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Brief #4: Ich will den Halt nicht verlieren

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In der dialogischen FURCHE-Kolumne "Erklär mir deine Welt" kommen die Radiojournalistin Johanna Hirzberger und der Hörfunkpionier Hubert Gaisbauer miteinander ins Gespräch. Diesmal geht es um die Haltung zu Papst Franziskus - und zur katholischen Kirche ingesamt.

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In der dialogischen FURCHE-Kolumne "Erklär mir deine Welt" kommen die Radiojournalistin Johanna Hirzberger und der Hörfunkpionier Hubert Gaisbauer miteinander ins Gespräch. Diesmal geht es um die Haltung zu Papst Franziskus - und zur katholischen Kirche ingesamt.

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Lieber Herr Gaisbauer!

Schön, dass ich Ihnen den Frühling zeigen soll. Aber bevor ich die silbernen Fenstergriffe vor mir nach oben drücke, hole ich noch einmal tief Luft. Für das folgende Thema benötige ich einen langen Atem.

Ich finde es interessant, dass Ihnen jene Person den Rücken stärkt, die mir und vielen anderen FLINTA*s (ja, wieder ein Code, der möglicherweise aufstößt, er meint: Frauen, Lesben, intersexuelle, nichtbinäre, trans und agender Personen – also jene, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität patriarchal diskriminiert werden) immer wieder den Wind aus den Segeln nimmt. Es fällt mir daher schwer, auf diesen Ausschnitt Ihrer Welt zu reagieren. Nicht weil ich, wie man annehmen könnte und wofür es auch genügend Gründe gäbe, die katholische Kirche bashen möchte. Sondern weil mir diese Institution das Licht zum Sehen nimmt. Mit meinen folgenden Worten werde ich es niemandem recht machen. Die einen werden sich von mir angegriffen fühlen, die anderen werden von mir enttäuscht sein, gehört es doch mittlerweile zum guten Ton, aus der Kirche auszutreten. Als emanzipierte Person muss ich mich dafür rechtfertigen, für einen Verein Mitgliedsbeitrag zu zahlen, der Menschen über Jahrhunderte diskriminiert, misshandelt und sich selbst bereichert hat.

Die dringlichste Frage unserer Zeit?

Lassen Sie mich einen Bogen spannen. Der Glaube ist privat, das Private ist politisch. Da frage ich mich schon: Ist die priesterliche Eheschließung, die zurzeit wieder diskutiert wird, wirklich die dringlichste Frage unserer Zeit? Wenn ich die aktuellen Artikel zum IPCC-Bericht lese, kann ich dazu ganz deutlich Nein sagen. Und so wie in der Politik nicht auf Klimaaktivist:innen gehört wird, verschließen sich auch die konservativen Christ:innen vor jenen, die Jesu Wort nicht nur verkünden, sondern auch leben, wie die Unterstützer:innen von Maria 2.0. Ich verstehe also, wenn mir meine ­bubble sagt, ich sollte toben, mich zur Wehr setzen und meinen Mund aufmachen für jene, die dies nicht können.

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