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Die Kosten der Zerstörung

Niederlande - © Fotos: Hoogheemraadschap Hollands Noorderkwartier
International

Amsterdams Angst vor dem Untergang

1945 1960 1980 2000 2020

Als das sicherste Delta der Welt – so sehen die Niederlande sich selbst. Doch was, wenn das Meer so schnell steigt, dass selbst der beste Küstenschutz nicht mehr ausreicht? Bestandsaufnahmen zwischen Alarm und Routine.

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Als das sicherste Delta der Welt – so sehen die Niederlande sich selbst. Doch was, wenn das Meer so schnell steigt, dass selbst der beste Küstenschutz nicht mehr ausreicht? Bestandsaufnahmen zwischen Alarm und Routine.

Am 20. Juni steht auf der Tagesordnung des Amsterdamer Stadtrats eine bemerkenswerte Abstimmung: Abgeordnete haben einen Antrag eingereicht, wonach die Hauptstadt eine „klimatische und ökologische Krise“ ausrufen soll. „Der Klimawandel bedroht Pflanzen- und Tierarten auf der ganzen Welt mit Aussterben und bedeutet heute schon das Ende der Leben und Lebensweise vieler Menschen“, heißt es in der Begründung. Der Stadtrat nimmt den Antrag an. Amsterdam wird die erste niederländische
Kommune, die diesen Schritt geht. Wenige Tage zuvor halten Aktivisten der internationalen Bewegung Extinction Rebellion einen Trauerzug für zukünftige Opfer des Klimawandels in der Stadt ab.

Symbolisch fahren sie einen Sarg per Boot durch die Grachten, um ihn schließlich vor dem Stadthaus an der Amstel abzuladen. Es ist ein drastischer Kontrast: hier buntes Treiben von Rundfahrten und Touristen, die sorglos durch einen warmen Sonntagnachmittag flanieren, dort die stille Demonstration geschminkter Begräbnisgäste, trauernd um „das Vergehen der Stadt Amsterdam“. Die prekäre Lage der Hauptstadt ist symbolisch für das ganze Land. Dass die Niederlande, deren Gebiet zu einem Drittel unter Normal-Null liegt, überschwemmt werden könnten, nun ja: müssen, wenn der Meeresspiegel stark steigt, steht außer Frage. Doch hat diese Tatsache, verbunden mit der traumatischen Flutkatastrophe von 1953, ein unvergleichliches Niveau an Expertise hervorgebracht und die hiesigen Wasser-Ingenieure gelten im globalen Vergleich als Maß der Dinge. Wie reagiert man hier auf die unheilvollen Berichte immer schneller steigender Weltmeere?

Die Antwort ist leicht ersichtlich: mit aufgerollten Ärmeln und großen Unterhalt-Projekten. Küstenschutz in den Niederlanden ist ein ewiges Projekt. Am deutlichsten zeigt sich dies derzeit am Afsluitdijk (Abschlussdeich). Der 32 Kilometer lange Damm zwischen den Provinzen Nord-Holland und Friesland ist ein geradezu ikonisches Bauwerk, das sogar aus dem All erkennbar ist. Erbaut zwischen 1927 und 1932, trennte er die zuvor tief ins Land einschneidende Zuiderzee von der Nordsee ab und machte daraus das bei Segeltouristen beliebte IJsselmeer.

Renovierung nach strengen Normen

85 Jahre nach seiner Eröffnung ist der Abschlussdeich eine Baustelle. Bis 2022 lässt die Wasserbehörde Rijkswaterstaat ihn renovieren. Eine neue Außenverkleidung, je zwei Sielschleusen und Pumpwerke, um Wasser aus dem IJssel- ins Wattenmeer ablassen oder pumpen zu können. Programm-Manager Joost van de Beek erklärt bei einem Ortsbesuch: „Die Renovierung hat drei Gründe. Das Alter des Deichs, das Steigen des Meeresspiegels und unsere Sicherheitsnormen: Als er gebaut wurde, gab es noch keine. Jetzt werden sie immer strenger.“ In seinem Büro wirft Manager van de Beek in einer Präsentation die Details an die Wand: Der Damm wird um zwei Meter erhöht, mit Sand verbreitert und mit Steinen abgesichert. 75.000 eigens entworfene Betonbrocken, rund anderthalb Meter hoch und je sechseinhalb Tonnen schwer, bilden den Sockel der neuen Außenverkleidung.

