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Die Angst vor der Inflation

DISKURS
Leere Regale - © Foto: iStock / narvikk

Teuerung: "Die Inflation ist ein Brennglas der Probleme"

1945 1960 1980 2000 2020

Die Inflation liegt derzeit über sieben Prozent. Die WIFO-Ökonomin Christine Mayrhuber über die soziale Dimension der Preissteigerungen und die Wichtigkeit einer Finanzhilfe für ärmere Betroffene.

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Die Inflation liegt derzeit über sieben Prozent. Die WIFO-Ökonomin Christine Mayrhuber über die soziale Dimension der Preissteigerungen und die Wichtigkeit einer Finanzhilfe für ärmere Betroffene.

Die Inflation, so sieht es aus, ist gekommen, um zu bleiben. Wer sind die Hauptleidtragenden, wie kann man gegensteuern und welche Maßnahmen kann der Staat setzen? Eine WIFO-Ökonomin fordert einen neuen „Teuerungsausgleich 2.0“.

DIE FURCHE: Inflation ist an sich ein Anzeichen für zu starke Nachfrage in einer Volkswirtschaft. Bei der aktuellen Inflation von an die sieben Prozent ist das aber nur ein Teil der Wahrheit. Gibt es ein Charakterbild dieser Teuerung, was ihre Ursachen betrifft?

Christine Mayrhuber: Wir sehen sowohl Nachfrage-Elemente als auch Angebots-Elemente als Ursachen. Die steigende Nachfrage nach dem Krisenjahr 2020 etwa im Bereich von Wohnungssanierungen und Baustoffen oder auch in der wieder geöffneten Gastronomie führte zu nachfragegetriebenen Preissteigerungen. Aber gleichzeitig ist es auch durch Lieferschwierigkeiten zu Angebotsbeschränkungen gekommen. Beispielsweise weil Häfen in China geschlossen waren, und Waren nicht oder nur verspätet verschifft wurden, der Stau im Suezkanal war in Europa deutlich zu spüren.

DIE FURCHE: Aber der Suezkanal war nach einigen Tagen wieder passierbar. Warum sind die Preissteigerungen dann einfach weitergegangen? Logisch wäre doch gewesen, dass die Preise sinken, wenn das Problem gelöst wird?

Mayrhuber: Es fehlten covidbedingt sowohl Importwaren als auch notwendige Transportkapazitäten. Und bei knappen Waren können die vorhandenen zu höheren Preisen verkauft werden, wenn eine starke Nachfrage vorhanden ist. Deshalb gab es auch keine Normalisierung.

DIE FURCHE: Ist das nicht ein Zeichen für höchste Anfälligkeit der globalisierten Wirtschaft, wenn ein relativ minimales Problem – wie eine Kanalblockade – ausreicht, um die ganze Welt in eine Inflationsspirale zu bringen? Da gibt es überhaupt keine Resilienz.

Mayrhuber: Es war nicht nur die Kanalblockade. Die Abhängigkeiten in der globalen Wirtschaft wurden schon in der ersten Coronawelle sichtbar, als etwa klar wurde, dass Europa nicht imstande war, seinen Schutzmaskenbedarf selbst zu produzieren. Dieses System der weltweiten Arbeitsteilung in Verbindung mit einer Just-in-Time Produktion, also kaum noch Lager und Vorratshaltung, war und ist der Nachteil, der in der gegenwärtigen Situation auch sehr offensichtlich wurde.

Die Inflation, so sieht es aus, ist gekommen, um zu bleiben. Wer sind die Hauptleidtragenden, wie kann man gegensteuern und welche Maßnahmen kann der Staat setzen? Eine WIFO-Ökonomin fordert einen neuen „Teuerungsausgleich 2.0“.

DIE FURCHE: Inflation ist an sich ein Anzeichen für zu starke Nachfrage in einer Volkswirtschaft. Bei der aktuellen Inflation von an die sieben Prozent ist das aber nur ein Teil der Wahrheit. Gibt es ein Charakterbild dieser Teuerung, was ihre Ursachen betrifft?

