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Am Ende der Stange der Gurt und am Gurt endlich die ältere Dame

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Die Erzählung gewann einen der fünf Preise des von der FURCHE und vom Verlag Styria veranstalteten Wettbewerbes für „Christliche Literatur".

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Die Erzählung gewann einen der fünf Preise des von der FURCHE und vom Verlag Styria veranstalteten Wettbewerbes für „Christliche Literatur".

Manchmal lächelten im flachen Teil des Schwimmbeckens stehende Schwimmer über die ältere Dame, die im Stadtbad-Mitte, einmal in der Woche allerlei Anstrengungen auf sich nahm, um das Schwimmen zu erlernen. Dabei fiel weniger die ältere Dame auf, sondern ihre Abhängigkeit vom Schwimmlehrer.

Da an einer weißlackierten Türe, die von der Schwimmhalle zugänglich war, „Schwimmeister" stand und darüber „Werner Klopfer", begnüge ich mich im Laufe der Geschichte mit „Klopfer".

Klopfer stand am Beckenrand und hielt eine weiße Stange in beiden Händen. Am Ende dieser Stange war ein Gurt befestigt, an dem die ältere Dame hing. Scheinbar mühelos hielt Klopfer an der Stange die ältere Dame mit dem Kopf über dem Wasser, und die Ärmste, mit immer wieder viel, ja zu viel Wasser im Mund, bewegte hastig Arme und Beine.

Sie unternahm unbeschreibba-re Anstrengungen, so daß es aus einiger Entfernung schien, als könne sie jedem Wettschwimmer Konkurrenz machen, hätte sie nur die notwendige Technik beherrscht. Ganz abgesehen davon, schaffte sie es bisher nicht einmal, sich allein durch ihre Schwimmbewegungen über Wasser zu halten.

Vielleicht lag es an Klopfer, der ständig auf die ältere Dame einredete, während sie gegen die von anderen Schwimmern erzeugten kleinen Wellen anschwamm, drängte dabei mit dem Kinn über Wasser, was ihr nur in den kaum wahrnehmbaren Wellentälern gelang, wenn Sie damit einverstanden sind, daß ich diese Situation mit diesem Bild verdeutliche.

Und so war es ein ständiges Auf und Nieder, und Klopfer oben am Beckenrand ging leicht in die Hocke, wenn er eindringlicher zu reden begann.

Dabei verlor der Verbindungsgurt zwischen Dame und Stange an Straffheit, und sie, sie wurde gänzlich vom Wasser überflutet. Bis Klopfer einsah, daß er so das Interesse der älteren Dame nicht wecken könnte, war sie — bedingt durch sein Aufrichten — wieder mit ihrem Kopf über Wasser, hustete, schluckte erneut Wasser und steigerte dabei ihr außergewöhnlich hohes Tempo.

Dies war ihre einzige Reaktion. Ihr Vertrauen in ihren Schwimmlehrer schien nicht erschüttert zu sein.

Zeiten gab es, da schaute Klopfer gelangweilt aus, zwar immer auf die ältere Dame am Ende der Stange mit Gurt einredend, jedoch, sooft ich zuschaute, achtete er immer weniger darauf, ob ihm die ältere Dame überhaupt zuhörte.

Der Winter war vorüber, und es dauerte höchstens noch zwei, drei Monate, bis die Freiluftsaison begann. Doch die ältere Dame mühte sich noch immer, schlug ihre Beine zusammen, daß das Wasser aufspritzte. Ihre Schwimmbewegungen zeigten weiterhin keinerlei Sinn für das Notwendige. Klopfer führte sie im Gehen, wie schon während der Ubungsstun-den vorher, um das gesamte rechteckige Becken.

Ein-, zweimal war mir aufgefallen, daß Klopfer nicht mehr so aufmerksam auf seinen Schützling am Ende der Stange mit Gurt achtete. Einmal, es war glaube ich beim letzten Mal, als ich die ältere Dame im Schwimmbecken üben sah, sprangen zwei Jugendliche unter dem Beifall einiger Mädchen vom seitlichen Beckenrand kopfüber ins Wasser, was ja, deutlich lesbar, verboten ist.

