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Bleiben als größtes Geschenk

Während sich ein Großteil der Österreicher auf frohe und besinnliche Weihnachtstage einstimmt, hoffen viele Asylwerber auf ein Bleiberecht.

Es ist ein kalter Tag in Wien-Josefstadt, aber dass der Heilige Abend kurz bevorsteht, ist nicht zu übersehen: Die Straßenlaternen sind mit weihnachtlichem Schmuck verziert, aus den Fenstern der Wohnhäuser leuchten Lichterketten und rund um die am Gürtel gelegene Breitenfelder Kirche stehen kräftig-grüne Christbäume zum Verkauf. Auch ein Stück von der Kirche entfernt, in der Blindengasse 44, ist Weihnachten bereits angekommen.

Hier befindet sich das Karwan Haus (altpersisch für "Zuflucht“) der Caritas Wien, in dem 183 Asylwerber untergebracht sind. "Bis 2013 war der Hauptteil der Leute jahrelang da, weil die Asylverfahren so lange dauern. Heuer haben aber viele einen positiven Bescheid oder humanitäres Aufenthaltsrecht zugesprochen bekommen, weil sie schon sehr gut integriert sind und Deutsch sprechen“, erklärt Irmgard Joo, die Leiterin des Hauses. Während die Bewohner der Unterkunft bisher zumeist aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion stammten, leben momentan viele Flüchtlinge aus Somalia und Palästina hier.

Belastende Weihnacht

Vor allem zu Weihnachten sei die Stimmung im Haus bedrückend, denn nicht für alle Bewohner sei es eine frohe Zeit: "Wird der Bescheid positiv oder negativ ausfallen? Ich kann nicht zurück in mein Heimatland, kann nicht hier bleiben - wie geht es also weiter? Für viele ist Weihnachten ein Punkt, an dem man sich denkt, dass man nun schon das dritte Jahr hier ist und es noch immer keine Lösung gibt. Die Leute sind traurig, weil sie merken, wie die Zeit vergeht, ohne Ergebnis“, so Joo.

Auch für die Muslimin Layla, die vor drei Jahren von Tschetschenien nach Österreich gekommen ist, ist Weihnachten schon "spürbar“. Aufgrund einer schweren Krankheit ist sie 2010 in das Otto-Wagner-Spital in Wien gekommen und hat während des Krankenhausaufenthaltes nur mithilfe eines Buches Deutsch erlernt. Nach ihrer Entlassung wurde sie von der Caritas aufgenommen, nahm an einem Deutschkurs teil und absolviert momentan im Zuge eines Orientalistik-Studiums einen Vorstudienlehrgang der Universität Wien. Auf Weihnachten freut sie sich schon: "Man sieht alle Vorbereitungen, die Kinder sind schon aufgeregt und erwarten ihre Geschenke. Wir haben jedes Jahr eine Veranstaltung, und ich freue mich schon, wieder daran teilzunehmen“, erklärt sie in sehr gutem Deutsch.

Bis zum Weihnachtsfest gibt es im Haus noch viel zu tun: Momentan sind die Frauen mit der Bäckerei beschäftigt und die Dankeskarten für die Unterstützer der Caritas werden gestaltet. Auch die Weihnachtsfeier für die etwa 40 ehrenamtlichen Mitarbeiter müssen vorbereitet werden. "Man merkt, dass die weihnachtliche Hektik im Haus ist“, lacht die Leiterin Irmgard Joo. Vor allem für die 76 jüngsten Bewohner des Karwan Hauses ist der Dezember eine besondere Zeit im Jahr. Bei der jährlichen "Christkindl-Aktion“ darf jedes Kind einen Wunsch aufschreiben, Spender und Unterstützer der Caritas holen diese Briefe anschließend ab, kaufen die Geschenke ein und bereiten den Kleinen so eine große Freude. "Die Kinder merken jetzt natürlich, dass die Post oft kommt und dass im Haus Geschenkpapier herum steht, sie sind deshalb schon ganz nervös. Das ist eine gute Abwechslung für sie“, meint Joo.

Für Anthony aus Nigeria hat das Weihnachtsfest große Bedeutung: "Als Christ ist das für mich eine besondere Zeit. In meinem Herkunftsland erwartet man sich zu Weihnachten sehr viel und meine Erlaubnis, hier zu bleiben, ist der beste Beweis dafür - das ist ein besonderes Geschenk“, freut sich der 29-Jährige über den kürzlich erhaltenen positiven Asylbescheid.

