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Dantes Hölle

DISKURS
Hölle - © Foto: Pixabay

Keine Aufnahme in katholischer Schule: Wo Hell nach Hölle klingt

1945 1960 1980 2000 2020

In Melbourne darf mein Großneffe nicht in die katholische Schule - wegen seines Namens.

1945 1960 1980 2000 2020

In Melbourne darf mein Großneffe nicht in die katholische Schule - wegen seines Namens.

Hell zu heißen, ist im englischen Sprachraum ziemlich komisch, da denkt man gleich an Flüche wie "Go to hell!" oder "Hell and damnation!" Und in katholischen Zusammenhängen kann das einigermaßen unangenehm werden. Als ich 1997 in Sydney Kardinal Clancy interviewte, wusste ich, dass ich mich ihm nicht kommentarlos vorstellen konnte. Aber der Kardinal konnte gut genug Deutsch, um die Bedeutung meines Familiennamens zu verstehen, und so war mit einem kleinen Scherz alles erledigt.

Für meinen Bruder, der seit 1959 in Melbourne lebt, war es nicht immer so einfach. "Ihr Name klingt wie, Scheiße' für mich", sagte ihm einmal ein katholischer Priester. Und mein Neffe Alex Hell, Jahrgang 1962, hatte in seiner katholischen Schule einiges zu leiden an seinem Namen. Aber aus Überzeugung wollte er jetzt seinen fünfjährigen Sohn trotzdem in einer katholischen Schule einschreiben. Doch das ging gründlich schief.

Kein Platz für Max Hell

"Ein komischer Name", meinte Michael McGrath, der Leiter der St Peter Apostle Primary School im Stadtteil Hoppers Crossing in West-Melbourne, als der kleine Max Hell angemeldet werden sollte. So dachten seine Eltern zunächst daran, ihn unter dem Mädchennamen der Mutter, Wembridge, einschreiben zu lassen, um ihm zu ersparen, gehänselt und lächerlich gemacht zu werden. Aber schon am nächsten Tag gingen sie zur Schule zurück, um die Namensänderung zurückzunehmen, denn der Name drückt die Identität aus und ist die letzte Verbindung zur österreichischen Herkunft.

Name ist Herkunft

Von den fünf Kindern meines Bruders hat es Alex 1994 bislang als einziger geschafft, Salzburg, die alte Heimat seines Vaters, zu besuchen. Meine Mutter, damals schon 81 Jahre alt, begleitete ihren Enkel nach Rußbach am Paß Gschütt - aus dem kleinen Dorf 60 Kilometer südlich von Salzburg kommt unsere Familie. Sie hat ihm von seinen Vorfahren erzählt und am Kriegerdenkmal von Rußbach den Namen ihres Bruders Max Hell gezeigt, der mit 17 Jahren im Zweiten Weltkrieg von einer Granate zerrissen wurde. Damals hat Alex den Entschluss gefasst: sollte er einmal einen Sohn haben, würde er ihn nach diesem Onkel taufen. Und sich daran erinnert, als vor fünf Jahren sein Sohn zur Welt kam.

Fremde Namen sind in Australien keine Seltenheit. In den 1950er und 60er Jahren wurden sie oft noch anglisiert, aber heute versteht sich Australien längst als Einwanderungsland und ist stolz auf seinen Multikulturalismus. Und gerade die Katholiken sind selten von englischer Herkunft: Traditionell kamen sie aus Irland und Italien, heute oft aus den Philippinen. Fremde Namen sind also kein Problem. Nur Hell sollte man halt nicht heißen in katholischen Kreisen.

Ohne Namensänderung keine Aufnahme in die katholische Schule. "Wir handeln im besten Interesse des Kindes", erklärte Schulleiter McGrath. Und zu den Eltern meinte er: "Sie haben selber die Rute für Ihren Sohn geflochten."

Jetzt schaltete mein Neffe die Medien ein, und die reagierten prompt. Alex wurde im australischen Radio interviewt, auflagenstarke Zeitungen berichteten - nicht nur in Australien, sondern weltweit. Im deutschsprachigen Raum waren es meist Agenturmeldungen, nur die Presse brachte am 12. Juli einen Bericht ihres Korrespondenten Boris E. Behring, der allerdings vom Herkunftsort bis zu den Jahreszahlen der Familiengeschichte alles verwechselt hat.