Durch einen inneren Hohlraum kann Wasser, das die Steine überspült, nach unten wegströmen. „Damit arbeiten wir seiner natürlichen Neigung entgegen, Dinge hochzutreiben.“ Im oberen Teil des Deichs sollen andere Betonelemente, bestehend aus vier aneinandergegossenen Teilen, die Außenverkleidung bilden. Der Zwischenraum ist gerippt, um die Macht der Wellen zu brechen. „Bei einem Supersturm käme das Wasser bis hierher“ – Joost van de Beek weist auf die halbe Höhe des Deich-Modells. „Wäre diese Fläche glatt, würde das Meer darüber hinwegschlagen.“ Die Animationen zeigen, welche Register in diesem Land gezogen werden, um das Wasser hinter den Deichen zu halten. „Wir sind diese Umstände seit Jahrhunderten gewohnt. Und alle zwölf Jahre werden die Deiche gesetzlich überprüft“, so van de Beek.

Die Lage Amsterdams ist symptomatisch für die Niederlande, die zu einem Drittel überschwemmt werden könnten.

Das Schlüsselwort des niederländischen Hochwasserschutzes lautet: adaptives Delta management. „Wir gehen schrittweise vor: Erst machen wir den Deich bis 2050 beständig. Dann folgt eine neue Einschätzung. Das meteorologische Institut geht davon aus, dass der Meeresspiegel bis dahin um 35 Zentimeter steigt. Sollten es 50 Zentimeter werden, müssen wir den Deich eben anpassen.“ Und wenn diese Strategie in Zukunft nicht mehr ausreicht? „Wir haben genug Wissen, um die Deiche weiter zu erhöhen. Technisch ist alles möglich.

Wobei die Kosten natürlich steigen werden.“ Freilich teilen nicht alle im Land dieses Vertrauen. Vor einem Meeresspiegel, der nach 2050 viel schneller und heftiger steigen könnte, warnt auch das renommierte niederländische Forschungs-Institut Deltares. Immer mal wieder wird im Alltag eine Stimme laut, die anmahnt, die Niederlande dürften sich nicht in Sicherheit wiegen. Zum Beispiel in einer TV-Reportage 2018. Thema: die Oosterscheldekering, ein Sperrwerk im Südwesten des Landes und Teil der legendären Delta-Werke, errichtet nach der Katastrophe von 1953. Ingenieur Frank Spaargaren bekennt dort, sein Bauwerk sei für einen 40 Zentimeter höheren Seespiegel konzipiert: „Bei einem Meter Anstieg kann man es vergessen.“

Riesenaufgaben

1986, als der Oosterscheldekering fertig wurde, ging man davon aus, dass er das Land in den kommenden 200 Jahren trockenhalten würde. Heute ist deutlich, dass der eindrucksvolle Bau viel früher nachjustiert werden muss. Auch der Maeslantkering, der nördlichste Teil der DeltaWerke in der Nähe des Rotterdamer Hafens, zeigt, dass die alten Berechnungen nicht mehr zutreffen. Ihre beiden computergesteuerten Türen, je 210 Meter breit, 22 Meter hoch und 15 Meter tief, werden bei einem Wasserstand von drei Metern geschlossen. In den 1990ern dachte man, das werde einmal in zehn Jahren nötig sein. In Zukunft könnten es 30 Mal pro Jahr sein. Im Februar dieses Jahres fragt Lammert van Raan, ein Abgeordneter der Partij voor de Dieren, im Parlament in Den Haag, wie die Regierung sich auf einen schnelleren Anstieg vorzubereiten gedenke.