Christine Mayrhuber: Wir sehen sowohl Nachfrage-Elemente als auch Angebots-Elemente als Ursachen. Die steigende Nachfrage nach dem Krisenjahr 2020 etwa im Bereich von Wohnungssanierungen und Baustoffen oder auch in der wieder geöffneten Gastronomie führte zu nachfragegetriebenen Preissteigerungen. Aber gleichzeitig ist es auch durch Lieferschwierigkeiten zu Angebotsbeschränkungen gekommen. Beispielsweise weil Häfen in China geschlossen waren, und Waren nicht oder nur verspätet verschifft wurden, der Stau im Suezkanal war in Europa deutlich zu spüren.

DIE FURCHE: Aber der Suezkanal war nach einigen Tagen wieder passierbar. Warum sind die Preissteigerungen dann einfach weitergegangen? Logisch wäre doch gewesen, dass die Preise sinken, wenn das Problem gelöst wird?

Mayrhuber: Es fehlten covidbedingt sowohl Importwaren als auch notwendige Transportkapazitäten. Und bei knappen Waren können die vorhandenen zu höheren Preisen verkauft werden, wenn eine starke Nachfrage vorhanden ist. Deshalb gab es auch keine Normalisierung.

DIE FURCHE: Ist das nicht ein Zeichen für höchste Anfälligkeit der globalisierten Wirtschaft, wenn ein relativ minimales Problem – wie eine Kanalblockade – ausreicht, um die ganze Welt in eine Inflationsspirale zu bringen? Da gibt es überhaupt keine Resilienz.

Mayrhuber: Es war nicht nur die Kanalblockade. Die Abhängigkeiten in der globalen Wirtschaft wurden schon in der ersten Coronawelle sichtbar, als etwa klar wurde, dass Europa nicht imstande war, seinen Schutzmaskenbedarf selbst zu produzieren. Dieses System der weltweiten Arbeitsteilung in Verbindung mit einer Just-in-Time Produktion, also kaum noch Lager und Vorratshaltung, war und ist der Nachteil, der in der gegenwärtigen Situation auch sehr offensichtlich wurde.

Ärmere Haushalte konnten schon 2020 – vor der Inflation ihre Ausgaben mit dem verfügbaren Einkommen nicht decken.

DIE FURCHE: Das heißt, wir reden immer von epochalen Ereignissen, Covid, Ukrainekrieg etc., die die Inflation verursacht hätten, aber eigentlich stehen ganz fundamentale Fehler des Systems im Hintergrund?

Mayrhuber: Ich würde nicht von einem fundamentalen Fehler sprechen, da in der Vergangenheit gerade Europa Vorteile aus der globalen Arbeitsteilung gezogen hat. Der europäische Wohlstand beruht auch auf der Globalisierung. Die Nachteile der strukturellen weltweiten Verflechtungen und die globalen Abhängigkeiten von Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas haben wir in der Theorie immer gewusst. Aber Ausmaß und Geschwindigkeit sowie die gegenwärtige Dynamik, waren dann doch auch für Ökonomen überraschend.

DIE FURCHE: Gewöhnlich wird unterschieden zwischen gefühlter und realer Inflation. Welcher Art sind Inflationsgefühle?

Mayrhuber: Die Inflationsrate ist ein hoch abstraktes Konstrukt, in das über 700 Produkte und Dienstleistungen einfließen. Wenn ich alle darin enthaltenen Produkte konsumiere, dann entspricht die reale Inflation in etwa meiner persönlichen Inflation. Tatsächlich unterscheidet sich das Konsummuster der Haushalte deutlich. In den ärmsten 10 Prozent der Haushalte stellen Wohnkosten 28 Prozent und Lebensmittel 17 Prozent der Konsumausgaben dar, bei den reichsten 10 Prozent sind es 13 Prozent bzw. 10 Prozent. Steigende Lebensmittelpreise oder Mieten treffen damit ärmere Haushalte stärker.