Vor den Medien ging die katholische Schule in die Knie. Max Hell sei herzlich willkommen, hieß es plötzlich. Sogar der diözesane Schulamtsleiter Stephen Elder bestätigte: Die Schule hat der Einschreibung zugestimmt. Doch da wollten seine Eltern nicht mehr. Sie waren enttäuscht, fühlten sich schikaniert und spürten, dass der Sinneswandel nur infolge des Mediendrucks, aber nicht aus Überzeugung zustande gekommen war.

Medienrummel erfolgreich

Aber mein Neffe Alex ist ein hartnäckigerer Katholik als ich. Er suchte eine andere katholische Schule. Dort hieß es: Leider kein Platz mehr. Über Freunde erfuhr Alex dann, dass gleichzeitig ein anderes Kind sehr wohl aufgenommen wurde. Jetzt wird Max weiter in die öffentliche Schule gehen, in der er eben seine Vorschulklasse absolviert.

Noch versteht Max den Konflikt um seinen Namen nicht. Aber am letzten Wochenende, so erzählte mir Alex am Telefon, hat er erstmals seine Eltern gefragt: "Bin ich berühmt?" Sie haben ihm geantwortet: "Ja Max, das bist du. Weil du Max Hell heißt." Gibt man seinen Namen in Google ein, sieht man, dass sie recht haben.

Die katholische Hölle

Aber nicht um die Bekanntheit geht es meinem Neffen und seiner Frau Sue, sondern dass ihr Name und die Herkunft der Familie akzeptiert werden. Darum haben sie den einfachen Weg, die Namensänderung, verworfen und wollen dafür kämpfen, dass ihre drei Kinder auch im katholischen Umfeld mit ihrem Namen akzeptiert werden. Schon Alex hat als Kind die Erfahrung gemacht: Witze gab es oft mit diesem Namen, aber verspottet wurde er nur im katholischen Milieu. Da ist halt mit der Hölle nicht zu spaßen.

Oft haben wir Hells in Australien erklärt, dass unser Name eigentlich "light" oder "bright" bedeutet. Dass mehr Menschen in Downunder Deutsch lernen, ist nicht zu hoffen. Aber dass der australische Katholizismus keine Angst mehr hat vor einem "höllischen" Namen, das vielleicht doch. Aber dafür wird wohl auch Max noch einige Sträuße zu fechten haben.

Hell zu heißen, ist im englischen Sprachraum ziemlich komisch, da denkt man gleich an Flüche wie "Go to hell!" oder "Hell and damnation!" Und in katholischen Zusammenhängen kann das einigermaßen unangenehm werden. Als ich 1997 in Sydney Kardinal Clancy interviewte, wusste ich, dass ich mich ihm nicht kommentarlos vorstellen konnte. Aber der Kardinal konnte gut genug Deutsch, um die Bedeutung meines Familiennamens zu verstehen, und so war mit einem kleinen Scherz alles erledigt.

Für meinen Bruder, der seit 1959 in Melbourne lebt, war es nicht immer so einfach. "Ihr Name klingt wie, Scheiße' für mich", sagte ihm einmal ein katholischer Priester. Und mein Neffe Alex Hell, Jahrgang 1962, hatte in seiner katholischen Schule einiges zu leiden an seinem Namen. Aber aus Überzeugung wollte er jetzt seinen fünfjährigen Sohn trotzdem in einer katholischen Schule einschreiben. Doch das ging gründlich schief.

Kein Platz für Max Hell

"Ein komischer Name", meinte Michael McGrath, der Leiter der St Peter Apostle Primary School im Stadtteil Hoppers Crossing in West-Melbourne, als der kleine Max Hell angemeldet werden sollte. So dachten seine Eltern zunächst daran, ihn unter dem Mädchennamen der Mutter, Wembridge, einschreiben zu lassen, um ihm zu ersparen, gehänselt und lächerlich gemacht zu werden. Aber schon am nächsten Tag gingen sie zur Schule zurück, um die Namensänderung zurückzunehmen, denn der Name drückt die Identität aus und ist die letzte Verbindung zur österreichischen Herkunft.