Klopfer lief vier, fünf Schritte in Richtung des Tatortes, bevor er merkte, daß dadurch die ältere Dame erheblich unter Wasser geraten war.

Mit einem kräftigen Ruck zog er sie hoch. Sie hustete nur sehr schwach, und ihrem erschöpften Aussehen nach mußte sie viel Wasser geschluckt haben.

Ihre weiteren Versuche an diesem Abend waren nicht mehr so ungestüm, eher resigniert und müde. Sie machte weiter Arm-und Beinbewegungen, nur die Hast der ersten Ubungsstunden fehlte, und das war es auch, was mir auffiel. Wieder gelang es ihr nur mit Klopfers Hilfe, den Kopf nicht nur in den flachen Wellentälern über Wasser zu halten. Klopfer dagegen, vielleicht mit einem schlechten Gewissen, redete wieder wie anfangs eindringlich und ohne Pausen auf die ältere Dame ein.

Und diese, durch seine Auf- und Niederbewegungen bedingt, geriet wieder häufiger unter Wasser und konnte so nicht erkennen, daß er ihr unbedingt was zu sagen hatte.

Als Klopfer bemerkte, wie zwecklos seine Bemühungen waren, bat er einen anderen Schwimmeister, für ihn die Stange zu halten. Während sein Stellvertreter die Stange hielt, kniete sich Klopfer am Beckenrand nieder und sprach längere Zeit auf die ältere Dame ein, die sozusagen auf der Steele im Wasser hing. " Viele Schwimmer, darunter auch ich, schwammen zwar dicht an den beiden vorbei, ja es wimmelte nur so, und es gab schmerzhafte Stöße durch Arme und Beine unter Wasser zu verschmerzen. Ich konnte kein einziges Wort von Klopfer verstehen, anderen neugierigen Schwimmern schien es ebenso ergangen zu sein.

Bald richtete Klopfer sich wieder auf, rieb mit seinen Händen intensiv seine Knie und übernahm nach einigen Worten wieder selbst die Stange aus den Händen seines Stellvertreters.

Wie vorher übte die ältere Dame mit Armen und Beinen, ohne die Bewegungen vom Ablauf her sinnvoller zu koordinieren. Klopfers Gespräch konnte sich kaum auf die Technik des Schwimmens bezogen haben.

Und wenn ich ehrlich sein will, und ich habe es mir während des Schreibens dieser Geschichte vorgenommen, dann muß ich gestehen, daß viele der bisher geschilderten Beobachtungen mir erst viel später in Erinnerung kamen. Selten war mir das eine oder andere Detail während des Zuschauens aufgefallen, meistens erst viel später beim Nachdenken darüber.

Viele Einzelheiten fielen mir überhaupt erst wieder ein, weil die ältere Dame fast drei Wochen nicht mehr übte und Klopfer wie verloren am Beckenrand herumstand, Schwimmer beobachtend, oder nervös um das Becken lief.

Die ältere Dame mußte demnach die einzige Schülerin von ihm gewesen sein, vielleicht überhaupt seine erste und einzige Schülerin, die so viel Vertrauen zu Klopfer aufgebracht hatte, um sich ihm voll auszuliefern: er oben am Beckenrand und sie am Gurt und der Gurt an der Stange, die Klopfer hoch oder tief halten konnte.

Allerdings hatte die Höhe diese unmittelbaren Auswirkungen auf die ältere Dame.

Vielleicht hätte ich meine Beobachtungen und nachträglichen Überlegungen vergessen, hätte ich die ältere Dame nicht zufällig an der Straßenbahn-Haltestelle getroffen. Es war kurz vor Weihnachten. Sie schien auf die „Acht" zu warten, wie ich. Ich schleppte die letzten Geschenke, in Päckchen und Tragetaschen verpackt.

