Hallo Christkind!

Papi bekommt heuer hoffentlich den roten Porsche, der ihm von seinem Psychiater wegen seiner Midlife-Crisis verschrieben wurde. Mami den „Gucci-Fetzen“, von wegen der Steigerung ihres Selbstwertgefühls. Mein Bruder Schorschi, der zurzeit nicht ansprechbar ist, weil er sich vollgekokst schon beim dritten Frühstückspunsch übergeben hat, bekommt ein Appartement im 130. Stockwerk des neuen Hochhauses am Heumarkt. Papi hat es billig erworben, weil er eine Freundin in der Partei hat, die er einen super Hasen nennt. So gut wie heuer ist es uns noch nie gegangen. Wir sind einander völlig wurscht und fad ist uns trotzdem nie. Immer öfter gehen die Eltern aufeinander los. Als Papi sein Steak Sonntag nicht blutig bekam, schlug er der Mama die Nase blutig, worauf sie ihn mit dem Küchenmesser bedroht hat. Jetzt will er mit Mami zu Weihnachten für drei Tage auf die Seychellen fliegen. Er sagt, da wäre dann wieder alles gut. Ich weiß nicht, was ich mir wünschen soll, weil ich ja schon alles habe. Unlängst ist Mami in der Küche gesessen und hat geweint. Ihr fehle das Leben, das sie früher gehabt hätten, sagte sie. „Da hatten wir kaum das Geld, einzuheizen. Die Wohnung war so klein, dass uns die Decke auf den Kopf fiel, und der Fernsehapparat war meist kaputt. Wir sind mit unseren Nachbarn im Wienerwald Rodeln gegangen und haben viel gelacht. Im Sommer waren wir an der Alten Donau, das war für uns Kinder ein Paradies. Wir hatten nur einen VW-Käfer, konnten uns keinen Urlaub leisten und haben von einem besseren Leben geträumt.“ Sie hätte so etwas wie eine Sehnsucht gehabt und das hätte sie damals auch dem Christkind geschrieben. Ich kann mir so eine Sehnsucht gar nicht vorstellen, weil ich ja, wie gesagt, alles habe. Ich wünsche sie mir aber, denn sie ist bestimmt etwas ganz Besonderes. Danke, liebes Christkind!

Deine Karin

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