Name ist Herkunft

Von den fünf Kindern meines Bruders hat es Alex 1994 bislang als einziger geschafft, Salzburg, die alte Heimat seines Vaters, zu besuchen. Meine Mutter, damals schon 81 Jahre alt, begleitete ihren Enkel nach Rußbach am Paß Gschütt - aus dem kleinen Dorf 60 Kilometer südlich von Salzburg kommt unsere Familie. Sie hat ihm von seinen Vorfahren erzählt und am Kriegerdenkmal von Rußbach den Namen ihres Bruders Max Hell gezeigt, der mit 17 Jahren im Zweiten Weltkrieg von einer Granate zerrissen wurde. Damals hat Alex den Entschluss gefasst: sollte er einmal einen Sohn haben, würde er ihn nach diesem Onkel taufen. Und sich daran erinnert, als vor fünf Jahren sein Sohn zur Welt kam.

Fremde Namen sind in Australien keine Seltenheit. In den 1950er und 60er Jahren wurden sie oft noch anglisiert, aber heute versteht sich Australien längst als Einwanderungsland und ist stolz auf seinen Multikulturalismus. Und gerade die Katholiken sind selten von englischer Herkunft: Traditionell kamen sie aus Irland und Italien, heute oft aus den Philippinen. Fremde Namen sind also kein Problem. Nur Hell sollte man halt nicht heißen in katholischen Kreisen.

Ohne Namensänderung keine Aufnahme in die katholische Schule. "Wir handeln im besten Interesse des Kindes", erklärte Schulleiter McGrath. Und zu den Eltern meinte er: "Sie haben selber die Rute für Ihren Sohn geflochten."

Jetzt schaltete mein Neffe die Medien ein, und die reagierten prompt. Alex wurde im australischen Radio interviewt, auflagenstarke Zeitungen berichteten - nicht nur in Australien, sondern weltweit. Im deutschsprachigen Raum waren es meist Agenturmeldungen, nur die Presse brachte am 12. Juli einen Bericht ihres Korrespondenten Boris E. Behring, der allerdings vom Herkunftsort bis zu den Jahreszahlen der Familiengeschichte alles verwechselt hat.

Vor den Medien ging die katholische Schule in die Knie. Max Hell sei herzlich willkommen, hieß es plötzlich. Sogar der diözesane Schulamtsleiter Stephen Elder bestätigte: Die Schule hat der Einschreibung zugestimmt. Doch da wollten seine Eltern nicht mehr. Sie waren enttäuscht, fühlten sich schikaniert und spürten, dass der Sinneswandel nur infolge des Mediendrucks, aber nicht aus Überzeugung zustande gekommen war.

Medienrummel erfolgreich

Aber mein Neffe Alex ist ein hartnäckigerer Katholik als ich. Er suchte eine andere katholische Schule. Dort hieß es: Leider kein Platz mehr. Über Freunde erfuhr Alex dann, dass gleichzeitig ein anderes Kind sehr wohl aufgenommen wurde. Jetzt wird Max weiter in die öffentliche Schule gehen, in der er eben seine Vorschulklasse absolviert.

Noch versteht Max den Konflikt um seinen Namen nicht. Aber am letzten Wochenende, so erzählte mir Alex am Telefon, hat er erstmals seine Eltern gefragt: "Bin ich berühmt?" Sie haben ihm geantwortet: "Ja Max, das bist du. Weil du Max Hell heißt." Gibt man seinen Namen in Google ein, sieht man, dass sie recht haben.

Die katholische Hölle

Aber nicht um die Bekanntheit geht es meinem Neffen und seiner Frau Sue, sondern dass ihr Name und die Herkunft der Familie akzeptiert werden. Darum haben sie den einfachen Weg, die Namensänderung, verworfen und wollen dafür kämpfen, dass ihre drei Kinder auch im katholischen Umfeld mit ihrem Namen akzeptiert werden. Schon Alex hat als Kind die Erfahrung gemacht: Witze gab es oft mit diesem Namen, aber verspottet wurde er nur im katholischen Milieu. Da ist halt mit der Hölle nicht zu spaßen.

Oft haben wir Hells in Australien erklärt, dass unser Name eigentlich "light" oder "bright" bedeutet. Dass mehr Menschen in Downunder Deutsch lernen, ist nicht zu hoffen. Aber dass der australische Katholizismus keine Angst mehr hat vor einem "höllischen" Namen, das vielleicht doch. Aber dafür wird wohl auch Max noch einige Sträuße zu fechten haben.

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