Nun, sie konnte sich sicher nicht an mich erinnern, dafür ich mich um so genauer an sie. Ich sprach sie ohne zu zögern an, auf ihre seinerzeitigen Bemühungen bezog ich mich, das Schwimmen zu erlernen.

Sie war erstaunt, fast schien es mir, als habe sie meine Frage nach ihren Schwimmübungen etwas erschreckt. Trotzdem blieb ich dicht neben ihr, als die Straßenbahn hielt. Wir stiegen beide ein, denn es war auch meine Richtung, einen kleinen Umweg zu Fuß in Kauf nehmend.

Wir fanden einen Sitzplatz: ich ihr direkt gegenüber. Sie gestand mir, noch bevor wir die nächste Haltestelle erreichten, daß sie vom Wunsch ihrer Freunde abgekommen sei, trotz ihres Alters noch das Schwimmen zu lernen.

Vor genau zwei Jahren, sagte sie zu mir, drängten Freunde sie zu dem Versprechen, Schwimmunterricht zu nehmen. Unter den Weihnachtsgeschenken waren ein Badeanzug und eine Badehaube. Nur aus Dankbarkeit habe sie schließlich zugesagt. Trotzdem habe man sie bis zum Herbst drängen müssen, bis sie das erste Mal ins Stadtbad-Mitte ging.

Klopfer, meinte sie, habe sich bemüht, aber er mußte von Anfang ungeeignet gewesen sein, ihr das Schwimmen zu lernen. Dabei wandte sie noch ein, daß sie an den Fähigkeiten Klopfers nicht zweifle, auch heute nicht. Ihre abgebrochenen Versuche hätten nichts damit zu tun gehabt. Ich war erstaunt.

Und sie erzählte mir, daß Klopfer seine Prüfung mit einem besonders guten „Gut" bestanden habe, früher sogar einmal Wettschwimmer gewesen sei und für einen schwäbischen Verein an einer Ausscheidung für die deutschen Meisterschaften teilgenommen habe. Daß die ältere Dame über solche Detailkenntnisse verfügte, hätte ich mir nie einfallen lassen.

Ich fragte weiter, ermunterte sie, wenn sie mitten im Satz manchmal nicht mehr wußte, was sie erzählen wollte, über was wir uns unterhielten. Ganz nebenbei erwähnte sie dann, daß sie, etwa im Dezember, gute zwei Monate nach ihrer ersten Ubungsstunde bei Klopfer, zufällig in einer älteren Illustrierten ein Foto entdeckt habe, auf dem Angehörige einer Lagerbesatzung abgebildet gewesen waren, beschäftigt mit dem Aussuchen von Häftlingen, was auch die Bildunterschrift bestätigte. Jetzt fällt mir ein, ergänzte sie, daß es während der letztjährigen Weihnachtsfeiertage gewesen war, als sie das Bild entdeckte.

Nun bohrte ich weiter, spürte etwas Ungeheuerliches, drängte, denn meine Gedanken waren ihren weit voraus. Aber was hatte dieses Foto mit Klopfer zu tun, wollte ich wissen, so ungeduldig war ich.

Und sie neigte ihren Kopf sehr weit zu mir herüber und flüsterte mir ins Ohr, daß Klopfer einem Aufseher sehr ähnlich gesehen habe — was vielleicht nur auf Einbildung ihrerseits beruhte -, aber seit dem Betrachten dieser Fotos habe sie die Aussichtslosigkeit ihrer Schwimmversuche gespürt. Ja, noch viel schlimmer, ab diesem Zeitpunkt sei ihr ihre totale Abhängigkeit von Klopfer voll bewußt geworden.

Natürlich waren ihr große Zweifel gekommen, ob es richtig war, solch einem Verdacht nachzuhängen, aber er nahm überhand.