DIE FURCHE: Wie kann man sich diese Gruppe vorstellen.

Mayrhuber: Die genannten Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2020, also auf einen Zeitpunkt, als die Inflation noch niedriger war. Ärmere Haushalte konnten schon damals – noch vor den aktuellen Preissteigerungen – ihre Konsumausgaben nicht mit ihrem Einkommen decken. Sie brauchten Ersparnisse auf oder waren auf familieninterne Transfers angewiesen. Diese Gruppe trifft die Teuerung derzeit extrem, sie müssen sich weiter einschränken, auch sind Gesundheitsfolgen zu befürchten. Wer in feuchten, kalten Wohnungen leben muss, lebt sehr ungesund. Im Vergleich dazu werden die reichsten 10 Prozent der Haushalte den Lebensstandard wegen der Preissteigerungen nicht ändern müssen.

DIE FURCHE: Von wie vielen Menschen sprechen wir, die die Teuerung extrem spüren derzeit?

Mayrhuber: Es lebten 2020 rund 1,6 Mio. Menschen in jenen Haushalten, in denen das verfügbare Haushaltseinkommen für die Konsumausgaben nicht ausreichend war.

DIE FURCHE: In den vergangenen Jahren hieß es, wer Inflation vermeiden möchte, kann in Immobilien und Aktien investieren. Jetzt geht die Angst vor einer Stagflation um, also ein Nachfrage- und Konjunktureinbruch bei gleichzeitiger Inflation. Sind diese Anlageformen dann auch kein sicherer Hafen mehr?

Mayrhuber: Das Vertrauen in die Finanzmärkte ist schon 2008, in der Finanzkrise, geschwunden. Immobilien haben als Wertanlage an Bedeutung gewonnen und wurden daher immer teurer. Das führt dazu, dass Durchschnittsverdienende sich kaum noch Immobilien leisten können, und der knappe Wohnraum führt außerdem zu steigenden Mietpreisen.

DIE FURCHE: Die Notenbanken erhöhen die Zinsen. Heizen sie damit nicht auch die Unsicherheit an, etwa an den Börsen?

Mayrhuber: Der Einfluss der Zinspolitik auf die gegenwärtige Inflation, die stark von den Energiepreisen getrieben ist, ist sehr gering. Aber grundsätzlich zeigt uns die Inflation auch wie in einem Brennglas auf, vor welchen Problemen wir stehen. Dass nämlich - trotz Klimazielen – unsere Wirtschaft auf fossilen Energieträgern beruht. Jetzt sind wir zu einem Umdenken gezwungen. Wichtig dabei ist allerdings die soziale Ausgewogenheit.

DIE FURCHE: Wie beurteilen Sie die Entlastungsmaßnahmen der Regierung, also den Teuerungsausgleich und den Energiescheck?

Mayrhuber: Der Teuerungsausgleich ist sozial treffsicher, er geht an die ärmsten Haushalte.

DIE FURCHE: Es geht da um 300 Euro Teuerungsausgleich plus 150 Euro Energiezuschuss. Wie hoch wird die Teuerung durchschnittlich ausfallen?

Mayrhuber: WIFO-Berechnungen zeigen, dass die höheren Energiepreise 2022 im Schnitt zu jährlichen Mehrausgaben von 1.300 Euro führen.

DIE FURCHE: Wie könnte der Staat außer mit weiteren Geldunterstützungsmaßnahmen noch tätig werden?

Mayrhuber: Um die Teuerung abzumildern, wäre ein Teuerungsausgleich 2.0 anzudenken, da derzeit die Einmalzahlungen die Preissteigerungen für die ärmeren Haushalte nicht abdecken. Das Problem für viele Menschen sind auch schwache Lohnentwicklungen in der Vergangenheit. Die öffentliche Hand ist ein großer Arbeitgeber und hätte die Möglichkeit, hier die Löhne direkt zu beeinflussen. Man könnte also in gewissem Sinn in Vorlage gehen.

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