Ein paar Wochen später empfangen die Abgeordneten einen Brief von Cora van Nieuwenhuizen, der Ministerin für Infrastruktur und Wasser. Der Inhalt: Die Niederlande, betont sie, seien „das sicherste Delta der Welt“, dank des gesetzlich vorgeschriebenen Küstenschutzes, dem „Delta-Programm“ samt angeschlossenem Investitionsfonds. Zugleich räumt sie ein, ein schnellerer Anstieg werde erst nach 2050 sichtbar. Was die langfristige Perspektive betrifft, gebe es „extrem große Unsicherheiten“, die es zu reduzieren gelte – gerade hinsichtlich der Entwicklungen in der Antarktis.

Die Küste trotz aller Unsicherheiten so gut es geht vorzubereiten auf die Herausforderungen, ist das tägliche Brot Rob Bakkers. „Ich bin Wasserbauer“, sagt der 48-Jährige, wenn man ihn nach seinem Beruf fragt. Im ganzen Land ist er im Einsatz. Eine Arbeit, auf die er stolz ist, im Bewusstsein der eigenen Erfahrung und Expertise. In den letzten drei Jahren hat Rob Bakker ein Heimspiel. Jeweils von April bis Oktober begutachtet er die Deichverstärkung auf Texel. Auf der Insel im Wattenmeer hat er fast sein ganzes Leben verbracht. Seine Eltern erlebten hier die Flut von 1953, die auch auf Texel Todesopfer forderte. Beim schweren Sturm von 1976 war er ein Kind. „Damals wurde hier evakuiert, weil die Deiche zu brechen drohten.“ Er weist aus dem Fenster seines Dienstautos auf die Polder im Osten der Insel: sein Einsatzgebiet, die Wattenmeer-Seite. Für die Touristen auf ihren Fahrrädern gehören Bagger derzeit genauso zu Texel wie die sprichwörtlichen Schafe.

An einem freien Tag hat sich Rob Bakker Zeit für eine Tour genommen, um den state of the art des Küstenschutzes zu zeigen: Steine unter der Asphaltdecke erneuern, Kleiboden durch Asphalt ersetzen, die Krone mit neuem Klei bedecken, „erosionsbeständig und sehr fett, damit auch eine Welle, die über die Krone geht, den Deich nicht angreift.“ Ganz im Süden von Texel sieht man jetzt Bagger und Sandhaufen, so weit das Auge reicht. An einer Stelle wird der Deich komplett saniert und zugleich erhöht. Im nächsten Abschnitt hat man gar eine neue Dünenreihe vorgelagert, mit Hilfe von fünf einhalb Millionen Kubikmetern aus Hochdruckreinigern aufgespritztem Sand. Die riesigen braunen Rohre, die dazu verwendet wurden, sind demontiert und warten auf ihren Abtransport. „Die Dünen können mit dem Meeresspiegel mitwachsen, wenn man in Abständen etwas Sand zufügt.“

Mit welcher Höhe man hier auf Texel rechnet? „30 Zentimeter innerhalb der nächsten 50 Jahre. Dazu zehn Zentimeter Bodensenkung und höhere Wellen.“ Für Rob Bakker ist so etwas ein „Entwurfshorizont“. Darüber, die Küste irgendwann aufzugeben, denkt er nicht nach. Wohl ist er der Meinung, man werde „auf jeden Fall knallhart“ mit dem Klimawandel zu tun bekommen. „Deswegen ist es gut, dass eine Diskussion beginnt.“ Die verlachte Gefahr Es mag am Inselwind liegen, dass die Worte des Wasserbauers schon ein paar Kilometer weiter nördlich kaum ein Echo hervorrufen. In Den Burg, dem winzigen Zentrum Texels, ist am nächsten Morgen reger Betrieb. Die Ferien gehen zu Ende, und trotz kühler Temperaturen sitzt das halbe Dorf in der noch schwachen Morgensonne. Fragt man Bewohner der Insel, ob sie sich wegen des steigenden Meeresspiegels sorgen, hört man drei Arten Reaktionen: „Ach wo, die Deiche schützen uns doch!“ oder „Also nun wirklich nicht. Das Meer und seine Gefahr waren immer da. Das sind wir gewöhnt.“ oder: Lachen.