Seit 10 Jahren lebt Anthony hier, im Jahr 2003 hatte er sogar schon einen negativen Bescheid erhalten. "Dadurch, dass die Leute meistens sehr lange im Haus sind, können wir gut mit ihnen arbeiten, über Deutschkurse und Nachbarschaftsprojekte integrieren sie sich sehr gut, und dann kommt es oft vor, dass ein neuerlicher Antrag positiv ausfällt“, erklärt Irmgard Joo. Anthony hat nun bereits eine eigene Wohnung gefunden und wird vorerst bei der Caritas arbeiten. Danach strebt er eine Laufbahn als Pflegehilfe an. Die Prüfung dafür hat er bereits vor langer Zeit abgelegt, weil man für die Ausbildung aber auch Berufspraktika absolvieren muss und ihm der Zugang zum Arbeitsmarkt als Asylwerber damals noch verwehrt wurde, scheiterte sein Plan.

Größtes Geschenk schon vorab

Am Weihnachtsfest im Karwan Haus kann er dieses Jahr aber ohne Sorgen über seine Zukunft teilnehmen. Traditionell wird dabei im gemütlichen Veranstaltungsraum im Keller des Hauses ein kleiner Umtrunk veranstaltet: "Es gibt Punsch und auch kleine Geschenke für die Erwachsenen und dann sitzen wir beisammen. Wir feiern auch andere Feste wie etwa Bayram, das persische Neujahr, das Frauenfest und auch das Schulschlussfest. Aber Weihnachten ist uns besonders wichtig, weil es einfach unsere Tradition ist und die Kinder auch davon in der Schule lernen“, erklärt die Leiterin. Weil die Mitarbeiter der Caritas am Abend des 24. Dezembers mit ihren Familien feiern, wird das gemeinsame Weihnachtsfest mit den Bewohnern des Hauses immer schon einige Tage zuvor veranstaltet.

Zukunft ungewiss

Khalik aus Palästina ist seit zwei Jahren in Wien und steht der vorweihnachtlichen Freude etwas distanziert gegenüber. "Für mich ist das Bild noch nicht komplett“, erklärt der 37-Jährige seine Lage. Man sei nicht fair mit ihm umgegangen, zwar habe ihm das Höchstgericht in Linz einen positiven Asylbescheid ausstellen wollen, in Graz hingegen hätte der Richter verneint. "Ich habe ihn gefragt, warum das so ist, und er hat gemeint: ‚es ist so‘“, meint Khalik verständnislos. Jetzt hat er Beschwerde eingereicht und wartet auf das Ergebnis. Für ihn steht aber fest, dass er gerne mit seinem "kleinen Dorf“, wie er seine Frau und seine acht Kinder scherzhaft nennt, hier leben will.

Für das neue Jahr setzt die Leiterin des Hauses ihre Hoffnungen in das erwartete, neue Asylgesetz: "Es soll im Sinne der Menschen, die in Österreich Zuflucht suchen, sein, und es braucht Veränderungen, damit die Asylverfahren besser funktionieren. Das wichtigste ist, dass man den Leuten offen und wohlwollend gegenüber tritt und ihnen das Gefühl vermittelt, dass sie hier willkommen sind“, meint Joo.

Das wünscht sich auch Khalik: "Ich respektiere die Österreicher, den Lebensstandard, die Demokratie und die Gesellschaft hier sehr. Als Ausländer fühlen wir uns aber ausgegrenzt“, erklärt der Muslim. In seiner Heimat Palästina arbeitete der 37-Jährige als Englischlehrer, nun plant er ein Studium der vergleichenden Sprachwissenschaft in Graz. Den Österreichern würde er gerne sagen, dass er sie für gute Menschen halte, gleichzeitig würde er auch gerne das Bild der Asylwerber verbessern: "Ich bin gebildet und komme nicht aus dem Dschungel, sondern aus einem zivilisierten, schönen Land. Aber wir haben dort gewisse Probleme, die uns dazu gezwungen haben, hier her zu kommen. Ich hoffe, dass wir eines Tages in Frieden miteinander leben können, ohne aufgrund unserer Herkunft verurteilt zu werden“.

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