Sie suchte in ihrer Handtasche, holte eine Geldbörse heraus, und in dieser Geldbörse hatte sie das Bild aus der Illustrierten aufbewahrt. Aber da, wo Klopfers Gesicht sein sollte, hatte sich durchs häufige Falten die Druckerschwärze abgenutzt. Sie sah ein, daß ich aufgrund dieses Bildrestes ihre Befürchtung weder bestätigen noch zerstreuen konnte.

Dafür erzählte sie mir, daß sie von diesem Zeitpunkt an Klopfer ständig beobachtet habe, seine Gelassenheit und auch, mit welcher Leichtigkeit er die Stange gehalten habe: Auch war ihr nicht entgangen, daß er ständig auf sie einredete.

Um nicht zuhören zu müssen, habe sie sich immer häufiger bemüht, den Kopf unter Wasser zu halten und beim Auftauchen habe sie Klopfer aus den Augenwinkeln heraus beobachtet. Klopfer muß völlig ahnungslos gewesen sein, denn oft genug habe er sich umständlich entschuldigt, wenn sie, mit dem Kopf unter Wasser, gezwungen gewesen war, Wasser zu schlucken.

Nach verräterischen Zeichen habe sie in seinem Gesicht geforscht und nur den einen Gedanken gehabt: Klopfer müßte sich verraten -, wie, habe sie allerdings auch nicht gewußt.

So habe sie einflußreiche Freunde gebeten, nachzuforschen, woher Klopfer käme und was er während des Krieges gemacht und wo er sich aufgehalten habe. Außerdem schrieb sie an die Illustrierte und bat um nähere Informationen.

Daß sie jetzt von mir enttäuscht sein müssen, verstehe ich, sagte sie, aber sie müssen mir glauben, daß es mir keinen Augenblick lang darum gegangen war, Klopfer anzuzeigen oder so etwas ähnliches, sondern nur deshalb habe sie sich darauf eingelassen, um sich von ihrer Einbildung lösen zu können.

Ja, sie habe immer wieder gezweifelt, daß Klopfer auf dem Foto abgebildet war. Den Namen, der seinerzeit unter dem Bild gestanden habe, hatte sie vergessen, doch wäre es möglich, daß er „Fleischer" oder „Schleifer" geheißen habe.

Noch während sie ausstieg, rief sie mir zu, daß sich ihr Verdacht nicht bestätigt habe und daß sie sich alles nur eingebildet haben müsse, weil sie oft Einbildung und Erinnerung nicht mehr zu unterscheiden wisse. Vor allem habe sie auch darunter gelitten, Klopfer so zu verdächtigen, denn die Bergpredigt habe ihr stets viel bedeutet und auch die Thesen Luthers, die Nächstenliebe betreffend.

Und so ein Verdacht gerade an Weihnachten, fügte sie noch hinzu, aber an Weihnachten werde sie von Erinnerungen regelrecht überflutet.

Sie lachte dabei, für mich etwas zu auffällig.

„Vergessen Sie alles", rief sie mir nach innen zu, mehr konnte ich nicht verstehen, denn die Türen schlössen sich automatisch.

Verständlicher wurden mir jetzt ihre hastigen Bewegungen, obwohl sie ja nach diesem Verdacht nicht mehr im Stadtbad-Mitte geübt hatte. Aber mit derartigen Vermutungen hätte sie überhaupt keine Chance gehabt, sich freizuschwimmen.

An der nächsten Haltestelle stieg ich aus. Der kleine Umweg zu Fuß, trotz der vielen Gepäckstücke, störte mich nicht. Klopfers, dachte ich, Klopfers muß es viele geben, sonst hätte eine ältere Dame im Stadtbad-Mitte nicht gleich einen finden können, der ihr dazu noch das Schwimmen lernen wollte.

Aber ihre Überlegungen zur Bergpredigt, auch zur Nächstenliebe, gingen mir doch nicht so schnell aus dem Kopf. Die ältere Dame auch nicht: am Ende der Stange der Gurt und am Gurt endlich die ältere Dame.

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