Zu den Maßnahmen des Klimaschutzes in den Niederlanden gehören die Schließung der Kohlekraftwerke, die Einführung einer CO2-Abgabe für Unternehmen und die Förderung von E-Autos.

„Wenn das Wasser kommt, kommt es nach Oudeschild, an der Wattseite“, sagt Jenni Eilers, die in einem Sportgeschäft an der Kasse steht. „Wenn es doch bis Den Burg kommt, bin ich eben weg. Aber die Deiche sind gut in Schuss. Gerade werden sie ja auch wieder verstärkt.“ Ein Verkäufer im Laden ist der Einzige, der sich an diesem Morgen nachdenklich zeigt. Der 38-jährige Mann will anonym bleiben, als schäme er sich für seine Minderheiten-Meinung. „Natürlich steigt das Wasser. Und es ist kein Unsinn, dass das Eis schmilzt.“ Seine Zukunft sieht er trotzdem auf Texel.

Die Küste aufzugeben, findet er keine realistische Option. „Schon weil dort Amsterdam und Rotterdam liegen, die sich selbst wichtiger finden als den ganzen Rest des Landes.“ Im Falle eines Falles aber würde er seine Insel verlassen. Wohin? „Irgendwohin, wo es besser ist, nach Deutschland oder vielleicht nach Dänemark.“ Durch die Einkaufsstraße flanieren an diesem Samstag auch zahlreiche deutsche Touristen. Wer in Nordrhein-Westfalen aufwächst, landet früher oder später doch einmal als Urlauber auf Texel. Der Essener Axel Meinecke und Andreas Hühnerfeld aus Bielefeld sind schon um die 50 Male hier gewesen. Den Urlaub vermiest ihnen die mögliche Aufgabe der Insel nicht. Sie haben Land und Leute so liebgewonnen, dass sie, wenn es so weit kommen sollte, für eine humane Flüchtlingspolitik wären. „Na klar kommen die Holländer dann zu uns. Man wird sie sicher willkommen heißen. Sie bringen schließlich Geld mit.“

Fakt

Das flache Land als Klimaschutz-Vorreiter

Im Juni hat die niederländische Regierung ein umfassendes Maßnahmen-Paket zum Klimaschutz vorgelegt. Danach soll der CO2-Ausstoß im Jahr 2030 um die Hälfte reduziert sein – im Vergleich zu den Werten von 1990. Dies Ziel sei „möglich und bezahlbar“, erklärte die Regierung am Freitag in Den Haag. „Die Maßnahmen werden Schritt für Schritt umgesetzt.“ Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören die Schließung aller Kohlekraftwerke innerhalb von zehn Jahren, die Einführung einer CO2-Abgabe für Unternehmen und die weitere Förderung von elektrischen Autos. In zehn Jahren sollen alle neu verkauften Autos elektrisch sein. Die Steuer auf Erdgas wird erhöht. Die zusätzlichen Kosten werden auf bis zu zwei Milliarden Euro im Jahr geschätzt. In rund 30 Jahren soll der Ausstoß der schädlichen Gase faktisch null sein. Umweltschutzorganisationen reagierten positiv. „Dies ist ein wichtiger Schritt vorwärts“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Allerdings wird auch befürchtet, dass die geplanten Eingriffe nicht ausreichen. In zwei Instanzen hatten niederländische Gerichte den Staat zu einer weitaus schnelleren Reduzierung von Treibhausgasen verpflichtet. Die Opposition reagierte kritisch. Linke und grüne Parteien lehnten das Paket der Mitte-Rechts-Regierung als unzureichend ab. Dagegen sprach der Rechtspopulist Geert Wilders von einem Kniefall vor der „nationalen Klimamafia“. Zehntausende Niederländer haben im März in Amsterdam für eine „ehrliche Klimapolitik“ ihrer Regierung demonstriert. „Wir haben vage Versprechungen satt und fordern konkrete Maßnahmen“, hieß es im Aufruf der Organisation Milieu defensie (Umweltverteidigung) zu einem nationalen „Klimamarsch“ durch das Zentrum der niederländischen Hauptstadt.

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