicht möglich”, meint der grüne Klubobmann Christian Hörl.

Ähnlich argumentiert auch die Klubobfrau der Sozialdemokraten im Vorarlberger Landtag, Angelika Fußenegger, allerdings warnt sie davor, „daß speziell im Sozialbereich Tätigkeiten nicht in den ehrenamtlichen Bereich abgedrängt werden dürfen, die von der öffentlichen Hand gemacht werden müssen”.

Daß Lob allein zuwenig wäre, ist Koordinator Alfons Kopf bewußt. Er hat deshalb auch konkrete Angebote vorbereitet: Seminare für Sozialmanagement, Öffentlichkeitsarbeit, Mit-arbeiterwerbung, Gesprächsführung oder Konfliktbewältigung sollen den vielen Freiwilligen helfen, ihre Aufgaben besser zu bewältigen. Kopf: „'Wir wollen ihnen ja nicht nur auf die Schulter klopfen, sondern auch ganz konkrete Angebote machen.”

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